05
Jun

58 | Eine Geschichte von Plastik

Es war Liebe auf den ersten Blick, diese Geschichte mit mir und diesem Plastikroboter. Er war mein Idol. Die Idealisierung des sammelbaren Plastikspielzeugs. Ich muss in der zweiten Klasse gewesen sein, vielleicht in der Dritten. Zwischen Wrestling-Chips, also Pokerchips mit den Gesichtern von Wrestlern der WWE und Stärkewertung von 1 bis 10, und dem fleißigen Sammeln von Panini Klebebildern zur WM 2006. Nach der Einführung von Spongebob-Chips aber noch vor den mysteriösen Pokemon-Chips, die kaum zu finden waren, woraufhin ein Freund und ich einen Pakt schworen, wann immer wir welche finden würden, alle zu kaufen. Zwei Wochen später fand ich auf einem Flohmarkt über 600 Stück. Verdammt. Es gab Match Attaxx, Sammelkarten mit Fußballern und Sternewertung, und Force Attaxx, Sammelkarten mit Star Warslern und Sternewertung. Erstere ignorierte ich vollends, Letztere sammelten meine kleine Schwester und ich mit Hingabe. Als wir einmal in einem Seebad zum Urlaub waren, gab es dort Force Attaxx am Kiosk und IN JEDER GOTTVERDAMMTEN PACKUNG WAR EIN GLITZI, OH MEIN GOTT WAR DAS EIN GEILER URLAUB VERDAMMT! Und natürlich gab es irgendwie immer Pokemon und Yu-Gi-Oh Karten. Ich hatte mein Deck immer dabei, kann ja sein, dass sich da einer aus der Vierten in den Weg stellt und schreit: “Es ist Zeit für ein D-D-D-Duell!” Dann wäre ich vorbereitet gewesen. Auf jeden Fall tauchten irgendwann zu dieser Zeit im Taschengeldgrabkiosk von Ali, der uns von Kratzeis bis Kippen unser Leben lang schon begleitet, die Gogos auf. Und mit ihnen auch der Alkaline Gogo. Die prägsamste Woche meiner Kindheit begann:

Meine erste Begegnung mit diesen kleinen Plastikfiguren war in der Pausenhalle. An mehreren Tischen wurde “geschnippt”. Das heißt, dass ähnlich dem Bowling oder Murmeln, versucht wurde, die Gogos des Anderen mit den Eigenen umzustoßen. Ich saß und sah zu. Sah ihn. Riesige Fäuste, kleiner Kopf, breite Brust. Bei mir war es umgekehrt. Ein einziges Auge nur, aber mehr brauchte er auch nicht um mich zu hypnotisieren. Auf der massiven Roboterbrust stand in Orange: “Alkaline”. Ich musste ihn haben, diesen Alkaline Gogo.

alkaline-3

Es gibt zwei Tricks, mit sammelbaren Spielzeug. Der Erste ist, dass es die selbe Figur in mehreren Farben gibt. Das führte dazu, dass meine Quest, den Alkaline Gogo zu finden, um 4 weitere Relikte erweitert wurde. Der Zweite, dass es immer eine seltenere Variante gibt. Einen “Glitzi”. Bei den Gogos war das die Farbe Gelb. Munkelte man zumindest hinter versteckter Hand auf Schulpissoires und im Geräteschuppen bei den Go-Karts, von denen es nur zwei Stück gab, weswegen die Fahrzeiten rigoros eingehalten werden mussten. Nachdem ich neulich auf dem Gogo Crazy Bones Wiki war (das vielleicht Schönste am Internet ist, dass es zu jedem Scheiss mindestens ein Wiki und ein Forum gibt) habe ich aber erfahren, dass das gar nicht stimmte. Die gelben Gogos waren genau so häufig, wie die Normalen. Das hatten sich nur die Viertklässler ausgedacht, um uns beim Tauschen übers Ohr zu hauen.

alkaline-5

Bei uns Zuhause war Sammelplastik ganz, ganz weit unten. Panini Bilder waren okay. Aber Plastik ging gar nicht. Als die Wrestling Chips populärer wurden, ich erinnere mich, da habe ich heimlich welche gekauft und als Mama die entdeckt hatte gab es. Gar keinen Ärger sondern Verständnis. Unser Haus war vielleicht gegen Plastikspielzeug, aber schon noch pädagogisch korrekt. Das scheint zusammenzuhängen, ich weiß noch wie doll sich Mama aufgeregt hatte, als “Salzmann”, ein Spielzeugladen der pädagogisch wertvolles Holzspielzeug von HABA und Brio führte, von “BR” aufgekauft wurde. Die hatten nur noch so Plastikkacke, Action Figuren und so. Das war noch zu Zeiten, als die Hamburger Meile noch nicht das längste Shopping-Center Europas war. Aber ein weiteres Mal wollte ich meine Mutter nicht enttäuschen. Deswegen stand meine Mission fest: Alle 5 Alkaline Gogos sammeln, ohne welche zu kaufen. Weil ich schon damals chronisch unterfordert war, es gab zu der Zeit kein Notenzeugnis sondern physische Rückmeldung in Form von Teelichtern, die über den Tisch geschoben wurden, meins schob Frau Huth im Bereich “Leseverständnis” über die Tischkante. Ich hatte über 8000 Punkte bei Antolin und jeden “Das magische Baumhaus” Band aus der Schulbücherei schon gelesen. Also, weil ich wie gesagt schon damals chronisch unterfordert war, nahm ich mir zusätzlich vor, die gesamte Mission bis Ende der Woche durchzuziehen.

alkaline-1

Mir kam zu Gute, dass um mit Gogos zu spielen, kleine Objekte mit hoher Geschwindigkeit durch volle, laute Räume bewegt werden mussten. Ja, vielleicht noch ein Trick der Spielzeugindustrie. Aber am Ende der Pause fand ich Einen unter dem Tisch. Und er war gottverdammt noch einmal Gelb. Yeah, Jackpot! Ich tauschte noch während Sachkunde. Und erhielt im Gegenzug die ersten zwei Alkaline. Braun und Schwarz. An dieser Stelle möchte ich einmal diejenigen Leser, die die bisherige Mission, 5 Gogos in nur einer Woche zu sammeln, und das ohne einen Einzigen zu kaufen, als eher lapidar angesehen haben, über eine weitere Schwierigkeit aufklären: Die Alkaline Gogos waren nämlich, basierend auf ihrer breiten Brust und ihrer hohen Maße, höchst beliebte Geschosse um die gegnerischen Reihen zu dezimieren. Und dementsprechend heiß begehrt. Ich hatte mir etwas vorgenommen, das vielleicht heute noch zu groß für mich gewesen wäre. Doch die Alkaline-Gogos und ich. Wir gehörten einfach zusammen. Das fühlte ich und das trieb mich an.

alkaline-2

Als am Dienstag mein bester Freund morgens im Kiosk eine Packung öffnete, schenkte er mir, um meine kritische Situation zuhause wissend, einen der Drei. Noch in der selben Minute gelangte ich durch geschickten Ringtausch in den Besitz des grauen Alkaline. Doch langsam wurde mir Eines bewusst: Den gelben Alkaline würde ich nicht mehr so leicht ergattern. Einer aus der Vierten hatte einen. Ich forderte zum Duell. Alles oder nichts. Meine 3 tapferen Roboter standen in Reihe. Nur ich zitterte, sie standen stoisch. Der Viertklässler schnippte seinen Gogo in Richtung meiner Defensivlinie. Ein Spartaflair lag in der Luft. Er verfehlt! Ha! Ich atmete ein. Ich weiß seit diesem Moment, wie sich Luke gefühlt haben muss, als er die Torpedos direkt in das Herz des Todessterns lenkte. Meine Fingerknochen schmerzen als sie auf die Rückenpartie des braunen Alkaline aufschlagen und ihn mit Karacho in die gegnerischen Reihen katapultieren. Treffer. Gelb wackelt. Gelb fällt. Sieg! Es war Dienstag und ich war im Besitz von 4 Alkaline.

Der Podcast zu diesem Artikel


Iframes betten Inhalte aus Drittwebseiten ein. Dabei werden Daten an den Betreiber übertragen. Zum Schutz deiner Daten wird dieser Iframe daher erst durch deinen Klick aktiviert. Weiteres: Datenschutz

Wenn man selber keinen Beitrag zu einem Wirtschaftssystem leistet, ist man vom Beitrag der Anderen abhängig, ganz so wie Hartz IV Empfänger. Meine Situation war damals ganz ähnlich. Denn, da ich geschworen hatte keine Gogos zu kaufen, war meine einzige Chance auf den fehlenden, grünen Alkaline, ihn durch Tausch zu erhalten. Nur, dazu musste ihn überhaupt erst einmal Irgendjemand haben. Meine epische Suche nach den fünf Alkaline hatte sich inzwischen in der gesamten 3b herumgesprochen. Mittwoch ging ich leer aus. Donnerstag auch. Freitag kam. 13.00 Uhr und kein grüner Alkaline in Sicht. Ich kontemplierte die Möglichkeit meines Scheiterns.

alkaline-4

Jeden Freitag aßen wir bei mir zuhause Spaghetti Bolognese, mein bester Freund von damals, Hannes, und ich. Und danach ging es im Sommer erstmal Kratzeis holen und dann bolzen. Als wir bei Ali waren ließ Hannes drei 50-Cent-Stücke lässig auf den Tresen fallen, Ali wuste was das heißt. Der Mann verlangt nach Stoff. Die knisternde Plastiktüte wurde aufgerissen kaum, dass sie Alis, vom Tabak gelben, Hände verlassen hatte. Da war er. Der grüne Alkaline. Seit diesem Moment weiß ich, was eine Freundschaft ausmacht. Grüne Gogos: “Hier, kannst du haben”. Es war Freitag, kurz nach drei, und ich war für ein paar Minuten der glücklichste Mensch der Welt.

alkaline-6

Die 5 Alkaline waren Schullegende. Ich habe sie nie in einem Spiel gesetzt. Und bis heute aufbewahrt. Sie erinnern mich an diese Zeit, als die schwersten Dinge im Leben eben genau das waren. Und Freundschaft hieß, seine Gogos zu verschenken. Danke Hannes.

QITAN

newsletter?

Deine E-Mail-Adresse wird verschlüsselt übertragen und nicht an Dritte weitergegeben. Durch Angabe deiner E-Mail-Adresse stimmst du zu, E-Mails, diesen Blog betreffend von mir zu erhalten. Weiteres: Datenschutz
Dieser Blog verteilt (kaum) Cookies. Für weitere Infos zu Verwendung und Opt-Out siehe: Datenschutz NO OK