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77 | Melodien aus Hong Kong

Wir kaufen ein Bier und eine Uhr für 2 Euro auf dem Beckstraßenfest. Till freut sich über sein Bier. Und ich mich über meine Uhr. Sie sieht aus wie meine Casio, nur irgendwie anders. Und “7 Melody Chrono” steht drauf. In der Rindermarkthalle kaufe ich eine neue Batterie, im “Hot Dogs” setze ich sie ein. Und Till hat neue Sneaker. Jetzt laufen sie beide wieder. Till und die Uhr. Abends google ich den Markennamen, der auf einer schwarzen Plakete auf der Uhr steht. Jasa. Ich finde ein Youtube-Video, eine alte Ebay-Listung und zwei Einträge ohne Inhalt in Sammlerforen. 5 Stunden Recherche, einen Juwelier und ein Auktionshaus später bin ich Experte für die Entwicklung von Digitaluhren mit LC-Display in der UdSSR der frühen 80er.

Von Johannes Hassenstein

Das LC-Display basiert auf Flüssigkristallen (Liquid Crystals halt) und wurde so Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt. Im Prinzip ist es nichts anderes als ein An-Aus-Prinzip. Die Kristallfelder werden in Form der einzelnen Ziffernsegmente auf einen Spiegel aufgebracht. Und können dann entweder Licht durchlassen. Oder eben nicht. Und so entstehen die schwarzen Zahlen auf dem Display. Moderne Displays basieren auf demselben Prinzip, nur viel ausgereifter. Durch stete Weiterentwicklung war es Mitte der 70er erstmals möglich, Armbanduhren mit Digitalanzeige zu produzieren.

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Es gab zwar bereits Varianten mit LEDs, die konnten aber, weil die LEDs soviel Strom verbrauchten, die Zeit nur auf Knopfdruck anzeigen. Das stand einem lässigen auf die Uhr schauen, während in der Hand ein Nutella B-Ready Stick gehalten wurde, natürlich im Wege. Besonders die Schweizer, Vorreiter was mechanische Uhrwerke anging, versuchten die Technologie nach vorne zu bringen. Am Ende waren es aber doch die Chinesen, die absahnten. Damit wurde Hong Kong zur wichtigsten Produktionsstätte und die Marken Casio, Citizen (die erschwinglische Uhr für den Bürger - Citizen) und Seiko zu den Pionieren.

In der UdSSR sehnte man sich nach dem Westen. Sowohl die Regierung, als auch die Bevölkerung wollten weiterhin Teil der modernen Welt sein. Und so entwickelte Russland ein eigenes, staatliches Uhrenprodukt. Die Elektronika. Besonderheit: Sie machte Musik. Und zwar ganze 7 Melodien. Und dieses Plärren muss wohl Millionen von Russen, Polen und Jugoslawen vom fernen Westen träumen lassen.

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Zumindest, wenn man den russischen Nostalgia-Foren und deren Übersetzung mit Google Translator glaubt. Da wird erzählt, wie Melodieuhren zu Konfirmationen, Hochzeiten und Geburstagen verschenkt wurden. Und wie neidisch man als Kind auf die war, die sie trugen. Wie immer um voll in der Tram, in der Fabrik oder im Geschäft, ein Kanon von Dudelmelodien losbrach.

Melodieuhren wurden aber nicht nur von Elektronika produziert. Auch Hong Kong produzierte und exportierte sie. Unter Namen wie Convoy oder Kessel. Und wahrscheinlich eben auch Jasa. Später wurden billigere Varianten nach Amerika unter dem Namen “Montana” exportiert. Diese nennen die Sammler und Uhrenprofis nur abwertend Tin-Foil-Montana. Alufolien-Montana. Wenn das kein Bandname für eine progressive Industriepunk-Band ist.

Aus dem Kommentar unter einem Youtube-Video geht hervor, dass diese Art Uhr in Polen 5000 Zloty gekostet haben muss. Das ist viel Geld. Wobei zur selben Zeit in Polen auch eine Inflation begann, zu deren Höhepunkt ein Brot 100 Zloty kostete. Oder eine Uhr halt 50 Brote.

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Nebst den verschiedensten Namen gab es aber auch verschiedene Typbezeichnungen. 7-Melody, 8-Melody und 16-Melody. Tatsächlich spielten aber alle Uhren nur 7 Melodien, die 8 und 16 bezogen sich auf die 8- und 16-Bit im Speicher. Und wurden nur auf spätere Modelle geschrieben, um sie moderner und fortschrittlicher wirken zu lassen.

Mir ist erst viel zu spät aufgefallen, wie genial es von Apple war, das Iphone 10, und nicht das Iphone 9 rauszubringen. Seitdem Steve Jobs tot ist, ist Apple vom Pionier und Visionär zum meren Verpackungskünstler degradiert. Technisch mithalten können die Iphones längst nicht mehr. Aber während Samsung gerade das Galaxy S9 rausgebracht hat, ist Apple inzwischen schon bei der 10. Es ist so einfach. Aber trotzdem. Trotzdem wirkt das Telefon dadurch irgendwie besser. Wer kauft schon ein Telefon mit einer 9 darauf, wenn er eins mit einer 10 darauf haben kann? Und wer will schon 7 Melodien, wenn er 16 haben kann?

Von der Firma Jasa ist aber leider sonst nicht viel zu finden. Wahrscheinlich ist es eine dieser erfundenen Firmen gewesen, die man dann nachher doch nicht gebrauchen konnte. Außer dieser Uhr konnte ich nur noch einen Kugelschreiber mit eingebauter Digitaluhr finden. Und. Überraschung. Transformers-Uhren aus Plastik. Ziemlich stabile Produktpalette, wenn du mich fragst.

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Der Juwelier und Uhrmacher, bei dem ich direkt am Montag war, war leider ein Reinfall. Der Herr Kramer selber war nicht da. Und der Angestellte (Mitinhaber?), der war ziemlich unfreundlich und fand sich selber am besten. Und die Google-Rezensionen bestätigen den Eindruck. Wo denn das Bier sei, wollte er wissen. Und die Uhr sei “nichts”. Ja ich weiß, ich halte eine digitale Armbanduhr vom Flohmarkt auch für keine Breitling? Und mir geht es auch nicht um den Wert, sondern um die Geschichte. Er erzählt wirr, dass die Firma Jasa wohl schnell bankrott gegangen wäre, weil die Ex-Frau des Besitzers ihn in den Suizid getrieben. Die arbeite jetzt in der Süderstraße, sagt er. Dann schmeißt er mich raus. Schade, dass jemand, der ein so filigranes und wunderbares Handwerk betreibt, den Blick für innere Werte verliert und nur noch nach Geld schaut. Gehört sich nicht für Uhrmacher, meine ich.

In der Süderstraße ist das Auktionshaus Cortrie, spezialisiert auf Schmuck. Und Uhren. Einen Anruf, der glaube ich im Nachhinein unglaublich dubios gewirkt haben muss, und eine E-Mail später, teilt man mir mit, dass diese Uhr leider weit entfernt von einem Sammlerstück sei und man daher keine Informationen habe. Aber zumindest antwortet mir der Geschäftsführer persönlich. Danke.

Diese Uhr, die ich da am Arm trage, sie ist nichts wert. Das weiß ich inzwischen mit Nachdruck. Natürlich wäre sie gewinnbringend. Für mehr als 50 Cent (und ein Bier) werde ich sie bestimmt los. Auf Ebay laufen ähnliche Uhren für 60 € und aufwärts. Aber ich werde sie nicht verkaufen. Denn was ich da am Arm trage, das hat Geschichte. Und Wert. Diese Uhr wird von irgendjemandem vor Jahrzehnten für viel Geld gekauft worden sein. Diese Uhr wird Bedeutung für ihn gehabt haben. Sie wird ihn haben träumen lassen. Vom Westen. Vom Glück. Vom Besseren. Diese Uhr zu tragen, bedeutet für mich, die Träume eines Anderen am Handgelenk zu haben.

QITAN