05
Jul

66 | Geschichten aus Goblinstadt Zwei

Also ich habe 18 Lebenspunkte, aber das darfst du den Kiddies nicht sagen, sonst fragen sie die ganze Zeit. Volckel* ist unter der Orkmaske kaum wieder zu erkennen. Der Hammer ist noch weicher gepolstert, als die anderen Waffen hier. Ob der mehr Lebenspunkte abzieht, frage ich. Ne, aber der macht Eindruck. Wumms. Wegrennen. Als ich frage, ob er denn selber als Hobby LARPen würde, sagt er mir ja, aber nicht als Ork, da musst du mal Ronja fragen, die macht das. Und für richtigen Ork-LARP, würde das Kostüm auch gar nicht reichen, meint er. Als Alex mir später Fotos von ihm und seinen Jungs auf dem Handy zeigt, verstehe ich, was Volckel* meint. Da auf dem Foto. Das sind Orks. Kein Zweifel möglich.

Eine halbe Stunde später kommt Volckel* verschwitzt aus dem Ausgang, auf dem “Nur Monster” direkt zweimal geschrieben steht. Seit 11 ist er da drinnen. Jetzt haben die Kinder ihn aber besiegt. Ob er jetzt ein anderes Monster spielt? Ne. Feierabend! Jeder Mitarbeiter erzählt mir eine andere Geschichte darüber, warum er hier arbeitet. Gerlin* weiß es selber gar nicht mehr so genau. Aber sie studiert auf Lehramt, da passt das. Und sagt, sie hat einmal bei Burger King gearbeitet. Und nach dem hier, würde sie da nie wieder hingehen. Für Erasmus* ist es die perfekte Kombination: Er LARPt selber und ist in der Ausbildung zum Erzieher. Und will sich später mit einem eigenen Pädagogikkonzept selbstständig machen. Und ich habe schon so eine Ahnung, wie das aussehen wird.

Appolonia* erzählt mir, dass erst seitdem sie ihre Haare wieder kürzer hat, die Kinder ihre angeklebten Elfenohren für echt halten. Ob sie selber LARPt? Nein, aber das würde sie gerne. Zu wenig Zeit. Zu wenig Geld. Sie lebt sich stattdessen hier aus. In ihrem Gürtel stecken immer mindestens 4 Schaumstoffdolche.

Bei LARP-Waffen gibt es 2 verschiedene Sorten: die mit Kernstab und die ohne. Die meisten Messer und Dolche haben keinen harten Kern, können also geworfen werden. Schwerter, Äxte, Keulen und Hämmer aber, haben eine stabile Mitte. Das heißt aber auch, dass man damit weitaus verantwortungsvoller umgehen muss. Das merkt man hier aber schnell, spätestens wenn Appolonia* bei der ersten Spieleinweisung das Schaumstoffschwert mit voller Wucht an den Tisch haut. Der laute Knall sorgt ganz schnell für Vorsicht.

Bilder aus Goblinstadt

Ronja erzählt mir davon, wie es ist, ein Ork zu sein. Man spielt als Bösewicht viel weniger für sich selbst, als für das Spiel selber. Was nicht heißt, dass man keine eigenen Interessen verfolgen kann. Nur hat man als Bösewicht vor allem die Aufgabe, dass alle Spaß haben, nicht nur man selber. Und, wenn man stirbt? Ja, dann ist meistens der superhäßliche Nachbar, der fast genauso aussieht wie man selber gestorben. Bei den aufwendigen Kostümen wäre sonst spätestens um acht kein einziger Ork mehr da.

Ansonsten bastelt sie gerade an einer Adeligen (für ihre Abschlussarbeit in Kostümschneiderei) und spielt einen Gossencharakter. Einfach mal nichts machen. In den Tag leben. Und in der Bar arbeiten. Denn wer auf der Con (also auf der LARP-Veranstaltung) in den In-Game-Läden arbeitet, kommt kostenlos aufs Event und kann nach seiner Schicht seinen Charakter ganz normal weiterspielen. Ob man Ork-Sein im LARP und hier als Mitarbeiter den Bösewicht geben, vergleichen könnte, will ich wissen. Naja, man spielt halt vor allem dafür, dass alle Spaß haben. Also eigentlich sind die Bösen die Guten.

Sie erzählt, dass die Kinder, selbst wenn man superdramatisch gestorben ist, noch weiter kämpfen. Das ist Berufsrisiko. Ob das auch Häme ist, will ich wissen. Sie glaubt nicht, mehr der Spaß am gemeinsamen Sieg. Und die Kinder, die das nicht verstehen. Die landen im Buch des Grolls (wirklich). Selbst manche Erwachsene verstehen das Ganze nicht. Die lösen Aufträge im 2-Minuten-Takt und meckern ihre Kinder an, dass sie mal Hinne machen sollten. Aber darum gehts hier nicht. Es geht um den Schritt. Und zwar den eigenen - egal wie lange der braucht. Das Interview mit Ronja auf im Podcast.

Der Podcast zu diesem Artikel


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Ich frage Yrmel*, ob sich auch manchmal Kinder “zu” erwachsen fühlen. Das alles nicht mehr so richtig ernst nehmen und die Anderen dafür runtermachen. Eigentlich ist das noch nie vorgekommen. Hier geht das irgendwie. Selbst für die, die sonst so cool sind. Nur einmal haben zwei Mädels mit Iphone statt Laterne geleuchtet. Aber mehr. Mehr ist eigentlich noch nie passiert. Noch mehr Geschichten kannst du im ersten Artikel lesen.

Was macht man hier eigentlich? Aufträge in der Goblinstadt erfüllen! Und dabei selbst entscheiden, ob man dazu in die Monsterzone geht oder nicht. Kampf ist also optional. Und dann gibt es Rohstoffe. 5 mal denselben und es geht ein Level rauf. Und dann gibt es endlich das größere Schwert. Weil Rohstoffe klassenspezifisch sind und zufällig verteilt werden, wird ziemlich hart verhandelt. Sag ich dir für 2 Tintenfässer hört man hier öfter. Um die Aufträge zu lösen braucht es Logik, Ortskenntnis. Und Lesen, Schreiben, Rechnen. Ist das für die Erwachsenen nicht zu langweilig, frage ich Alex. Der lacht. Ne du, die schaffen schon manchmal solche “Was-Steht-Auf-Dem-Plakat-Geschichten” nicht!

Bilder aus Goblinstadt

Hier ist alles ganz schön stilecht. Es gibt “Spektakeltüten” zum Abschied und das Geschirr landet in der “Zwergenlohre”. Alex und Claudia verwirklichen hier ihren Traum. Und der ist, wie auch ein Rollenspielcharakter sagt Alex, nie wirklich fertig. Was kommt noch? Mehr Räume. Eine Arena, wo unter Aufsicht gekämpft werden kann. Mit Bestenliste und allem. Davon gehen auch schon Legenden in der Goblinstadt herum.

Und viel mehr versteckte Technik. Die Türen sollen nicht mehr mit Schlüsseln geöffnet werden, sondern mit magischen Amuletten. Und der Magier, der bisher mit magischen Flammen den Weg erhellt hat. Der soll bald schon mit seinem Stab das Licht bringen. Betritt er einen Raum, geht das Licht an. Das sind natürlich alles Mikrochips und NFC-Technologie (Near Field Communication). Aber das weißt du ja als 6-Jähriger nicht. Da ist das was anderes. Da ist das pure Magie.

Bilder aus Goblinstadt

Irgendwie schön, wie die moderne Technik uns, oder zumindest unsere Kinder, dem Traum näher bringt, endlich im Mittelalter leben zu können. Eigentlich wollte ich auch noch Sonntag kommen. Aber die eigene Abiparty ist nur einmal im Leben. Also komme ich nur kurz vorbei, um Tschüss zu sagen. Und Danke. Fürs herzliche Aufnehmen, fremde Welten Zeigen und viel Erzählen. Für die Fritz Kola. Und Danke, dass ihr das da aufbaut. Das, was ich auch gerne als Kind gehabt hätte.

QITAN

*Namen redaktionell geändert

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