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8 | Paradiesgedanken, Kant und Nietzsche

Nietzsche hatte eine Gottheit des griechischen Pantheons, die er besonders favorisierte. Man sollte auf Aphrodite oder Herkules schließen, aber Philosophen sind nur selten von Schönheit und körperlicher Kraft beeindruckt. Nein, Nietzsche fand den Dionysos ganz fantastisch. Dionysos war ein Sonderling, ein Solitair unter den Göttern. Den muskulösen Körpern und goldschnittigen Gesichtern setzte Dionysos seinen Wanst entgegen. Anstatt den Mensch zu leiten und ihn geholfen zu machen trank Dionysos. Trank Wein. Und ihm Wein liegt die Wahrheit. Obwohl Dionysos weder von schöner Statur war noch Heldentaten vorweisen konnte war doch er derjenige im Olymp dem die Frauenherzen nicht nur zuflogen sondern der sie auch behalten konnte. Dionysos überzeugte durch seinen Geist, seinen Intellekt. So wie Nietzsche es wohl auch zu tuen hoffte.

Von Johannes Hassenstein

Für Nietzsche liegt im Wein nicht nur die Wahrheit sondern auch die Schönheit. Friedrich sieht Schönheit als die Lust am Rausch. Dieser bachantische Taumel, benannt nach Dionysos Alter Ego Bachos, legt das Innere, das Versteckte frei, reist den Geist los von physischen und gesellschaftlichen Zwängen. Der Rausch trennt den Geist vom Körper. Man könnte dem entgegensetzen, das Kunst, also die reale Form der Schönheit, alles abseits von Fortpflanzung und Überleben sei, also eben nicht der Rausch an Essen, Sex und Wein. Aber das heben wir uns für wann anders auf.

Für jetzt reicht es, Nietzsche den Endboss aller Philosophie entgegenzustellen. Kant. Bamm, Bossfight. Kant wiederspricht Nietzsche nämlich ebenfalls. Für Kant ist Schönheit die Lust an der Reflexion nicht die Lust am Rausch. Jeder Gegenstand spiegelt etwas wieder, ein Lebensgefühl, und wenn diese Spiegelung mir gefällt dann finde ich den Gegenstand schön. Problematisch ist hierbei, dass der Mensch sich zuerst einmal selber als Maßstab für Schönheit nimmt. Diese Macke nennt Nietzsche Gattungseitelkeit, das Poblem der gesamten menschlichen Gattung sich selbst, als Gattung, für am vollkommendsten zu halten. Für Kant reicht also schon die pure Vorstellung des Rausches aus. Der Rausch selber ist für Kant längst überholt. Und auch gefährlich. Er verschleiert nämlich etwas, das Immanuell für unabdingbar hält.

Die Vernunft. Seit der griechischen Philosophie ist es Konsens, dass der Mensch vernunftbegabt ist. Er hat also die Fähigkeit sich selbst kurz zu vergessen. Das Schöne an sich zu erkennen. Denn das Schöne an sich ist das Schöne ohne mich. Vernunftbegabt bedeutet aber eben auch nur begabt. Dass der Mensch seine Fähigkeiten auch einsetzt ist ihm überlassen. Und der Rausch charakterisiert sich eben dadurch das zum einen die Vernunft flöten geht, zum andern aber auch die schlichte Fähigkeit sich zu kontrollieren. Befehl Vernunft Ein Jetzt! Funktioniert also nicht mehr.

Nietzsche empfindet Schönheit im Rausch, Kant eben nur bei der schieren Vorstellung desselben. Wir können erkennen: beide Philosophen verbringen den Abend sehr verschieden.

Vernunft ist die Fähigkeit aus sich selbst herauszutreten, Distanz aufzubauen und sich selbst zu betrachten. Diese Fähigkeit half dem Menschen bis zu dem Punkt zu kommen an dem er heute angelangt ist. Direkte Folge der Vernunft ist die sogenannte Kompensationskompetenz, eine Theorie von Odo Marquart. Einst erkannte der Mensch, dass er körperlich unterlegen war, inkompetent wenn man so will. Aber er war vernunftbegabt, im Gegensatz zum Tier. Und so begann er dafür zu kompensieren mit seiner Intelligenz. Und so entstanden Werkzeuge, Häuser, Dampfmaschinen, Autos und Computer. Der Mensch kompensiert seine Unterlegenheit gegenüber fast jedem Tier.

Zwei Gedanken sind hier vielleicht interessant. Betrachtet man wie lange ein menschliches Kind braucht um überhaupt unabhängig lebensfähig zu sein und wie kurz der Mensch in der freien Natur, in der jedes Tier sein Leben lang völlig ohne Iphone und Dosensuppe lebt, ohne all die Kompensation überleben kann stellt man fest: der Mensch ist dem Tier weit unterlegen. Er verlässt sich komplett auf seine Kompensationskompetenz.

Wir leben in einer Gesellschaft in der selbst der Schwächste den Stärksten unter uns mit einer List zu Fall bringen kann. In einer Gesellschaft in der selbst der Dümmste den Schlausten einfach erschlagen kann. Insofern hat die Kompensationskompetenz uns alle gleich gemacht.

Blickt man auf die heutige Welt aus den Augen von Odo (wer nennt sein Kind Odo?!) merkt man, dass unser kompletter Lebensinhalt nur Kompensation ist. Ich hab mich getrennt, ich ess Schokolade. Ich leide unter Depression, ich ertränke meine Probleme in Alkohol. Ich hab nen kleinen Lümmel, ich fahr nen dicken Wagen mit lautem Auspuff. Und wir stellen fest: wir sind wieder zurückgelangt zur Schönheit im Rausch. Eine Aussage einer sehr wichtigen Wissenschaftlerin deren Namen ich leider vergessen habe soll das Poutpourri noch ergänzen:

Der Mensch sucht sein gesamtes Leben nur nach Zerstreung. Er versucht wann immer möglich in diesen zerstreuten Zustand zurückzukehren

Wenn wir nun also die Welt betrachten merken wir: die Kompensationskompetenz hat uns bis hierher gebracht, in eine Lage gebracht in der wir alles kompensieren können und so zur mächtigsten Gattung der Erde aufgestiegen sind. Doch wir müssen aufpassen: Reichtum und Sättigung sind kein guter Zustand, den sie erfordern keine Verbesserung mehr, wir dürfen unsere Fähigkeit zur Kompensation nicht verlieren und gleichzeitig dürfen wir nicht übermäßig von ihr Gebrauch machen. Denn sonst führt sie uns in einen Zustand in dem wir glauben sie nicht mehr zu brauchen und das Erwachen aus diesem Zustand wäre fatal.

Die Vernunft des Menschen macht es ihm möglich Schönheit von sich unabhängig in Reflexionen zu erkennen. Gleichzeitig macht die Vernunft den Menschen fähig zu kompensieren und sich so der Schönheit im Rausch hinzugeben. Wenn die Menschheit aber aufhört Eitel zu sein, erkennt, dass sie nicht das Höchste sein kannt und sich dann nicht mehr von der Kompensationskompetenz verführen lässt. Dann erfahren wir was die wahre Schönheit ist. Der Rausch den man erfährt, beim betrachten der Reflexion einer Welt ohne sich selbst. Das Paradies.

QITAN

Der Podcast zu diesem Artikel


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