24
Apr

44 | Johannes von Heinz Körner

Johannes zerstört Klaus Scheinwelt. Johannes ist ein alter Mann. Mit Bart. Lang. Das Buch darüber, von Heinz Körner, ist kurz aber heißt auch “JOHANNES”. Der Tag beginnt mit Suche, Klaus lässt sich krank schreiben, wandert ziellos, findet Bank und Johannes, sie reden. Und Klaus Fundament bröckelt. Die Erzählung handelt von den innersten Dingen im Leben. Selbstanspruch, Disziplin, Sinnsuche. Die Dinge, die Johannes gesagt hat sind Dinge die, ich, Johannes auch sagen würde, wäre ich denn ein alter Mann. Aber noch ist es mir nicht vergönnt, Angestellte, die meine Rente zahlen, in meiner Freizeit an sich selber verzweifeln zu lassen. Noch. Aber Johannes, also Buch Johannes, hat schon einiges zu sagen. Tighte Lines, wie der Vice-Redakteur jetzt geschrieben hätte. Bin aber nicht bei der Vice. Also. Die Textstellen aus Heinz Körners Erzählung “JOHANNES”, die ich für die Wichtigsten halte:

“Deine Angst schnürt dich ein, sie fesselt dich und hindert dich an der Entfaltung all deiner Fähigkeiten. Die Angst hindert dich am Leben, wohin du auch blickst. Und den meisten anderen geht es genauso. Sie stecken in einem tiefen Sumpf. Die meisten leiden darunter, doch kaum einer wagt es, den gewohnten Sumpf zu verlassen. Es scheint so, als würde er Sicherheit bieten, weil man gewohnt ist, in ihm zu leben. Doch hätten die Menschen immer noch Angst, wenn ihnen ihr Sumpf wirklich Sicherheit gäbe?”

[…]

Leute, die für den Umweltschutz kämpfen und dabei kettenrauchen.

“Tief im Inneren spürt jeder die Möglichkeit, den Sumpf zu verlassen und an der Sonne zu leben. Doch die Angst vor der Sonne, vor der Freiheit, ja, die Angst vor den eigenen Möglichkeiten läßt uns in unserer gewohnten Umgebung verharren. Sie lässt uns den Gestank und die Unbeweglichkeit, die Dunkelheit und den Morast als annehmbar erscheinen. Und dabei versinkt jeder Tag für Tag ein Stück mehr in diesem Sumpf. Mit jedem Tag, den einer darin verbringt, wird es noch schwerer, ihn zu verlassen. Ja, und so beschäftigt sich jeder damit, wie man am besten den Gestank vertreibt, wie man den schleimigsten und dreckigsten Morast am besten ertragen kann und wie man die Zeit des allmählichen Versinkens noch am angenehmsten verbringt.”

[…]

Feministinnen, die von nichts anderem reden als von Männern.

“Und das sind völlig unwesentliche und überflüssige Beschäftigungen. Wesentlich ist es, den Weg aus dem Sumpf zu finden, zu lernen, wie man sich in der Sonne bewegt, wie man lebt, wenn man nicht von Morast und Dreck eingeschränkt wird.”

[…]

“Jeder, der sich entschieden hat, in diesem Sumpf zu leben, weil er sich anscheinend wohl darin fühlt, soll meinetwegen darin versinken. Doch jeder, der es besser weiß, hat die Verantwortung für sich zu übernehmen und den besten Weg an die Sonne zu suchen. Es hilft weder ihm noch den anderen, wenn er jammernd immer weiter versinkt, den übermächtigen und riesigen Sumpf beschimpft, ihn aber aus Angst vor der Freiheit nicht verläßt. Und auch der Hinweis auf die vielen anderen, die dich nicht herauslassen, hilft dir nicht. Diesen Hinweis kannst du von jedem hören und jeder schiebt die Verantwortung auf alles mögliche, nur nicht auf sich selbst. Das ist wie bei einer Wahl: Wenn alle sagen, dass es auf ihre einzelne Stimme nicht ankommt, wird keiner wählen. Wenn jeder in unserem Sumpf sich von der Angst der anderen anstecken läßt, wird niemals die Menschheit diesen Sumpf verlassen.”

[…]

Kommunisten, die ihre Partner wie Eigentum behandeln.

“Eine bessere Welt wird es niemals geben, solange jeder nur davon träumt. Nur wenn jeder damit beginnt, im Rahmen seiner Möglichkeiten menschlicher zu leben und nicht nur davon zu reden, nur dann wird das eintreten, wovon auch du träumst.”

[…]

“Deshalb gibt es Leute, die für den Umweltschutz kämpfen und dabei kettenrauchen. Oder Leute die ganz autoritär für eine antiautoritäre Gesellschaft eintreten. Oder Feministinnen, die von nichts anderem reden als von Männern. Psychologen, die mit sich selber nicht zurechtkommen. Kommunisten, die ihre Partner wie Eigentum behandeln. Und Christen, die überhaupt nicht christlich handeln.”

[…]

Nicht sich betäuben in der Hoffnung den Sumpf zu vergessen.

“Erstens wurde das System, in welchem du lebst von Menschen geschaffen, und es kann auch von Menschen wieder geändert werden. Dazu müssen die Menschen es nur ändern wollen. Sie müssen den Sumpf verlassen wollen. Ich halte es für falsch, dem System die Schuld für die Unfähigkeit der Menschen zu geben. Die Masse der Menschen verhält sich so, dass dieses System möglich ist. Dabei sind die Beherrschten genauso beteiligt wie die Herrschenden, weil beide dazugehören und die einen ohne die anderen nicht weitermachen könnten. Dass viele ein Interesse daran haben, die bestehenden Verhältnisse zu festigen, ist unbestreitbar. Sie glauben es ginge ihnen gut, und wer will sich schon den eigenen Ast absägen? Es ist auch richtig, dass vieles im politischen und wirtschaftlichen System so übermächtig und verselbstständigt erscheint, dass es von Menschen anscheinend nicht mehr beeinflusst werden kann. Trotzdem könnte auch dies nicht geschehen, wenn es die Mehrheit der Menschen nicht mehr wollte. Doch die meisten wollen es, sonst wäre es nicht so. Die meisten haben ganz einfach Angst davor sich zu ändern, sich anders zu verhalten. Deshalb kann ein anderes System durchaus möglich sein, doch die Menschen werden genauso feige und abhängig sein wie vorher, solange sie sich nicht ändern wollen.”

[…]

Auch nicht blindlings um sich schlagen und den Sumpf zu bekämpfen, an dem zu viele noch verzweifelt festhalten.

“Jeder reagiert auf seine Weise darauf, dass er in einem stinkenden Sumpf steckt, der ihn tagtäglich behindert. Die einen richten sich so ein, dass sie die Behinderung gar nicht mehr spüren, dass sie sich eigentlich ganz wohl zu fühlen scheinen. Sie achten darauf, möglichst still zu halten, damit sie nicht zu schnell versinken, halten sich die Nase zu und fühlen sich vielleicht recht sicher. Die anderen konzentrieren sich ganz darauf, das langsame Versinken möglichst angenehm zu gestalten. Durch Gewohnheit und vermeintliche Sicherheit beziehungsweise durch die vielen Annehmlichkeiten merken es diese Menschen meist nicht mehr, dass sie allmählich in einem schrecklichen Sumpf versinken. Und wenn es ihnen in einer stillen Stunde mal wieder zu bewusstsein kommt, lässt es sich mit Alkohol, Nikotin und anderen Drogen leicht und mühelos vergessen. Oberflächliche Vergnügen, meist schal und leer im Geschmack, vermitteln dann ganz schnell wieder das Gefühl, es ginge einem so gut wie noch nie.”

[…]

Aber auch nicht [nur] von einer Welt ohne Sumpf reden und träumen.

“Es gibt andere, denen es durchaus bewusst ist, dass in diesem Sumpf langsam aber sicher jeder bis auf den Grund gezogen wird, ohne jemals wirklich in der Sonne gelebt zu haben. Auch hier gibt es wieder zwei Möglichkeiten zu reagieren. Die einen reden die ganze Zeit darüber, wie schön es an der Sonne wäre, wie der ganze Sumpf einem stinkt und wie schön es wäre, da rauszukommen. Aber das ist auch alles. Ansonsten leben sie genauso wie alle anderen. Die Vergügungen mögen etwas anders aussehen, vielleicht bewegt sich der eine oder andere etwas mehr, versucht mal diese oder jene Haltung, aber das wäre dann auch schon alles. Die zweiten schlagen verzweifelt um sich, sind dauernd in Bewegung und meinen, sie würden durch ihre Aktivität mit der Zeit den Sumpf verändern. Doch das geht nicht. Die meisten von ihnen versinken noch schneller als alle anderen. Man kann nicht mitten im Sumpf steckenbleiben und dabei hoffen, nicht zu versinken oder vorher den Sumpf trockengelegt zu haben.”

“Der einzige Weg aus dem Sumpf ist der, ihn zu verlassen. In aller Ruhe ausfindig zu machen wo ein fester Weg ist, Hilfsmittel und Freunde zu finden und sich gegenseitig aus dem Sumpf zu helfen. Nicht still stehen zu bleiben und jede Veränderung abzulehnen, nicht sich betäuben in der Hoffnung den Sumpf zu vergessen. Auch nicht blindlings um sich schlagen und den Sumpf zu bekämpfen, an dem zu viele noch verzweifelt festhalten. Aber auch nicht von einer Welt ohne Sumpf reden und träumen, sondern sie verwirklichen, soweit wie es jedem möglich ist.”

Diese Erkenntnisse, die Johannes Klaus im dritten Teil des Buches, “Die Heimkehr”, mitteilt sind für mich die Kernausssagen. Nicht etwa die Aussagen, die sich in dem fiktiven Buch im Buch, das Johannes Klaus zum Abschied schenkt, finden lassen. Diese stehen im vierten Teil: “Das Buch” geschrieben. Nur eines bleibt mir. Das Buch endet (wer das Buch selber lesen möchte und zwar für die Geschichte und nicht die Inhalte der sollte diese Absätze überspringen) damit, dass sich Klaus einen zweiten Tag krankschreiben lassen möchte. Nur um gesagt zu bekommen, er sei doch gestern auf der Arbeit gewesen. Es war also alles, ganz weit oben aus der Autorentrickkiste gegriffen, ein Traum! Tada. Aber das Buch (also das, was Johannes Klaus nun im Traum (?) gegeben hat) gibt es dann doch wirklich.

Was ich mich frage: Wieso benötigt ein Autor, eines Buches, das vom Machen und Das-Echte-Finden handelt, wiese braucht dieser Autor das erzählerische Vehikel des Traums. Wieso glaubt er, nur so seine Geschichte glaubhaft erzählen zu können? Es is eine fantastische Geschichte, fantastisch im Sinne von Fantasie, also nicht real. Aber es ist ja auch keine Geschichte im Sinne einer tatsächlich stattfindenden Handlung sondern eine Parabel. Warum muss die dann ein Traum gewesen sein? Meiner Meinung nach, raubt das dem Buch gegen Ende ein wenig Anspruch. Weil ich das gefühl hatte, der Autor traue sich nicht die gesagten Dinge als Tatsache zu verpacken sondern er möchte sie lieber als Hirngespinste, die vielleicht real waren (das Buch ist ja da) verkaufen. Nach dem Motto: Keine Haftung, Teilnahme ab 18, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

QITAN

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