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10 | Der Magier am Bodensee (Konstanz)

Zwischen Konstanz, in Deutschland, und Kreuzlingen, in der Schweiz, entstand dort, wo einst ein Maschendrahtzaun stand die erste Kunstgrenze der Welt. Sie ist keine trennende Grenze mehr sondern eine verbindende. Ein Zeichen guter Nachbarschaft. 22 Statuen des Konstanzer Künstlers Johannes Dörflinger stehen entlang des Grenzverlaufes. 16 genau auf der Grenze, 3 auf deutschem, 3 auf schweizer Boden. 1 Statue sogar im Bodensee selbst.

Von Johannes Hassenstein
Texte von Kira Petry

Die Statuen zeigen das „Grosse Arkana“ , die Trümpfe des Tarot. Jede der 8 Meter hohen Statuen besteht aus rostfreiem Edelstahl. Sie alle sind mit einer speziellen Farbe lackiert, die je nach Lichteinfall zwischen Hellrose und Dunkellila changiert. In jedem Sockel ist in 4 Sprachen der Titel der jeweiligen Statue eingraviert. Zusätzlich dazu wird der Statuenpark nachts durch im Boden eingelassene Strahlerin Szene gesetzt. Die Kommentare zu den Statuen (in kursiver Schrift) stammen übrigens nicht von mir sondern vom Kunsthistoriker Sigfried Gohr. Der ergänzende Kommentar zur Bedeutung der jeweiligen Tarotkarte stammen ebenfalls nicht von mir sondern von meiner Freundin (Instagram: @indiedrugs). Die kennt sich nämlich ein ordentliches Stückchen besser mit Tarot aus als ich. Das Tarot stammt in seinen Ursprüngen aus Norditalien. Dort waren die Symbole oft Teil festlicher Umzüge. Diese 22 „Trümpfe“ des alten Tarot, das „Grosse Arkana“ repräsentieren die Existenzbedingungen des Menschen durch 22 Bewustseinsstufen. Ergänzende Quelle für ihre Kommentare: www.demetrius-degen.de

Bevor es losgeht noch einmal kurz zum Künstler: Johannes Dörflinger wurde 1941 in Konstanz geboren und studierte Malerie an der Kunstakademie Karlsruhe und der Hochschule der Künste in Berlin. Im Zentrum seines Werkes steht der Mensch als Teil eines größeren Zusammenhangs. Während seines mehrjährigen Aufenthalts in New York kam Dörflinger Ende der Sechziger Jahre mit amerikanischen Künstlern zusammen, die sich von der Ikonografie der Tarot-Karten angezogen fühlten. Das Thema, besonders die Sinnbilder der 22 Trumpfkarten, beschäftigten ihn bis zur Gegenwart. 1975 entstand ein erster Bilderzyklus mit Granolithographien in einer gepünktelten Maltechnik, 1988 eine Oscar Schlemmer gewidmete Tarot-Serie mit Handsiebdrucken und 2002 die Skulpturen „Tarot – Modelle für Groß-Skulpturen“, die schließlich Grundlage für die „Kunstgrenze“ wurden. Dörflinger ist übrigens nicht nur Künstler sondern auch Gründer der Dörflinger Stiftung.

Magier

Aus dem Wasser steigt eine unruhige Skulptur, die widerstrebende Bewegungen in ein spannungsvolles räumliches Zeichen verwandelt.

“Dieses Symbol im Tarot ist der Ursprung und die Einheit des großen Ganzen, doch dies muss dem Menschen erst einmal bewusst werden, denn der bewusste Mensch fängt an, absichtlich zu leben.“

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Heilige

Ein vollkommenes Oval konzentriert sich zum Symbol der Heiligen. Das Oval ist selbstbezogen und zugleich Durchblick.

„Die Heilige oder Hohepriesterin symbolisiert dir Gegensätze, die sich ergänzen ( Yin und Yang), den Zwiespalt des Menschen, aber auch Zeit und Raum. In dieser Bewusstseins Stufe erkennt der Mensch, den Zwiespalt in sich und findet so zu seinem Gewissen.“

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Heiliger

Der ideale Kreis wird von einem senkrechten Sockel ins Blickfeld des Betrachters erhoben. Ein kleines Stück senkrechter Form auf seinem Zenit weist über ihn hinaus. Die Skulptur bedeutet nicht schon die Vollkommenheit, sondern lässt sie als Ziel erkennbar werden.

„Der Hohepriester oder Heilige war ursprünglich an Platz 5. Die 5 symbolisiert im Tarot die sogenannte Christuszahl. Der Mensch bildet sein Fünfeck mit seinen körperlichen Endpunkten und steht somit schon leicht über dem Unbewussten aufgrund seiner automatisch schon hohen Bewustseinsstufe.“

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Herrscherin und Herrscher

Zwei Kreissegmente wenden sich einander zu und bilden eine Öffnung, einen Durchgang oder ein symbolisches Tor, das Grenzen durchlässig macht. Im Zusammenspiel ähnlicher Formen umfangen die Skulpturen die Atmosphäre des Ortes, an dem sie stehen.

„Die Herrscherin ist ursprünglich an Platz 3. Die Zahl 3 symbolisiert die Harmonie und die drei Einigkeit ( Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Physisch lernt der Mensch die Naturgesetze kennen und seelisch die Dreiheit von Geist, Körper und Seele. Der Herrscher hat ebenfalls wie die Herrscherin eine Bedeutung in seiner Zahl. Die Nummer vier steht für Fläche des Quadrats , für die Form des Würfels und dieser Würfel steht für Materie, dies ist die einfachste Kristall Form (das Salz).“

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Liebe

Es bleibt unentschieden, ob die Dynamik der Skulptur nach innen oder nach außen gerichtet ist. Die jeweiligen Enden können als Anfang oder als Abschluss des Kurvenverlaufs gedeutet werden. So entsteht das bildnerische Gleichnis für einen sich immer wieder erneuenden Prozess, der von einer pendelnden Energie in Gang gehalten wird.

„Im ursprünglichen Tarot ist dies die Nummer elf und wird als “die Kraft” bezeichnet. Der Mensch denkt nicht mehr an sich selbst und seine Handlungen werden nicht mehr durch Eigennutzen erzeugt. Durch diese Offenheit entsteht in ihm die automatische Liebe zu allem.“

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Wagen

Eine ruhige Stufung von auf- und absteigenden Linien, nur in der mittleren Strebe unterbrochen, sodass eine Spannung zwischen rechts und links, oben und unten entsteht. Die Konstruktion trägt sich selbst, aber umfasst eine Leere, eine Lücke in ihrer Mitte, die auch als das eigentliche Kraftzentrum verstanden werden kann.

„Die Zahl 7 symbolisiert den Erfolg aber auch die Ruhe ( am 7. Tag sollst du ruhen ). Der Mensch selbst erkennt die Kraft seiner Worte und was er bei anderen Menschen mit ihnen bewirken kann.“

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Gerechtigkeit und Eremit

Die Skulptur Eremit greift vom Sockel her energisch aus, um auf der Spitze die Bewegung umzukehren und in einem sanften Bogen sich wieder zu schließen. Das Gegenüber strebt ähnlich direkt in die Höhe, gerät in ein labiles Gleichgewicht und versucht an der Spitze durch einen dachartigen Winkel ihre Vollendung zu finden. Skulpturale Lektionen über die Schwierigkeit, die Balance zu finden.

„Die Gerechtigkeit steht an 8. Stelle. Die Zahl 8 symbolisiert die zwei Waagschalen die abwägen was recht und unrecht ist. Der Mensch wird immer genauer in seiner Umwelt. Sein Urteile über die Mitmenschen ist zwar gerecht aber auch hart.“

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Glücksrad

In größtmöglicher Verdichtung ist eine Formel für Kreisen entstanden. Die offene Mitte wird von Kreissegmenten angetrieben. Statik und Dynamik vereinigen sich zu einem ziellosen Kreislauf.

„Die Zahl 10 ist die vollkommene Vollendung sie besteht aus der 1 dem Ursprung und aus der Null der Unendlichkeit. Der Mensch gelangt zur Stufe der Weisheit.“

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Weibliche Kraft und Männliche Kraft

Ein Dialog zweier bewegter Formen. Fast scheinen menschliche Gesten erkennbar zu sein. Diese lassen sich als Streit, als Gespräch, als erregte Diskussion interpretieren. Aber die Konstellation erweist sich auch als ein Ringen um Raum, das noch nicht entschieden ist. Image

Narr

Einem Kreis sind zwei Linien eingeschrieben, die sich von oben und unten in den Innenraum strecken, ohne sich zu treffen. Die ideale Form wird zerschnitten und in ihrem perfekten Zustand gestört, ohne dass die Auflösung der entstehenden Unruhe möglich ist.

„In originalen Tarot ist dieses Symbol die vorletzte Bewusstseins Stufe. In diesem Zustand hat der Menschen das materielle aufgegeben.Ihm ist egal was mit seinem Körper passiert, er macht nur das was er für richtig und notwendig hält.“

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Tod und Wiedergeburt

Die beiden ähnlichen Formen lassen sich einmal als Beginn einer aufstrebenden und sich dehnenden Entwicklung lesen; zum anderen als ein Absinken eines Fragments aus einer sich auflösenden größeren Konstruktion.

„Die Zahl 13 ist eine Primzahl (unteilbar) und bedeutet immer ein gewisses Zurückziehen oder eine Isolation. Der Mensch wird in diesem Zustand nicht mehr von den anderen verstanden und zieht sich deshalb in sein tiefstes Inneres zurück. So lernt er sein wahres Selbst kennen.“

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Teufel und Turm

Die Skulptur gewinnt ein schwieriges Gleichgewicht, obwohl ihre Elemente angreifende und abwehrende Impulse verbildlichen – der Stillstand eines rasenden Geschehens.

„Da der Mensch das göttliche Licht erblickt hat, sieht er nun in der materiellen Welt nichts weiter als die Gier des Menschen und wie unwissend Alle sind. Dadurch, daß der Mensch sich geistig vom Irdischen abwendet, bricht sein ganzes Umfeld zusammen. Er erlebt den Sturz vom “Turm”.“

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Stern

Eine einfache, symmetrische Form, die an das Zeichen für einen Menschen denken lässt, aber auch an Strahlen, die sich ausdehnen. Unter allen Skulpturen ist diese die elementarste: Aufgerichtet sein und Raumbeherrschung bilden ihre formalen Prinzipien. Image

Sonne und Mond

Positiv und negativ, steigend und stürzend, sich schließend und sich öffnend können die Formen den Raum erfassen oder entlassen. Oben und Unten sind gleichberechtigt – eine schwebende Ewigkeit nimmt Form an. Image

Gericht

Die Konstellation erscheint unmittelbar, plötzlich, entschieden. Einfach sich kreuzende Linien, dynamisch nach rechts gerückt suchen nach einem Halt in sich selbst.

„Da der Mensch mit dem göttlichen Geist verbunden ist erinnert er sich an all seine Wiedergeburten und anderen Leben. Es ist die große “Abrechnung” mit ALLEN Leben. Doch kein außen stehender Gott richtet, sondern wir Selbst richten aus unserem Selbst über uns. Da wir aber die Vollendung erreicht haben, gibt es nichts mehr was gut zu machen währe.“

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Universum

Machtvoll, doch harmonisch schwingende Kurven greifen über die Skulptur hinaus in den Raum. Der schräge Sockel verbürgt zusätzlich kreisende Kraft.

„Der Mensch ist eins mit dem Weltall geworden und mit allem was lebt und göttlich ist.”

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Das wars mit unserer Exkursion nach Konstanz. Noch mehr über die „Kunstgrenze“ findest du auf der Website der Stadt Konstanz selbst. Du kannst aber auch der Stadt selber mal einen Besuch abstatten. Es lohnt sich, nicht nur für die Kunstgrenze! Und ich möchte hier noch einmal selber sagen, dass es eigentlich traurig ist, dass diese Grenze nicht nur die erste Kunstgrenze der Welt ist sondern bisher immer noch die Einzige. Wir müssen weniger Mauern bauen. Stattdessen lieber mal mehr Statuenparks errichten. Denn Mauern trennen und Kunst verbindet. Und Verbindung ist das, was wir heute mehr denn je brauchen.

QITAN