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62 | Ein Hakenkreuz auf Thüringen

Als ich Jörg K. (Name redaktionell geändert) im Café nahe der Speicherstadt treffe, hat er immer noch tiefe Ringe an den Augen, obwohl der Vorfall nun schon 2 Jahre tief in der Vergangenheit vergraben liegt. Er trägt einen unauffälligen Sweater und eine generische Soft-Shell-Jacke von Lidl darüber. Er möchte nicht erkannt werden, sagt er. Er ist jetzt im Zeugenschutzprogramm sagt er. Das ist heute wirklich Ausnahme sagt er.

Von Johannes Hassenstein

Aber was Jörg K. zu erzählen hat, das klingt so unglaublich, dass man es sich nicht ausgedacht haben könnte. Er setzt sich, bestellt uns beiden Kaffee. Schwarz. Ohne mich zu fragen. Er nimmt 6 Löffel Zucker und bietet mir die Dose nicht an. Hören Sie zu, sagt er. Was ich Ihnen erzähle. Nehmen Sie es so hin oder lassen Sie es. Das hat sich kein Blogger für eine Bewerbung oder so ausgedacht. Das ist wirklich passiert, verstehen Sie. Ich verstehe nicht, aber nicke. Er atmet ein. Aus. Leckt die Lippen. Ein. Also:

Mein Vater hatte mir und meinem Bruder damals 600 in die Hand gedrückt und ist dann nach La Palma mit seiner Sekretärin, während Mama den Tenniskurs auf Ibiza verlängert hatte. Er meinte, wir sollen uns ne gute Woche machen. Wegfahren oder so. Wohin wir wollen meinte er. Wir können den Mercedes nicht nehmen aber Mamas Fiat 500 steht noch hinten in der Garage. Wir sind in den Fiat. Zum Media Markt. Neue Playstation. 250€ über. Wieder in den Fiat. Runter nach Sachsen. Jugendherberge.

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Die Guten waren alle voll. Aber die Rezeptionistin meinte. Er schluckt, hat sich an seinem Kaffee verbrüht. Schaut mich kurz mit tränenden Augen an. Aber die Rezeptionistin meinte, wenn wir zwei Dörfer weiter fahren und dann in den kleinen Wald hoch, da ist noch eine uralte Jugendherberge, vielleicht die Älteste der Welt oder so, Weltkulturerbe oder so. Da wäre eigentlich immer was frei.

Wir runter in den Wald. Da steht tatsächlich ein kleines, komplett runtergekommenes Haus. Ein Mann kommt raus als wir klingeln. Wir fragen nach Zimmern, er sagt, er hätte keine. Wir deuten hinein und meinen, da sei keiner. Er: Ok Jungs, wenn ihr unbedingt meint. Es ist die vielleicht schlechteste Jugendherberge der Welt. Die Betten sind voller Penise, Sexgesuche und fiktiven Telefonnummern. Es riecht nach diesem Kombinat aus Linol und Urin. Der Boden ist dieses “Klassenfahrt und niemand zieht die Schuhe aus” sandig. Aber für ein Hotel reichte die Kohle halt nicht.

Das Essen war mehr so pflichtbewusst. Essen halt. Dieser Früchtetee, ohne Fruchtgehalt. Diese Eier, wo du schmeckst, dass das unglückliche Hühner waren. Am ersten Tag gehen wir Rad fahren, kommen zurück, Rauch über dem Wald. Rasen los. Kommen an. Rauch weg. Jörg schüttet Zucker nach. Lässt welchen auf dem Löffel, dippt den Löffel leicht ein und lässt den Zucker sich vollsaugen. Zigarette?

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In den Keller dürfen wir nicht, sagt der Mann mit der Glatze und den Tattoos als wir nach dem Tischtennisraum fragen. Schläger hat er nur für das Baseball hinter der Theke stehen. Verwunderlich fanden wir das und gingen trotzdem in den Keller.

Haben Sie “Breaking Bad” gesehen? fragt Jörg. Ja, aber nur bis Folge 3 oder so, antworte ich, danach wollte meine Frau lieber “Riverdale” gucken. Wissen Sie, mit 30 ist das mit dem gemeinschaftlichen Serien gucken so eine Sache. Aber warum hätte ich denn Breaking Bad sehen sollen?

Alles blau. Kristalle. Blaue Kristalle. Es stinkt nach diesem wiederlichen Linol und Urin Ding. Und da sind einfach mal Backbleche voll mit. Na halt. Crystal. Ne, Crystal Meth halt. Denkt man ja nicht, dass man sowas mal zu sehen bekommt. Besonders nicht in einer Jugendherberge. Schritte. Treppe, wir unter den Tisch. Der Besitzer und sein Freund mit Glatze, der heute erst angekommen ist und Baseballschläger verleiht. Sie reden. Glatze fragt wie viel er diese Woche geschafft hat. Zu wenig. Glatze verleiht den Baseballschläger und zieht ab.

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Als wir dem Besitzer aufhelfen fragt er gar nicht. Aber wir fragen. Und er. Er erzählt. Dass er V-Mann war. Dass sie ihn erwischt hätten und, dass er jetzt für die Neo-Nazi-Szene Meth kochen muss. Die Jugendherberge hat er nur zur Tarnung gekauft. Die ist so beschissen, dass wir beide hier die ersten Gäste seit über 2 Jahren seien. Überhaupt: wer geht denn noch in die Jugendherberge, fragt Jörg abwesend und rührt in seinem Kaffee. Als wir fragen, was die Nazis mit dem Meth wollen, ob die das nehmen oder so, da sagt er: Ne, verkaufen! Und dann? Dann kaufen sie Bäume. Wie, Bäume, fragen wir verdutzt. Ja, Bäume, sagt der Besitzer, der den Baseballschläger geliehen bekommen hat. Blutbuche heißen die. Die kaufen sie von dem Geld vom Meth und pflanzen die in ganz Deutschland ein. Weiß auch nicht warum.

Aber wer wäre er denn auch gewesen, das weiter in Frage zu stellen, lacht Jörg. Zigarette? Ich schaue ihn an. Wie, das ist jetzt die Geschichte? Ein Ex-V-Mann, der in einer alten Jugendherberge Meth für Neo-Nazis kocht, und die kaufen dann damit Blutbuchen? Ja, sagt Jörg. Fast. Der Hammer kommt jetzt.

Wissen Sie, Blutbuchen werden bis zu 30 Metern hoch und blühen rot. Erinnern sie sich noch an die Luftbilder, die die NASA letztes Jahr veröffentlicht hat? Ja, sage ich. Haben sie da genauer hingeschaut? Ne, sage ich. Wenn sie da mal so über Thüringen reinschauen, ja? Machen Sie mal. Ich suche die Fotos auf Google, wähle Die über Deutschland und zoome über Thüringen rein. Er zeigt auf mein Display. Sehen sie das? Das T mit dem Extrastrich da? Ja und jetzt, frage ich? Die scheiß Nazis pflanzen ein Hakenkreuz auf Deutschland! Und wissen Sie warum?

Ne. Sie sind doch Journalist! Ich bin Blogger, antworte ich. Na trotzdem. Sie wissen doch, dass Hitler nicht tot ist sondern auf den Mond geflohen ist, oder? Und da reiten die jetzt auf Dinos. Die Dinos sind auch nicht tot sondern auch auf den Mond geflohen. Und schießen Laserstrahlen mit den Augen. Haben Sie nicht “Iron Sky” gesehen? Ich habe Iron Sky gesehen, aber bisher war ich nicht so ganz überzeugt von der Theorie mit den Mond-Nazis. Na auf jeden Fall versuchen die Neos jetzt halt denen da oben ein Zeichen zu senden, dass sie noch Unterstützer haben, damit sie wieder kommen, sagt Jörg. Ich erstarre. Es macht alles Sinn. Ich bedanke mich und verlasse das Café, ohne auch nur eine der beiden Zigaretten, die Jörg mir angeboten hatte, zu rauchen.

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Jörg liegt zwei Wochen später auf der Intensiv. Alkoholvergiftung. Sieht schlecht aus. Jemand hat ihm auf der Party mit Edding einen Hitlerbart gemalt. Ich lache. Warum. Nur so. Der Beschluss steht fest. Irgendjemand muss handeln. Jörg ist ausgeschaltet und ich weiß nicht wie lange es dauert, bis sie mich haben. Es muss noch mehr Verstecke geben. Ich muss nach Sachsen. Ich muss in die Jugendherbergen. Und es gibt nur einen Weg. Und der führt über Sie! Ja, genau über Sie. Unterstützen Sie mich, meine Recherche, meinen Blog und ich berichte für Sie aus Sachsen und den Jugendherbergen. Von Landromantik, Abschalten, Landschaftswundern und Urigen Erlebnissen. Davon, dass Jugendherberge längst nicht mehr bekritzelte Betten, schlechter Früchtetee, sandige Böden und Linol-Urin ist. Aber natürlich nicht über die Mondnazis. Das bleibt unter uns.

QITAN

*Dieser Text war so und unverändert meine Bewerbung für den #sommerfürlau Wettbewerb der Deutschen Jugenherbergen. Und ist natürlich komplett fiktiv. Basiert aber auf einer Kurzgeschichte von Till (Instagram: @lordhimbert) und unseren, gemeinschaftlichen abstrusen Ideen.