09
May

49 | Kontemporärer Bericht vom New Walls

Ich gehe eher ungern zu Kulturveranstaltungen in den, als besser gestellt geltenden, Bezirken. Und noch weniger gerne zu welchen, wo die Eintritt nehmen. Der “Disco Flow-Markt”, ja ganz aufregend mit “W” statt “H”, hieß so, weil da irgendeine total angesagte DJane, um den geschlechtsspezifischen Begriff zu verwenden, aufgelegt hat. Wobei ja von Auflegen nicht die Rede sein kann, weil man ja nur einen USB-Stick reinsteckt. Und hoffentlich auch wieder sicher entfernt. Also hat die total angesagt DJane da halt Reingesteckt. Na auf jeden Fall war dieser Disco Flow Markt eine Kulturveranstaltung dieser Art und enttäuschend. Da waren nur “Influencer” von Instagram und so kleine Designkollektive, wo zwei Mitzwanzigerinnen mit Bob-Schnitt inspirierende Botschaften im Handmade-Look und Schwarz und Gold und Postkartenformat verkaufen. Vor der Tür haben die bärtigen Freunde der ganzen Influencerinnen und Designerinnen gevapet. Ehrlich, wenn vor der Tür Männer mit Bart und Chicago-Bulls Cap vapen, dann geh da nicht rein, da ist das immer scheiße. Aber das New Wall Festival war besser. Obwohl das am Neuen Wall war (man erkennt nun die Genialität der Namenswahl, Chapeau!) und 5€ Eintritt kostete (dafür hätte ich eine ganze Grußkarte in Schwarz-Gold bekommen können!). Aber vor der Tür hat keiner gevapet.

Am Eingang erhielt ich, so sagte man mir später, ein VIP-Band. Aber das war nur so ein schnödes, neongelbes Clubband, nichts Snapchatfähiges. Aber nicht schlimm, man geht ja nicht zu solch einer Kulturveranstaltung um davon Bilder auf sozialen Medien zu teilen. Sowas macht doch keiner, nein also wirklich. Mein erster Weg führte mich auf die Toilette, und damit auch an allen Ausstellern vorbei, danach rollte ich das Feld von hinten auf. Erster Stop: Zwei zugezogene Italiener, die ich als Italiener identifizierte, da sie vorallem hippe Espressokannen und Vespa Mofas malten. Aber auch Kampnagel Schwerlastkräne. Sympathischer Typ, interessanter Stil, was zum über den Waschtisch hängen (was ein Kompliment ist, denn dort verweilen die meisten Gäste). Die Espressokannen wären auch etwas für mein Loft in Berlin.

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Jemand den ich kannte! Ha, ich bin ja mal sowas von Teil der Szene! Der Typ hatte bis vor ein paar Jahren noch einen kleinen Laden bei uns um die Ecke, bis ganz Barmbek Süd in Wohnkonzepte und Tattoo-Studios umgewandelt wurde, an dem ich immer vorbei gekommen bin, wenn ich zum Karate unterwegs war. Er macht kleine Karten und “Objekte” zum selber zusammenbauen. Da kannst du dann deiner Oma eine Karte schicken, und sie bastelt sich ein Wurstmobile. Wir haben lange geredet. Über Neubauten, die Veddel und das Leben von der Kunst. Er zeichnet vielleicht bald einen Comic, das freut mich. Auch sonst macht der ganz interessante “Objekte”.

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Ihre Zeichnungen sehen aus wie Collagen. Macht sie digital. Schade. Aber ganz hübsch. Eine der digitalen Collagen illustriert eine Tarotkarte. Ihre Freundin legt Tarot. Die ist auch da. Jetzt bin ich angefixt. Das ist spannend. Wir reden über den Turm, und das Dahinter, und das daran Glauben. Sie hätte mir gelegt, hätte sie mitgehabt, sagt sie. Schade. Ansonsten sind da noch die Klassiker. Sauteure Leinwände, wo der Künstler selber gerade nicht anwesend ist, aber seine Agentin, erwartungsvoll, am Designertisch aus Tropenholz, mit eleganter Visitenkarte. Irgendjemand, der dachte, das wäre ein Flowmarkt und generische Hamburgbilder auf Presspappe und gerahmte Gogos (so kleine Spielfiguren für Grundschüler) für je 50€ anbietet.

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Ein Illustrator mit maritimen Zeichnungen, mit viel Bart, viel Schiff, viel Meerjungfrau, viel Brüste, viel Anker. Eine Frau, die Handlettering betreibt, und Workshops anbietet. Die malt diese Spruchkarten mit Schwarz und Gold. Eine, direkt von der HFBK. Gemütlicher Typ, Kurzhaarschnitt, Brille, mit stark betontem Rahmen, Latzhose. Ihre Illustrationen handeln von Bodypride und dem Stolz der weiblichen Geschlechtsbehaarung. Man stelle sich vor, da würde sich einer hinstellen und haarige Penise malen. Mach ich vielleicht nächstes Mal.

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Ein Pop-Up Cafe ist auch da. Wäre auch latent komisch gewesen, hätte eine leerstehende Ladenfläche ein fest installiertes Cafe. Oder eine Kulturveranstaltung keine Cappucinoquelle. Ich nehme die mittlere Größe. Der Barista macht Werbung für sein Konzert im Feldstraße-Bunker am 13. Mai. Von allen hier, will er es am meisten. Ich glaube, ich komme.

QITAN

*Die Bilder aus diesem Artikel entstammen entweder der New-Wall Website oder den Websiten der einzelnen Künstler. Ich habe alle, die ich finden konnte, verlinkt. Dieser Blog ist nicht kommerziell, eine Verletzung des Urheberrechts ist nicht beabsichtigt. Ich entferne auf Anfrage gerne einzelne oder alle Bilder der jeweiligen Quelle, dazu einfach mich kontaktieren

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