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78 | Da wo man noch Hände ringt [Belgien]

Es ist kein Zunicken, denn das kommt aus dem Hals. Es ist eine leichte, angedeutete Verbeugung aus dem Oberkörper. Ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung. Die Leute aus meinem Training schauen immer so komisch. Sagst du denn Hallo? Ne nicht so wirklich, ich kenne die ja kaum. Aber das ist eine andere Welt hier, auf dem Sommerlager. Das ist Familie. Oder Sekte, sagt meine Freundin. Da nickt man sich nicht zu. Das ist was anderes. Es ist eine leichte, angedeutete Verbeugung aus dem Oberkörper. Ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung. Die Wolken bringen die Kälte, sagte Edda nachts.

Von Johannes Hassenstein

Reggea-Rastalocken-Mann der Bongos spielen kann und die kleine Schweizerin mit den weißen Haaren liegen bekifft nachts auf dem Sportplatz. Die beiden Stillen aus dem Training sitzen nebeneinander am Meditationshügel. Zwischen ihren Knien immer noch Platz. Lasst Platz für den Heiligen Geist. Im Zweifel eine Bibellänge Abstand. Wir nähern uns nicht, denn jedes Mal, wenn an den beiden jemand vorbeigeht, erhöht sich der Abstand wieder auf eine Bibellänge, sie scheinen noch zu Zweifeln. Das Weißgurttraining hat am Ende drei Paare hervorgebracht.

Fotos von Annabel Grosse

Coole Kinder gucken nicht - Analogfotos von Annabel Grosse, Instagram: @annabel_grosse

Zur großen Vorführung am letzten Tag im Nachbarort hat Ko Myong, der Großmeister, sich etwas ganz ausgefallenes überlegt. Zwei Kunststücke, für ihn zwar mehr Gymnastik, für uns Normalsterbliche aber Ausdruck seiner psychischen und physischen Überlegenheit. Ko Myong zerschlägt einen Stein. Großes AH. Und ein Vierkantholz. Kleines ah.

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Brusthaar, das ist Mannesstolz - Analogfotos von Annabel Grosse, Instagram:@annabel_grosse

Aber den Stein kriegst du auch anders kaputt. Hammer. Oder Meißel - oder einfach runterschmeißen. Das Vierkantholz aber. Das auf zwei Servietten lagerte, die nur von zwei Messerspitzen in der Luft gehalten wurden. Das nicht. Das geht nur mit Ko Myongs Finger. Du kannst das Holz nicht sägen, nicht verbrennen, nicht durchschneiden. So wie es da ist, hat Ko Myong den einzigen Weg gefunden, es zu zerbrechen. Aber das ist für mich nicht das Beeindruckende. Ja klar, wahrscheinlich bekommen dieses Holz nur ein, zwei Dutzend Menschen auf der Erde kaputt. Was mich beeindruckt ist, dass er etwas gefunden hat, für das der einzige Weg, es zu lösen, exakt sein eigener Weg ist.

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Das Schneiden von Melonen erfordert albanische Technik - Analogfotos von Annabel Grosse, Instagram:@annabel_grosse

Training im Hapkido heißt, Gewohnheiten ablegen. Lernen, Dinge bewusst zu tuen. Denn nur was du bewusst tust, das tust du wirklich. Und Tanzen ist Posen. Nur nicht, wenn Edda die Augen zumacht. Dafür hat sie extra ihr Fledermausoberteil.

Wir campen auf der Wiese hinter dem Sportplatz. Die Pissoirs direkt an der Hauptstraße. Ich habe manchmal mit Autofahrern Augenkontakt gehalten. Das muss verstörend gewesen sein. Aber es war ein bewusstes Verstören. Eins, das man genießen kann. Ich finde, es gibt so etwas wie Pissoir-Etikette. Wenn ich neben jemandem pinkel und der anfängt mit mir zu reden. Okay. Aber bitte tu es wie wir alle und starre beschämt und leer in die Wand vor dir hinein. Und nicht mir in die Augen.

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Der geheime beste Freund. Das ist so eine Sache, die wahrscheinlich bei den Pfadfindern erfunden wurde, um die introvertierten Kids zu integrieren. Und das muss sich wohl von da aus wie ein Magen-Darm-Virus in der Zeltlager- und Klassenreisenkultur ausgebreitet haben. Du ziehst einen Namen. Und zu dem bist du dann besonders nett. Ohne, dass es auffällt. Das soll wohl dazu führen, dass man generell freundlicher zueinander ist. Tatsächlich war ich einfach nur misstrauisch, jedes Mal, wenn mir jemand einen Gefallen getan hat.

Das Mörderspiel ist noch so eine dieser Pfadfindererfindungen. Nochmal Namen ziehen. Diesmal ist das dein Auftragsmord. Tod durch was auch immer du ihm direkt in die Hand gibst. Ich hätte erwartet, ständig misstrauisch zu sein, das kam aber schon durch den besten Freund. Tatsächlich war es irgendwie Konsens, dass halt niemand irgendwas direkt in die Hand nimmt. Und ich habe 2 Stunden mit Wanja verbracht, nur um ihn umzubringen. Ihm versucht Sachen zu reichen, wenn ihm was runterfällt es aufgehoben. Klingt irgendwie nach besten Freunden und nicht nach Auftragsmord. Aber vielleicht sind wir hier gerade der Wahrheit näher, als wir vermuten.

Wegen des Mörderspiels fielen einige Sätze, die so, ohne Kontext, verstörend wirken mögen. Sowas wie: “seitdem alle tot sind, ist es in der Raucherecke viel entspannter geworden” oder: “wenn wir uns beeilen, können wir Morgen eine zweite Runde morden”.

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Die Hauptsache ist dabei sein. Dann kennst du alle seit Jahren. Ich bin häufig der Neue. Wäre gerne auch mal Teil einer langjährigen Freundesgruppe. Hat sich nie ergeben. Passiert wahrscheinlich in diesen Jahren allen, außer den Hollywoodkids. Wer trotzdem ewig mit denselben Leuten hängt, der ist entweder stehen geblieben oder nimmt sich selbst nicht wichtig genug. Ich kann die Geschichten der Leute, die sie miteinander verbinden und verbanden, nur aus ihrem Verhalten miteinander ablesen.

Na klar, man verbringt viel Zeit miteinander, tut automatisch ähnliche Dinge und ist aufeinander angewiesen. Aber nach 2 Jahren Schule stand ich in der Bücherabgabe hinter Leuten, von denen ich hätte schwören können, sie wären hier nur Statisten gewesen. Vor einer Woche kannte ich hier niemanden. Und jetzt habe ich das Gefühl, hier schon eine ganze Weile rumzuhängen. Und da hab ich mich dann bei dem Gedanken erwischt, ob ich mich nicht selber auf Integration programmiert habe. Weil ich irgendwann in meinem Leben wirklich den Drang verspürt habe, Kazoo zu lernen. Den Drang hat doch sonst keiner. Aber Kazoo spielen integriert.

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Uri Geller sieht man im Rückspiegel - Analogfotos von Annabel Grosse, Instagram:@annabel_grosse

Vielleicht war es aber auch die Geschichte mit dem Ave Maria. Irgendwann, vor einem Jahr oder so, saßen wir spät nachts in der U-Bahn und haben dann einfach so mal alle Ave Maria gesungen. Und plötzlich wurde es ruhig. Und alle haben mich angeguckt. Ey, du kannst das ja ernsthaft. Seitdem weiß ich, dass ich das Ave Maria singen kann. So richtig hoch. Wie ohne Eier. In den Chor wollte ich dann doch nicht. Ich mag das, meine Seife sorgenfrei aufheben zu können. Hab ich dann auch beim Musikabend gesungen, das Ave Maria. Und dann kennt dich halt jeder. Wenn du der riesige Glatzkopf mit der Engelsstimme bist.

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Liegen, Lagern, Brot anbraten - Analogfotos von Annabel Grosse, Instagram:@annabel_grosse

Vielleicht war es auch diese Offenheit, Leuten einfach sagen zu können, dass du sie cool findest und was du an ihnen cool findest, ohne, dass es schräg rüberkommt (das kommt nämlich normalerweise schräg rüber). Und, dass man das auch dir einfach sagt. Du bist fancy. Danke Ljuba. Ich erinnere mich an einen der schönsten Momente in meinem Leben, als ich mich am Ende der Zehnten von meiner alten Klasse verabschiedet hatte. Herr Willenbrook hatte so eine Angewohnheit, die sich Honigdusche nannte. Eigentlich stehst du vorne und alle machen dir Komplimente.

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Theeeo, The-e-e-e-o, Theo, mach mir ein Bananenbrot - Analogfotos von Annabel Grosse, Instagram:@annabel_grosse

Aber ganz eigentlich eigentlich stehst du da vorne, alle haben das Gefühl irgendwas Originelles sagen zu müssen, am Ende sagt jeder “du bist nett” und es ist allen unglaublich unangenehm. Darauf war ich eingestellt. Vorbereitet. Präperiert. Aber nicht einer sagte, dass ich nett sei. Sondern jeder. Jede Person in dieser Klasse. Hatte etwas ganz persönliches mit mir verbunden und sagte das. Und ich wusste plötzlich, ich war Teil des Lebens von fast 30 Personen gewesen und nahm jetzt Abschied. Johannes, an dir bewundere ich, dass du anfangen kannst zu zeichen, ohne zu wissen, was es wird. Das kann ich nicht. Danke Marlon.

+

In Belgien siehst du die Sterne. Manchmal lag ich einfach da und hab hochgeschaut. Einmal habe ich eine Sternschnuppe gesehen. Ich hab noch nie eine Sternschnuppe gesehen. Und ich hab gewartet, dass sie verglüht, damit ich mir was wünschen kann. Aber sie is nich. Einfach nicht verglüht. Der Typ neben mir meinte, dass das die ISS war. Scheiß Raumfahrt ey.

Aber manchmal, wenn ich den Mond sehe, und ihn bewusst als Objekt, das im Weltraum herumschwebt, und nicht nur als große Schreibtischlampe erfasse, verstehe ich, dass da mal einer draufstand. Einfach so, ich meine das bringt jetzt ja nichts. Aber wir haben mal jemanden auf den Mond geschickt. Den nehme ich eigentlich mehr so als Scheibe war. Aber da war mal jemand drauf, das fasziniert mich immer wieder. Genau so wie, dass es mal Dinos gab. Das sind so Sachen, die lernt man als Kind und findet sie dann schon faszinierend, aber je älter man wird, und je alltäglicher ein Himmel mit Leuchtscheibe und eine Erde ohne Riesenechsen (der amerikanische Präsident mal ausgenommen) werden, desto mehr fasziniert es mich wieder.

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Geister entweichen - Analogfotos von Annabel Grosse, Instagram:@annabel_grosse

Es ist der letzte Abend und wir liegen auf der Wiese hinter der Turnhalle. Sieben haben durchgehalten. Ich habe mal gelesen, dass es die Wahrscheinlichkeit, einen guten Tag zu haben, um 30 % erhöht, wenn man den Sonnenaufgang sieht. Yoshi sagt, dass das nicht stimmen kann. Und ich sage, dass mir das schon klar ist. Keine Ahnung, wie man sowas überprüft, ob man eine Gruppe den Sonnenaufgang gucken lässt und eine darf ausschlafen und dann dürfen beide über Jahre hinweg dem Tag Smileys geben. Wer würde denn da mitmachen? Und wer würde sowas bezahlen? Aber darum gehts nicht Yoshi. Ich habe das Gefühl, dass mein Tag besser wird, wenn ich den Sonnenaufgang gucke. Auch wenn ich weiß, dass das nicht sein kann. Mach nicht die Magie kaputt, da wo es sie noch gibt. Ich glaube, dass wir das bisschen, was noch da ist, gut gebrauchen können.

QITAN