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82 | 2018: a Karlsruhe Odyssey (Karlsruhe)

In dem dreistöckigen Haus am Krokusweg hat sich seit meiner Ankunft am Freitag kaum etwas bewegt. Zu dem Paket von Hello Fresh, inzwischen wohl Good Bye Welk, hatte sich am Samstag noch ein Luftbrief gesellt. Die Crocs im Zweiten liegen noch immer in derselben Konstellation, in der wir sie zurückgelassen hatten, um zu schauen, ob sich in dem dreistöckigen Haus am Krokusweg etwas bewegen würde. Hinter der Tür riecht es nach toter Oma. 9 Duf-Teelichter (Apfel-Zimt) mit einer addierten Brenndauer von 36 Stunden sind machtlos. Jerome studiert jetzt an der KIT. Ich nicht. Aber nach Karlsruhe bin ich trotzdem mitgekommen.

Von Johannes Hassenstein

7:02. Dammtor. Ich mit Trekking-Rucksack, Jerome mit Rad und Sporttasche. Seine Sachen hat er schon vor 2 Wochen mit dem Auto rübergebracht. Wir haben eine Stunde Aufenthalt in Kassel und haben in der Zeit gefühlt die ganze Stadt gesehen. Direkt vorm Bahnhof. Merkur. Spielo. Neben uns im Rollator: Ushi 1. Zumindest sagt das ihr Kennzeichen. Sie hat 2 Kinder. Die hängen mit ihr den ganzen Tag am Bahnhofsvorplatz und essen Pommfritt.

Freitag - Dawn of Mankind

In der db-Mobil (hab ich schon mal erwähnt, wie fantastisch ich die db-Mobil finde?) ist Werbung für kerle.reisen. Gay-Freundliche Auslandsreisen. Ich frage mich, ob normale Reisen nicht auch Gay-Freundlich sind. Vielleicht sind das auch so Bunga-Bunga-Reisen. So nach dem Motto, wenn du da bock auf einen hasst, weißt du wenigstens schonmal, dass der auch schwul ist. Ob man das brauch, frage ich mich. Ist denn die Sexualität wichtig, wenn man sich in jemanden verguckt? Vielleicht geht es ja doch nur um Sex. Aber über Hetero-Freundliche-Bunga-Bunga-Aufreiss-Reisen würde man sich dann bestimmt wieder aufregen, oder?

Oder es auf RTL gucken, Love Island und so…

+

Karlsruhe ist eigentlich nur da nicht so schön, wo Jerome wohnt. Wobei selbst da kommt es auf die S-Bahn-Station an, von der man kommt. Und ich persönlich mag den Plattenbaucharme. Plattenbauten verprühen so ein “Hier-Passiert-Was” Flair. Liegt vielleicht daran, dass ich gerade Großstadtritter von Nils Mohl lese.

Blick vom K16 mit Sylvester und Merle.

Krokusweg. Ich mag Krokuse. Ich auch, sagt Jerome. Klingt wie so ein Pokemon-Ding. Jetzt nicht wie der Name von nem Pokemon, sondern wie dieser Ruf, den die machen, wenn sie aus dem Ball kommen. So: “Los, Pikachu, ich wähle dich” (ein Rot-Weißer Ball fliegt mit viel Spin in den Sand, springt auf, aus blauem Licht formt sich der Umriss einer dicken Ratte mit zackigem Schwanz) und dann halt so: “Krrockus, kroookuß” (oder so ähnlich). Jerome meint, das klingt wie ein Vogel. Vogelpokemon? Ne die sind whack. Nur Käferpokemon sind noch unkreativer.

Plattenbau hinter Bäumen

Plattenbau hinter Bäumen

Plattenbau hinter Bäumen

Plattenbau hinter Bäumen

Plattenbauromantik hinter Trauerweiden, aus vier Blickwinkeln. Ich glaube, wäre ich in der Platte aufgewachsen, fände ich sie weniger romantisch.

Wir gehen einkaufen. Am Zoo steht eine Büste. SCHNETZLER steht darunter. Wer war das wohl, der Schnetzler? Wahrscheinlich Mitarbeiter des Monats bei KFC. Man sagt ihm nach, er hat in nur einer Nacht die gesamten Baden-Würtembergischen Masthähnchen-Vorkommen zu Geschnetzeltem verarbeitet. Das verdient ein Denkmal finden wir. Und gehen einkaufen:

  • Karotten
  • Gurken
  • Äpfel
  • Bananen
  • Haferflocken (kernig)
  • Milch (2x)
  • Nudeln (2x)
  • Frischkäse
  • Barilla Pesto (2x)

Wir spielen mit dem Gedanken einen Salzstreuer einzustecken, als wir Abends bei Hans im Glück das Hans-Im-Glück-Studenten-Spezial bestellen: Der Klassiker + Kein Getränk + Keine Beilage + Trinkgeld in Bronze. Wir haben Nudeln und Pesto. Und eben kein Salz.

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Das MIAD hab ich aus dem karlsmag.de. Ein Eingang, eine Tür mit Klingel. Keine Schilder, keine Reklame. Das nennt man in Hamburg Understatement. In Karlsruhe interessanterweise fast schon Bar-Standard. Wir klingeln, warten und werden geöffnet. Sorry Jungs, leider voll. Ich bin mir nicht so 100% sicher. Vielleicht war es ja zu voll. Vielleicht waren wir auch nicht hipp genug. Wobei. Ich hatte meine Bauchtasche bei.

Also Guts and Glory. Wir fühlen uns sofort willkommen. Es ist dunkel genug für Geheimniskrämerei aber hell genug für Ehrlichkeit. Wasser wird immer nachgefüllt, den Barkeepern muss niemand mehr vergeben, denn sie wissen was sie tuen. Der Inhaber trägt Cap und Drahtrahmenbrille. Gerne wieder.

Mit Einkäufen in die Szene-Bar. In Hamburg ist das Bar-Standard, in Karlsruhe fast schon Understatement. Auf dem Rückweg platzt mir die Milch im Rucksack. Der riecht jetzt immer noch wie die Wohnung. Und zwar nicht nach Apfel-Zimt-Duftkerzen.

Im Park hängen dubiose Typen. In Hamburg schnacken dich die Ticker ja noch wenigstens unter der Brücke an. In Karlsruhe stehen sie tief verdrängt im Schatten. Drogen, die muss man sich hier noch verdienen. Das ist überall Understatement. Auf der Brücke zum Tiergarten (vor dem Schnetzler) sitzt ein Paar. Es ist 11:02 und in Karlsruhe wird gedeeptalkt.

Korblampe wirft Schatten

Küchenstuhl mit Jacke darüber

Dass die Küche gemütlich sein würde, verstanden wir erst, als die Korblampe abends eine unbestimmbare Aura erzeugte. Etwas von fehlender Zeit.

In der Küche ist es tatsächlich gemütlich. Abends, wenn die Korblampe Knusperschatten auf die Holzverkleidung wirft.

Samstag - Tycho Magnetic Anomaly-1

Wenigstens hast du eine Waschmaschine. Die geht nicht. Wenigstens hast du noch deine Designer-Thermoskanne (sieht aus wie`n Pinguin, die hat er). Und einen Wasserkocher. Und einen Toaster. Ein Durchlauferhitzer mit Gasbefeuerung, ein Elektroherd (mit Steckdose), eine Rollheizung und ein Raumluftentfeuchter (glauben wir). Bisherige Bestandsaufnahme. Den potthässlichen, pinken Plastikmülleimer habe ich vergessen. Wir kaufen heute erst mal einen neuen.

Thermoskanne auf Komode

Wandschmuck über Komode

Designer-Thermoskanne auf rustikalen Schmuckdeckchen (inkl. Wandschmuck) - Versuch 5, 2018

Im Schrank sitzt ein zitronengelber Kuscheltiger.

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Ist gerade nur für`s Erste. Überführungswohnung, von Freunden aus Tschechien von Eltern von Freunden. Darf man nicht zu viel reininverstieren. Aber wir haben es schon ein wenig wohnlicher gemacht nach dem Einkauf bei dm. Ich war irgendwie 17, als ich das erst gecheckt hatte, dass dm einfach nur für “Drogerie Markt” steht. Jerome sagt, bei ihm war das jetzt, gerade eben, wo ich das gesagt hatte. Wir kaufen:

  • Mülleimer (den allerdings bei Tedi)
  • Duftkerzen (Apfel-Zimt, 18 Stück)
  • Staubtücher
  • Brillenputztücher
  • Müllbeutel (Zitrusgeruch)
  • Spülschwämme

Verfahren uns auf dem Weg zur Messehalle. Fahren zum ZKM. Beyond. Future Design Festival. Sind uns nicht sicher, ob man hier sein darf. Ein Haus (Halle?) weiter ist Open Codes. Wir spiegeln uns im Analogspiegel und spielen dann eigentlich nur 2 Stunden lang Tischtennis (aber in der Ausstellung). Kommen morgen nochmal. Dann gucken wir uns auch mal was an. Gibt hier auch lauwarmen Kaffee für lau. Die wissen, wie man die Studenten kriegt. Freigetränke und Tischtennis. Und Wlan.

Analoger Spiegel

Analoger Spiegel im Eingangsbereich der Open Codes Ausstellung im ZKM

Ich esse einen ziemlich fantastischen Laugenbagel für 70 Cent und hab seitdem Lust auf Laugengebäck. Ich war irgendwie 17, als ich verstanden hab, dass man Bagel bäckt, weil die mehr Oberfläche haben. Deswegen sind die so lecker - dachte bisher immer, dass das Flair den Geschmack macht. Wie bei Soya-Latte oder Rohkost.

+

Wir suchen eine Bar und lernen, dass man hier besser vor 9 losgeht. Am besten 8. Oder halb acht. Landen im “The Door”, hinterm “Kofferraum”. Bargestaltung von einem spanischen Künstler. Schick. Und teuer. Vielleicht war deshalb noch Platz. Auf der Toilette läuft ein Hörspiel über das Eigenleben der Farben.

Das Nachtleben endet hier um 12. Dann fährt die letzte Bahn. Auch Samstags. Dann schließt auch der Rewe-City. Auch Samstags. Wir kaufen:

  • Tomaten
  • Salz
  • Bio Eis-Tee (Zitrone)
  • Laugenbrezel
  • Hobbits (die besten Kekse Deutschlands)

Sonntag - Jupiter Mission 18 Months Later

Ich dusche. Der Durchlauferhitzer versorgt einen Duschkopf auf Brusthöhe wankelmütig mit lauwarmem bis eiskaltem Wasser. Wenn ich mich aufrichte, erinnern mich die kalten Kacheln am Rücken daran, dass ich in einer Dachwohnung dusche.

Nudeltopf auf einem Herd vor Gardinen

herdplatten vor Fliesen und Gardinen

Die Analoguhr am Herd hatte gemeinsam mit den viel zu groß beschrifteten Drehknöpfen eine seltene, ästhetische Qualität

Wir sind wieder bei Open Codes. Und haben gegen 16.00 Uhr Lennart und Allessandro 2 Stunden Ausstellung und addiert 3 Stunden Tischtennis vorraus. Was gibts zu essen bei euch? Nudeln mit Pesto zum zweiten. Beim Dritten. Und beim Vierten.

Ich hab gelernt, dass Süddeutsche nicht über Rot gehen. Mein Zug fährt um 1:30 Uhr. Bis dahin gucken wir 2001: a Space Odyssey im Kinopalast am ZKM. Läuft im Rahmen vom Beyond-Festival als Original mit Unterton. Und kurzem 3D-Vorfilm über schlüpfende Schmetterlinge (und menschliches Fehlen). Chrysalis von Ina Conradi & Mark Chavez:

A man spent hours watching a butterfly struggling to emerge from its cocoon. It managed to make a small hole, but its body was too large to get through it. After a long struggle, it appeared to be exhausted and remained absolutely still.

The man decided to help the butterfly and, with a pair of scissors, he cut open the cocoon, thus releasing the butterfly. However, the butterfly’s body was very small and wrinkled and its wings were all crumpled.

The man continued to watch, hoping that, at any moment, the butterfly would open its wings and fly away. Nothing happened; in fact, the butterfly spent the rest of its brief life dragging around its shrunken body and shrivelled wings, incapable of flight.

What the man – out of kindness and his eagerness to help – had failed to understand was that the tight cocoon and the efforts that the butterfly had to make in order to squeeze out of that tiny hole were Nature’s way of training the butterfly and of strengthening its wings.

Sometimes, a little extra effort is precisely what prepares us for the next obstacle to be faced. Anyone who refuses to make that effort, or gets the wrong sort of help, is left unprepared to fight the next battle and never manages to fly off to their destiny.*

*Dieser Text stammt von Paulo Coelho, im Film wird er in etwas abgewandelter Form eingesprochen.

Nach der Affenszene kommt eine vom Kino und weist darauf hin, dass A Space Odyssey nicht in 3D sei und man die Brillen jetzt ruhig abnehmen könne. Jerome sagt, das war eh nur aus Stylegründen.

Montag - Jupiter and Beyond the Infinite

Es ist 23:54, ich sitze im McDonalds. Sprite. 0,4. Sitzplatz-Alibi-Getränk. Wenn man Kophörer aufhat und nicht hinschaut, denkt man immer, alle würden über einen reden. Als um 1 geschlossen wird, kommt mein Zug in einer halben Stunde. Ich hab die Frau am Bahnschalter angegrinst, als sie nach der Platzreservierung gefragt hat. Halb zwei, am Sonntag, wer fährt da schon Zug? Nach dem dritten durchlaufenen Abteil weiß ich genau, wer.

3 Uhr ist die wahre Geisterstunde. Am Frankfurter Hbf hat zwischen 3 und 4 sogar McDonalds zu. Ich stehe vor dem größten Bahnhof Europas bis 1915 und verteile Zigaretten an die Bedürftigen. 2 Stunden aufenthalt. Das klang noch leichter, vor 2 Tagen am Schalter.

Ich treffe Rike und Luiza, aus Berlin, wir spielen Karten und trinken Minztee im McCafe. Ich erzähle, dass meine kleine Schwester in Berlin auf dem Internat ist. Wie alt ist sie? 16 geworden gerade. Heute. Sie hat heute Geburtstag. Happy Birthday Tessa!

Rike sagt, dass die DB Lounch nur bis 22 Uhr offen hat. Wenn man die dann wirklich braucht, ist die zu. Wobei die DB-Lounch eh nur für die Erste Klasse ist. Und wer sich leisten kann, erste Klasse zu fahren, der fährt nicht um diese Uhrzeit. Um diese Uhrzeit fahren nur Leute, die es sich nicht leisten können, zu einer anderen Uhrzeit zu fahren.

McDonalds ist die DB-Lounch der Armen.

Um 9:30 sollte ich da sein. Werd mal versuchen ein bisschen Schlaf zu bekommen, zwischen Frankfurt und Hamburg. Till meinte, er sitzt auch noch bis 4 im Zug. Sind wir morgen schon zu zweit, bei der Orientierungs-Einheit. Gott. Morgen geht’s schon los. Die Uni. Tessa wird morgen 16 und ich werde wohl auch wieder ein Jahr älter.

QITAN