01
Dec

88 | Mischtonträger XII

Ich sitze zu nah am Kai. Pier #6. Schlage auf. Seite 1. Welt. Sitze, Am Kai, am Hafen. Kelsey hatte sich hier letztens entschuldigt, kurz vor ihrer Kreuzfahrt nach Aquitane. Jetzt ist sie da wieder. Nein nicht sie, sondern diese Melodie, die immerzu durch den Flur rauscht. Seite 11, 13. Stritten uns immer, wie ums Goldene Fließ. In der Ferne, Sirenen. Ein Schlepper dümpelt müde im schwarzen Wasser, brasilianische Flagge. “Capitão de Areia” ist auf den Bug gepinselt worden. Unheilvoller Name. Hoffe, das er seinem Schicksal entgeht. Was? Ach so, ja, “Capitão de Areia”, das ist der portugiesische Name der “Herren des Strandes”, so `n Buch über Strandräuber aus den 90ern. Der Autor, dieser Jorge Amado, soll wohl so etwas wie der brasilianische Orpheus sein. Ich blättere weiter gelangweilt im Atlas. Seite 3. 7. Ein letztes Mal werde ich Kelsey wohl drauf ansprechen müssen. Zurück zu Seite 2. Schon wieder diese Melodie. Es klingt wie die Titelmusik von Bojack the Horseman, du weißt schon, diese super gehypte Serie auf Netflix, die ach so schön ins Schwarze treffen soll… Die Wellen singen es mir seit Stunden entgegen, und ich - ich singe es zurück… Nachdem sich das Blatt gewendet hatte begann es zu regnen. Und es regnete und regnete zwei Tage und regnete 3 Tage und regnete 6 Tage und regnete 7 Tage und regnete 8 Tage und regnete 9 Tage und regnete 10 Tage. So wie damals, in den 90ern, als wir noch zu zweit am Kai im Atlas geblättert hatten.

26
Nov

87 | Der exaltierte Voyeur

Wer nicht, wie wir, die Ausstellung von Innen nach Außen begeht, sondern vom Eingang aus, der wird von der Transparent City Serie begrüßt. Eins der ersten Bilder zeigt eine nächtliche Skyline. Und ist an Austauschbarkeit kaum zu überbieten. Desktop-Hintergrund-Fotografie. Spätere Bilder werden stärker. Aufnahmen von Glas-Hochhäusern, direkt von gegenüber. Daneben, stark vergrößert, einzelne Portraits einzelner Bewohner. Entstanden durch extreme, digitale Vergrößerung. Ein erster Versuch der Charakterisierung. Der jedoch am fehlenden Kontext scheitert. Es wird keine Lebensgeschichte erzählt. Kein Blick in die Wohnung gewährt, die Personen hängen oft neben Bildern, in denen sie gar nicht zu finden sind.

12
Nov

86 | Tanzen ist Posen

Vor zwei Uhr geht sowieso nichts. Und es ist schwer, sich bis dahin zu beschäftigen. Der erste im Club zu sein ist eine grosse Verantwortung. Es wird erst peinlich, wenn der zweite kommt. Dann muss man so tun, als wäre man viel zu cool und als wäre man sowieso gerade auf dem Sprung. Gott sei Dank gibt es den Diskonebel. Aber irgendwann nach vier hält das Stroboskop. Die. Zeit. An. Und tanzen ist nur solange posen bis man die Augen zumacht.

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