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21 | Der dichtende Wrestler

In der Rotunde der Hamburger Kunsthalle steht ein Haufen Statuen. Die warn wir mal besuchen gehen neulich. Nachdem sich mein Philosophiekurs ein ganzes halbes Jahr mit Ästhetik beschäftigt hatte waren wir nun endlich auf der Suche nach der Selben. Unter kompetenter Führung begannen wir unser Abenteuer Kunst in besagter Rotunde. Die Augen offen haltend nach der einen Statue die uns zutiefst verstört und eben der anderen Statue die uns ein wenig anzieht.

Von Johannes Hassenstein

Im Erdgeschoss der ikonischen, vom Hauptbahnhof gut sichtbaren Rotunde der Hamburger Kunsthalle befindet sich eine Statuensammlung des 20. Jahrhunderts. Hier tummeln sich Statuen von Georg Kolbe, Paul Hamann und Aristide Maillol. Die Rotunde wird vom markanten kleinen Zyklopen von Bernhard Luginbühl bewacht und wurde, genauso wie der Rest der Kunsthalle, in der Gesamtrenovierung 2016 neu gestaltet und bestückt. Leider hatte ich meine Kamera nicht bei und zu vielen Werken lassen sich keine Lizenzfreien Bilder finden. Insofern ab und zu mal Links zu Bilddateien.

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Die Riesin

Oberhalb der Treppe war ein recht rechteckiger Sockel. Mit einer Frau darauf. Einer Riesin. Und dass ich einer Frau auf Augenhöhe begegne kommt wirklich selten vor. Diese Angst vor großen Frauen scheint nicht nur mich zu betreffen. Unser Freund Edmund Burke, seinerseits ästhetischer Realist, findet seine 7 Aspekte der Schönheit in der Frau. Und dazu gehört eben auch verhältnismäßige Kleinheit. Noch interessanter wird die Statue aber erst im Kontext zu dem restlichen Kanon an barbusigen Frauen in der Rotunde. Ihnen allen gemein der idealisierte Körper, der weiße, reine Stein und eben die verhältnismäßige Kleinheit.

Maillol der Fluss

Die Riesin heißt eigentlich Der Fluss und ist eine Statue von Aristide Maillol. Maillol gilt aufgrund seiner Hinführung der Plastik in Richtung Abstraktion als “der Cézanne der Bildhauerei”. Die Statue stand bis 2016 auf einer Stele vor dem Wallringtunnel, bis sie nach abgeschlossenen Umbauarbeiten in die Rotunde verlegt wurde. Der Fluss existiert in insgesamt 4 Originalabgüssen, weitere in Paris und New York. Warum dieser neue Standort der Statue weitaus würdiger ist hat Cem Basman in seinem Blog sehr schön formuliert.

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Die Asozialen

Als ich in Neuseeland war habe ich gedrechselt. Insofern war mir das Objekt was mir in der ziemlichen Mitte der Rotunde begegnete in der Optik bereits gewohnt. Ein grob säulenartiges Etwas mit variierenden Breiten auf der Horizontalen. Ein Tischbein vielleicht. Erst bei näherer Betrachtung fiel mir die Unregelmäßigkeit auf. Zwar nur ganz leicht aber doch auffällig unterschieden sich die verschiedenen Vertikalen Züge der Säule. Und plötzlich waren da die Asozialen. Eine Gruppe menschlicher Figuren, Allen im Raum den Rücken zuwendend (erkennbar am erahnbaren Hinterteil), still schweigend zusammenrückend und Etwas, sei es Mensch, Objekt oder Gedanke, in ihrer Mitte bewachend. Diese Statue macht Einiges noch interessanter. Sie ist die einzige Gruppe im Raum, wenn man von allen Paaren absieht. Und diese Gruppe wendet als einzige Statue im Raum dem Betrachter den Rücken zu (wenn man davon absieht, dass man Statuen auch umrunden darf, aber die Asozialen zeigen einem immer die kalte Bronzeschulter). Hier gibt es die Skultpur zu sehen.

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Der dichtende Wrestler

In der Gallerie der klassischen Moderne befinden sich viele schöne Bilder aus der Zeit nach 1900. Und weniger schöne. Je nachdem worauf man achtet. Nachdem wir schon einmal gegenüber der Statuen unser subjektives Werturteil gefällt hatten sollten wir uns nun noch einmal eine Meinung bilden. 20 Minuten Zeit um die zahlreichen Räume zu durchforsten. Und wie immer mit dabei T-Dog (Instagram @lordhimbert). Unseren ursprünglichen Plan, unser umfassendes Wissen über Ästhetik zu konsultieren warfen wir schnell, wenn auch gekonnt auf den Haufen. Stattdessen schritten wir im Marschtempo durch die hallenden Räume und ließen uns von schnellen Impressionen leiten. Till fand zuerst mit freudigem Ausruf “Oh, Ein Bacon!” ein Bild von - Bacon. Und fand dann doch den Emil Nolde und seine wilden Pinselstrich mit leuchtenden Farben sehr ansprechend, ich hingegen das, bis zu einem gewissen Gerade realistische Portrait von Egon Erwin Kisch, gemalt von Christian Schad. Schließlich einigten wir uns. Auf den dichtenden Wrestler.

Das Bildnis Tchouiko von Sonia Delaunay-Terk zeigt den ukrainischen Dichter Tchouiko. Insgesamt malte sie zwei Bilder, das Erste zeigt ihn klar umrissen, seine dunkle Figur setzt sich klar vom hellen Hintergrund ab. Das zweite aber zeigt ihn fast leuchtend vor einem floralen Hintergrund in Primar- und Sekundärfarben. Sonia tauchte dank einer kurzen Ehe mit einem Kunsthändler ab 1905 in die internationale Avantgarde ein und wurde unter anderem von Gogh und Gaugin inspiriert. Hier gibt es das Bild bei der Hamburger Kunsthalle zusehen.

Der Podcast zu diesem Artikel


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Das Wohnzimmer ist die Gallerie des kleinen Mannes. Und so sollte man sich dann doch in den richtigen Gallerien nicht gerade die Werke nach Wohnzimmerqualitäten aussuchen. Viel lieber richtig gut das Bild reflektieren, Wirkung und Aussage beachten. Aber T-Dog und meine Wenigkeit reflektierten viel lieber auf das Kunstbegucken selber und gelangten zu der Feststellung das Kunst vorallem Spaß machen muss. Und ins Wohnzimmer passen sollte sie auch. Insofern vermieden wir dann bei der anschließenden Werksvorstellung jegliche Reflektion über Künstler und Entstehung. Wozu auch.

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Kaktusmann 2

Wenn man die Gallerie der klassischen Moderne betritt und sie chronologisch und psychologisch korrekt im Urzeigersinn druchschreitet so wie wir dann erreicht man irgendwann einen Punkt an dem sagt “Oh ja, hier will ich bleiben”. Wir erreichten diesen Punkt beim betreten der Räumlichkeiten für die Konkrete Kunst und ihrer Brüder im Geiste. Aber warum gerade da. Meine Bewunderung für das Portrait rührte von dem etwas surrealistischen Schauplatz und der nicht direkt zu durchschauenden Natur des Portraitierten her. Tills Faszination für Bacon kam von der mysteriösen und einschüchternden Wirkung. Nolde weils einfach toll aussieht, und der dichtende Wrestler eben auch. Aber nichts macht uns mehr Spaß als eben diese abstrakte, minimalistische, konkrete Kunst zu hinterfragen. Warum funktioniert das obwohl da eigentlich nichts ist. Warum finde ich das ästhetisch, obwohl ich es nicht sollte. Vielleicht rührt daher unsere geteilte Faszination für dubioses. Und abstrakte Kunst is eben das, ein Dubiosum. Übrigens gibt es zu diesem Artikel auch einen passenden Podcast auf Soundcloud.

kaktusfrau-zwei

Direkt neben Der Geburt der flüssigen Ängste von Dali Darling stand eine kleine, unscheinbare, schwarze Holzstatue. Wieder mal was für Burke. Mein Vater hatte früher auf der Toillette eine kleine nackte Frau aus Holz stehen. Das fand ich mit acht damals ziemlich komisch. Ähnlich war auch diese Statue doch nun begegnete ich ihr mit mehr Interesse. Der Titel war Kaktusfrau. Und die Plastik war durchsetzt von Nägeln. Und nun öffnen sich in deinem Kopf die Deutungshypothesen. Die Frau schützt sich gegen die patriarchalische Gesellschaft. Schwarzer Kaktus gleich Unterdrückung schwarzer Frauen. Vielleicht geht es hier auch nur um schwarz lackierte Nägel, wer weiß. Und ich fand die Statue auch ganz toll. Aber nur wegen des in Klammern hinzugefügten Zweittitels. Kaktusmann 2. Und jetzt?

QITAN