26
Nov

87 | Der exaltierte Voyeur

Wer nicht, wie wir, die Ausstellung von Innen nach Außen begeht, sondern vom Eingang aus, der wird von der Transparent City Serie begrüßt. Eins der ersten Bilder zeigt eine nächtliche Skyline. Und ist an Austauschbarkeit kaum zu überbieten. Desktop-Hintergrund-Fotografie. Spätere Bilder werden stärker. Aufnahmen von Glas-Hochhäusern, direkt von gegenüber. Daneben, stark vergrößert, einzelne Portraits einzelner Bewohner. Entstanden durch extreme, digitale Vergrößerung. Ein erster Versuch der Charakterisierung. Der jedoch am fehlenden Kontext scheitert. Es wird keine Lebensgeschichte erzählt. Kein Blick in die Wohnung gewährt, die Personen hängen oft neben Bildern, in denen sie gar nicht zu finden sind.

Es bleibt damit für mich einfacher Voyeurismus. Viel weiter ging Merry Alpern schon in den 90ern. Sie fotografierte und dokumentierte einen illegalen Nachtclub, Wochenlang, aus einem kleinen Hinterzimmer heraus. Mit der akribischen Manie, die sich für eine voyeuristische Fotoserie meiner Meinung nach gehört.

Real Toy Story

Das Herzstück der Werksschau, vor dem bei der Eröffnung auch geschlagene 1 12 Stunden geredet wurde. 14 Meter Plastikspielzeug, arrangiert um Portraits von Fabrikarbeiterinnen. Beeindruckend, da groß und bunt. Aber irgendwie auch nur das. Spielzeug halt. Spaß macht es, verrückte Highlights zu suchen, Spielzeug wo man sich fragt, wer das konzipiert hat. Mein Highlight: der Transformers Hund mit Plasmabeißknochen.

Am Ende bleibt aber wieder Potential auf der Strecke. Von einer gesellschaftskritischen Installation dieser Größe, erwarte ich Interaktion oder irgendeine andere, direkte Einbindung in mein Leben. Die Bücherakropolis auf der documenta14 war da schon weiter, aber auch die hatte dann letzten Endes versagt. Ich hab mein Plastikspielzeug verschenkt, verkauft oder gar nicht erst besessen (BRIO, HABA, Bildungselite). Bin ich jetzt unschuldig?

Ich seh ja die Thematik. Entanonymisierung, wie so oft. Aber die Unmengen von Plastikspielzeug, die tatsächlich, physisch als Rahmen für die Fotos der Serie verwendet werden, lassen die Tiefe seicht werden. Die, eigentlich durchaus bedrückenden Bilder, gehen unter in den Fluten von Plastikspielzeug, die sie ja eigentlich kritisieren sollen.

Michael Wolf life in cities

Paris Rooftops

Hier nun eine weitere Übung in Wiederhohlung des immergleichen Motivs. Weißer Kalkstein, verzinkte Boards und rotbraune Schornsteine. Das ein oder andere Bild reduziert die Pariser Dachlandschaft zu interessanten, minimalistisch angehauchten Linienbeziehungen. Aber ein Gefühl für Bildaufbau ist ja wohl das mindeste. Darüber hinaus bot uns auch Paris Rooftops nicht mehr als Banalität. Ästhetische, gut belichtete und schön gehangene zwar. Aber immer noch Banalität.

Michael Wolf life in cities

Tokyo Compression

Die U-Bahn ist immer ein Ort, an dem ungeschriebene Gesetze gelten. Ein Ort, an dem man sich an gesellschaftliche Konventionen halten muss, über die keine Durchsage je informierte. Zumindest in Deutschland. In die U-Bahn einzusteigen, zieht eine komplexe Abfolge von Entscheidungen nach sich, die ein jeder zu befolgen hat - zumindest wenn seine Fahrt mit den Öffis nicht in einem Fauxpas enden soll.

  1. Sie steigen in die U/S-Bahn ein und sind:
    1. Alleine: Fahren sie bei 2. fort
    2. Zu zweit: Fahren sie bei 3. fort
    3. Zu dritt: Fahren sie bei 4. fort
    4. Zu viert: Fahren sie bei 5. fort
    5. Mehr: Ignorieren sie jegliche Konvention, sie sind in der Überzahl!
  2. Und sie sind alleine.
    1. Wenn sie weniger als 3 Stationen zu fahren haben, postieren sie sich nahe der Tür. Vermeiden sie unbedingt Augenkontakt mit evtl. gegenüberstehenden Personen. Vermeiden sie desweiteren Handkontakt an der zentralen Haltestange. Die möglichen Positionen haben die folgende Priorität:
      1. Mit Rückenlehne, in Fahrtrichtung, gegenüber der Tür an der sie eingestiegen sind
      2. Mit Rückenlehne, in Fahrtrichtung, direkt an der Tür, an der sie eingestiegen sind
      3. Ohne Rückenlehne, in Fahrtrichtung, gegenüber der Tür an der sie eingestiegen sind
      4. Mit Rückenlehne, gegen die Fahrtrichtung, gegenüber der Tür an der sie eingestiegen sind
      5. Ohne Rückenlehne, in Fahrtrichtung, direkt an der Tür an der sie eingestiegen sind
      6. Jede andere Position
    2. Fahren sie mehr oder genau 3 Stationen, sollten sie nach folgender Priorität einen Sitzplatz finden:
      1. Leerer Vierer, in Fahrtrichtung, am Fenster
      2. Einfach besetzter Vierer, exakt schräg gegenüber der anderen Person
      3. Leere Dreierkombination, parallel zur Fahrtrichtung
      4. Einfach besetzte Dreierkombination, parallel zur Fahrtrichtung, der mittlere Sitzplatz bleibt leer
      5. Zweifach besetzter Vierer, der Sitzplatz in Gangnähe, sollten beide Gangplätze besetzt sein, bleiben sie unbedingt stehen
      6. Sollte keine der oberen Möglichkeiten bestehen, empfiehlt es sich, stehen zu bleiben und entweder:
        1. Musik zu hören
        2. Zu lesen (wenn sie gebildet wirken möchten)
        3. Das Fahrgastfernsehen anzustieren
        4. Verstohlen, attraktive Mitfahrer in der Scheibenspiegelung zu beobachten
  3. Und sie sind zu zweit. Setzen sie sich auf jeden Fall hin. Gegen ihre zahlenmäßige Überlegenheit kann ein Einzelner nichts ausrichten. Nutzen sie ihren Vorteil! Sitzplätze sind nach folgender Priorität zu belegen:
    1. Leerer Vierer. Aus Respekt vor Alleinreisenden lassen sie bitte zumindest einen Gangplatz frei.
    2. Leere Dreierkombination. Aus Respekt vor Alleinreisenden halten sie bitte den mittleren Platz besetzt
    3. Jede Kombination mit einem Alleinreisenden. Beharren sie auf ihr Platzrecht!
    4. Jede Kombination mit einer weiteren Paarung. Verhalten sie sich nicht untergeben, sie gefährden die Hackordnung!
    5. Die beiden Klappsitze hinter der Fahrerkabine.
  4. Und sie sind zu dritt. Verwenden sie das Schema aus 3. und ignorieren sie Angaben zu Alleinreisenden. Sie sind überlegen. Nutzen sie ihre bedrohliche Aura um eventuelle Gefahren schleunigst mit der Power of Peer Pressure zum Waggonwechsel zu bewegen. Blockieren sie freie Sitze in ihrem Revier mit Gepäck/Schuhen.
  5. Und sie sind zu viert. Sie sind die perfekte Öffi-Reise-Kombo. Verhalten sie sich ihrem Rang entsprechend!

Den deutschen Luxus, mit komplexen Verhaltensmustern dem zwischenmenschlichen Kontakt so gut es geht zu entgehen, vermissen die Einwohner Tokyo vollends. Sie können sich glücklich schätzen, einen Platz am Fenster zu ergattern, sodass ihnen zumindest keiner die Chirurgenmaske (mit Schnur-Haar-Print) vom Gesicht reißen kann.

Und hier kommt Michael Wolf ins Spiel. Er dokumentiert in seiner Serie Tokyo Compression die beklemmende Enge in der Tokyoter U-Bahn in ästhetischen Portraits, die schon am Jungfernstieg zu sehen waren. Was hierbei leider vollkommen außen vor geblieben ist: eine Auseinandersetzung mit der Thematik selbst. Ja, in Tokyo genießen die Leute ihr Leben in vollen Zügen. Und weiter? Michael hört hier leider schon auf.

Denn mehr als eine interessante Portraitreihe, die vor allem hier in Europe ankommt, da wir mit ihr und den asiatischen Gesichtern (und Modetrends) fremdeln dürfen, ist es nicht geworden. Fotografisch interessant waren für mich nur die wenigen Bilder, die mit den beschlagenen Scheiben und den dadurch künstlich erzeugten, extremen Fokusebenen spielten.

Da finde ich die Fotoserie von Wolfgang Tillman weitaus interessanter. Er hat auch Leute in der U-Bahn beobachtet. Und eine Serie von hochinteressanten Makroaufnahmen geschaffen. Von verschwitzten Achselhöhlen, Armbeugen, fremden Blicken und Hemdnähten. Eben jener, so alltägliche Blick auf die viel zu nahen Mitreisenden. Aber wo Michael Wolf die geschützte Position am Bahnsteig einnimmt, da traut sich Wolfgang Tillman ins Feld. Und schafft so eine Serie, die viele Parallelen vorweist, aber meiner Meinung nach eindeutig stärker ist.

Denn diese geschützte, arrogante Position hinter der Scheibe zieht sich durch Wolf’s Werksschau. Er vermeidet den unangenehmen Moment, des Augenkontakts mit dem Fremden, versteckt sich hinter Scheibe und Sucher. Ganz anders als die mutigen Bürger von tubecrush.net

Michael Wolf life in cities

Architecture of Density

Auch die groß aufgezogenen Arbeiten aus der Serie Architecture of Density haben mich kaum überzeugt. Sie sind plakativ, ästhetisch. Aber zeigen am Ende doch nur die Arbeit eines anderen. Der Architekten. Die diese hochinteressanten Monsterhäuser gebaut haben. Der Maler, die die gewaltigen Farbflächen aufbrachten. Durch die gewählte, absolut frontale Perspektive, die jegliche perspektivischen Fixpunkte vermissen lässt, inszeniert Michael Wolf die Bauwerke zwar gekonnt. Aber mehr als beeindrucken durch schiere Monströsität im, uns Europäern unbekannten Maßstab, tuen die Bilder nicht.

Michael Wolf life in cities

Michael Wolf life in cities

Michael Wolf life in cities

Cheung Chau Sunrises

181 Fotos von Sonnenaufgängen. Noch nie gezeigte Bilder einer gewaltigen Serie. Jeden morgen aufgenommen. Hier überboten sich die Texter der Begleittexte für Besucher, die verzweifelt nach Anhaltspunkten für die fundierte Eigeninterpretation suchen, geradezu: “Die Wand wird zur Bildfläche erklärt”, absolut ungewöhnlich für Ausstellungshäuser… “setzt sich radikal über den Kitsch hinweg”, was genau soll hier radikal sein? Die schiere Menge? Wenn jeder Hans und Franz “I took a picture of our daughter for 16 years” Videos auf Youtube hochladen kann, dann beeindrucken mich 181 Bilder noch lange nicht (auch 365 würden das nicht). Sonnenaufgangbilder sind und bleiben absoluter Kitsch. Daran ändert weder ein großer Name, noch eine gute Kamera noch ein White Cube etwas.

Youtube


Iframes betten Inhalte aus Drittwebseiten ein. Dabei werden Daten an den Betreiber übertragen. Zum Schutz deiner Daten wird dieser Iframe daher erst durch deinen Klick aktiviert. Weiteres: Datenschutz

Michael Wolf hatte sich nach, Cheung Chau zurückgezogen, nachdem ihm das beengte Leben in der Stadt zu viel wurde. Er interpretiert diese Sonnenaufgänge als doppeldeutig, basierend auf ihrem Aufnahmeort. Der Insel Cheung Chau. Die Insel ist bekannt als Ort für Selbstmorde von Paaren, die lieber intim zu zweit sterben wollen, als entfremdet zu leben. Die einzige Doppeldeutigkeit die ich sehe (den von dieser Zweitbedeutung der Insel ist in den Bildern nichts zu sehe), ist lediglich, dass Michael Wolf zu den wenigen glücklichen gehört, die es sich leisten können, der Großstadt einfach so zu entfliehen. Und diesen Luxus darauf verwendet, den Sonnenuntergang abzulichten. Jeden, einzelnen Tag.

Till hat das ganz schön gesagt: “Selbst das beste Wolkenbild bleibt immer noch ein beschissenes Bild”

Street View

In Street View schließlich treibt Michael Wolf den Voyeurismus auf die Spitze. Durch vier Fenster nacheinander wird fleißig gespannt. Durch das Street-View-Auto, den Bildschirm, die Kamera und schließlich den Bildrahmen. Street View ist zwar das einfachste Projekt der Werksschau, aber meiner Meinung nach das interessanteste. Zum einen wird hier ein einziges Mal der Gedanke des künstlerischen Voyeurismus zu Ende gedacht. Denn Wolf lässt ganz bewusst UI-Elemente oder den Mauszeiger im Bild. Und anonymisierte Portraits aus Street View auszustellen, wirkt wie ein Tiefschlag in die aktuellen Datenschutz und DSGVO Debatten. Vor allem lassen sich aus diesem Projekt auch einige Querbeziehungen zu anderen Projekten herstellen.

Beziehung zu den herangezoomten Portraits aus Transparent City und den verwischten Portraits aus Tokyo Compression ist zwar offensichtlich wird aber weder vom Künstler noch von den Kuratoren weiter erforscht.

Spannend wäre es zum Beispiel gewesen, mittels Gesichtserkennungssoftware (oder händisch, wozu gibt es Assistenten) Personen aus Tokyo Compression oder Transparent City auf Street View wieder zu finden und so tiefer in die persönlichen Leben der Einzelnen (gegen deren Anonymisierung Michael Wolf ja aufmerksam machen möchte, so scheint es zumindest in 100x100) einzutauchen. Das Potential, das Potential. Es entweicht, es entweicht…

Auch Michael Wolf`s Sammelmanie hätte hier wieder ein Ventil finden können. Es gibt ein sehr geniales Video auf Vimeo, das mir Kai mal gezeigt hatte, wo einer tausende von Bildern aus Google Maps gesammelt hatte, die Daumenkino-artig aufeinander aufbauen. Hier ebenfalls keinerlei künstlerische Tiefe, dafür umso mehr Staunen vor den ungeahnten Möglichkeiten. Und Verneigen vor dem Wahnsinn der Anderen.

Vimeo


Iframes betten Inhalte aus Drittwebseiten ein. Dabei werden Daten an den Betreiber übertragen. Zum Schutz deiner Daten wird dieser Iframe daher erst durch deinen Klick aktiviert. Weiteres: Datenschutz

Informal Solutions

Eigentlich soll hier der kreativen Verwendung und Weiterverwendung von Alltagsgegenständen gehuldigt werden. Und ein paar interessante Bilder sind auch dabei rausgekommen, besonders die geloopten Videos. Aber zwischendrin immer wieder einfach nur Regenschirme hinter Rohren. Und Zigarettenschachteln, dahinter geklemmt. Wofür ist das jetzt die Solution?

Viel angenehmer und interessanter sind die Auswüchse von Michael Wolfs Sammelmanie daneben, die in ihrem Extrem in A Real Toy Story zu bewundern war. Eine Sammlung von manipulierten Kleiderbügeln und geflickten Stühlen. Zwar ebenfalls nicht tiefschürfend, aber es wird auch nichts dergleichen angedichtet. Der Rest bleibt aber maximal Informal Pollution.

Michael Wolf life in cities

Michael Wolf behandelt aktuelle und wichtige Themen. Das Life in cities halt. Auch bei uns in Deutschland leiden wir unter steigenden Mieten und steigender Einsamkeit. Längst nicht so extrem wie in Tokyo, trotzdem ist uns das Thema ist nicht fremd. Aber Wolf’s Bilder bieten nicht mehr als eine ästhetische Dokumentation. Für die er seine anderthalb World Press Photo Awards auch auf jeden Fall verdient hat. Künstlerische Tiefe lassen die Werke aber leider vermissen. Obwohl Ansätze und Topoi vorhanden sind, so werden so doch leider nicht zu Ende gedacht. Damit bleibt Michael Wolf für mich am Ende dann doch nur ein Voyeur mit besserem Equipment und einem guten Gefühl für Ästhetik.

Was ist weiß und schaut durchs Schlüsselloch? Ein Spannbettlaken! Spaß … Michael Wolf

QITAN

newsletter?

Deine E-Mail-Adresse wird verschlüsselt übertragen und nicht an Dritte weitergegeben. Durch Angabe deiner E-Mail-Adresse stimmst du zu, E-Mails, diesen Blog betreffend von mir zu erhalten. Weiteres: Datenschutz
Dieser Blog verteilt (kaum) Cookies. Für weitere Infos zu Verwendung und Opt-Out siehe: Datenschutz NO OK