05
Feb

25 | Schiller, Stalin und das LSD

Wenn ein Salvator Mundi, für dessen Echtheit wirklich nicht verbürgt ist, eine halbe Milliarde wert sein soll . Wenn das Original wohl gar nicht so Original ist und wahrscheinlich viel mehr das Werk von fähigen Restauratoren und unfähigen Schülern als das des Genies. Wenn, obwohl sowieso alles Kunst ist heutzutage selbst die Dinge, die wirklich Kunst sein sollten, also im Sinne der Definition über den Geniegedanken und die Kunstfertigkeit, gar nicht so Kunst sind wie sie scheinen. Dann ist der Kunstbegriff in Gefahr. Und damit auch unsere Freiheit. (Anmerkung des Autors: Gegen Ende dieses Essays erfolgt ein Aufruf zum Konsum von illegalen Substanzen. Diesen bitte nicht als tatsächlichen Aufruf zum Konsum von illegalen Substanzen verstehen. Wie so Vieles ist auch das symbolisch.)

Red Bull

In seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen schreibt Friedrich Schiller aus der Sicht eines Literaten, nur sekundär aus der eines Philosophen. Aus der Sicht eines Literaten schreibt er über den ästhetischen Zustand. Dieser ästhetische Zustand bringt den sinnlichen Menschen in die Welt des Geistes und den geistigen Menschen zurück in die Dingwelt. Und an jenem Übergangspunkt. An dem Vernunft und Sinnlichkeit sich die Waage halten. An jenem Punkt. Dort tritt dieser ästhetische Zustand ein. Und ermöglicht etwas, dass du vorher nicht vermochtest. Kunst zu sehen.

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Dieser ästhetische Zustand bringt Einsicht über Dinge der Physis, also dem Sinn, dem Da- und Wohlsein. Einsicht über Dinge der Logik - Verstand und Denken - Dinge der Moral. Der ästhtetische Zustand vereint diese 3 Einsichten in eine Einzige. Und vernichtet in dieser alle anderen. Keine Moral. Keine Logik, keine Physis. Denn die Schönheit dient nur dem Selbstzweck, ist weder nützlich für Verstand und Willen noch hat sie Zweck für die Moral. Ist nicht die Wahrheit und lässt dich auch dich selbst nicht besser verstehen. Die Schönheit, die du in diesem Zustand zum ersten Mal erkennst, verleit nur eins. Red Bull.

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Zwei Null

Einst schuf der da oben Adam. Und er schuf ihn in seinem Abbilde. Und Adam ward einsam und es gab noch kein Internet. So schuf Gott noch einmal. Eine Frau, Eva, aus der siebten Rippe Adams. Und Adam und Eva lebten im Paradies bis sie sich ein Iphone kauften, da warf Gott sie raus. Und zur Strafe musste Eva, wenn sie ein Kind gebähren sollte, schreckliche Schmerzen leiden. Und sie gebahr. Drei Söhne. Und so war da die Menschheit. Der Mensch war geschaffen worden. Die erste Schöpfung. Zumindest wenn man gerne Märchen liest. Aber unabhängig davon können wir uns doch alle darauf einigen zu existieren und auf irgendeine Art und Weise in diese Welt geholt worden zu sein. Das Wie ist doch egal. Wir sind Kinder. Kinder einer Schöpfung.

Das erreichen des ästhetischen Zustandes und die damit verbundene, erstmalige Erkenntnis von Schönheit macht den Mensch erst Mensch. Erst jetzt ist er frei. Kein Sklave von Physis, Logik, Moral und seiner Menschlichkeit. Einmal. Einmal da schuf einer Kunst. Und er schuf sie in seinem Abbilde. Und die Kunst ward einsam, denn da war keiner der sie sah. Aber da geschah es. Ein anderer sah die Kunst und er sah sie als das was sie war. Schönheit. Und so war da der erste Mensch. Der erste Mensch war geschaffen worden. Die zweite Schöpfung. Und der andere schuf noch mehr Kunst. Und noch andere wurden zu Menschen. Und so entstand die zweite Menschheit. Menschen. Keine Sklaven. All die Dinge die dich einst noch festhielten sind fort, endlich kannst du tuen was du wirklich möchtest. Der Zweck der Schönheit ist es also, dass ihr Betrachter keinem Zweck mehr dienen muss.

Die Natur hat den Menschen als existentes Wesen geschaffen. Was Mensch und Tier unterscheidet ist die Kulturfähigkeit. Die erste Schöpfung durch die Natur, ergänzt durch die zweite Schöpfung der Kultur. Aber der Mensch ist nicht automatisch kultiviert. Er muss zur Kultur und damit zur Ästhetik hinerzogen werden. Denn er ist nur zur Kultur fähig. Schiller spricht von “der ästhetischen Erziehung des Menschen”. Diese Kultur kann viele Formen annehmen. Von Anfang an war Religion eine wichtige Kultur, später kamen Theater und Literatur dazu. Heute hat so gut wie alles Kultstatus und damit auch Kulturstatus erreicht. Die Menge an Möglichkeiten Kultur und die in ihr liegende Schönheit zu erkennen ist heute riesig. Trotzdem fehlt noch etwas.

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LSD

Durch seine ästhetische Erziehung kann der Mensch nur soweit befreit werden als, dass er für den Moment vorbereitet wird in dem es zum ästhetischen Zustand kommt. Aber in diesen ästhetischen Zustand muss er trotzdem noch hinein versetzt werden. Es braucht eine Initialzündung. Dazu bestehen viele Möglichkeiten. Glaubt man Kant dann sollte das regelmäßige betrachten von Kunst und das Reflektieren über die selbe reichen. Das Gefühl in meine Welt zu passen sollte mich in den ästhetischen Zustand versetzen. Glaubt man Burke dann sollte ein Besuch in der Herbertsstraße dich in den ästhetischen Zustand versetzen (7 reale Eigenschaften der Schönheit nach Burke, gefunden im Körper der Frau). Und glaubt man Nietzsche dann reicht ein wenig LSD. Schönheit im Rausch. Alles Andere ist zu langweilig.

Nach Schiller ist der Mensch also durch die Natur ein erstes Mal geschaffen worden und war nur deswegen höher als das Tier weil er die Kulturfähigkeit mitbrachte. Erst durch die Schönheit in Form der Kultur wird der Mensch wirklich frei und menschlich. Ein zweites mal geschaffen. Dafür muss der Mensch zum Einen zur Ästhetik hinerzogen worden sein, ihm muss also bewusst gemacht worden sein, dass es Schönheit gibt. Zum Anderen muss der Mensch die Schönheit selbst erfahren. Erst dann tritt der ästhetische Zustand und damit die Befreiung von der menschlichen Fessel ein.#

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Stalin

Geht man davon aus, dass der Mensch erst frei ist wenn er von seiner Kulturfähigkeit nutzen macht, sprich ein zweites Mal geschaffen worden ist. Dann müssen zwei Dinge gegeben sein. Eine ästhetische Erziehung und eben jene Initialzündung. Fehlt eine der beiden so sollte nach Schiller kein kultivierter Mensch zustande kommen. Und somit auch kein freier Mensch. Das Entfernen einer Initialzündung ist oft zitierter Inhalt von dystopischen Fiktionen. Grauer Beton, es geht ums nackte Überleben, da wird die Dosensuppe andernorts benötigt. Es wäre bestimmt kein einfaches Unterfangen jedwedes Kulturgut zu verbrennen. Jede mögliche Art des Rausches zu unterbinden. Jede Frau zu verschleiern.

Was aber wenn ich in meiner kleinen, fiktiven Geheimdiktatur, die ich mir gerne zum Einschlafen vorstelle, den Menschen die kulturelle Erziehung verwehre. Alle Froebel-Kindergärten zu, die Kinder von der Waldorfschule tanzen nur noch meinen Namen und dann gar nicht mehr, die paar Gallerien die noch überleben schließ ich mit nem Sexskandal. Alle ästhetische Erziehung wird von mir verhindert. Würde es trotzdem noch Künstler geben? Damit diese Initialzündung funktioniert muss sie als sie selbst erkannt werden. Wenn ich Kunst sehe aber mir nicht einmal bewusst bin, dass es so etwas gibt wie Kunst, sehe ich dann Kunst? Vielleicht bekommt man so ein vages Gefühl, ahnungslos was das nun genau zu bedeuten hat. Das Problem der Kunst ist, dass Dinge nie nur Kunst sind. Eine Installation sind immer noch Gegenstände in Anordnung, eine Performance ist immer noch Menschen die sprechen und sich bewegen. Anstatt strukturiert jedes Kulturgut zu vernichten und jede Neuproduktion zu unterbinden brauche ich nur die Struktur meiner kleinen Insel voller höriger Untertanen umschichten um jede Art von Kultur zu verhindern. Und so die Menschen wieder zu fesseln.

Mit der modernen Kunst die sich von der Deffinition über die Kunstfertigkeit entfernt hat und sich hin zur Definition über den Kunstbegriff ist eben jener überlebenswichtig. Wenn ich den Kunstbegriff nehme zerfällt das Gesamtwerk Kunst zurück in seine Einzelteile. Ist keine Kunst mehr und kann keine zweite Schöpfung mehr sein. Und wir sind auf dem besten Wege diesen klaren Kunstbegriff zu verlieren. Alles ist Kunst. Und dann eben auch nichts. Wir sind in der postfaktischen Zeit in der alles kann, nichts muss. Jede Splittergruppierung, jeder Meinungsautist ist jetzt eine Minderheit die nicht überhört werden darf. Ich bin nur das als das ich mich identifiziere und mein Geschlecht erwürfel ich. Wenn wir unseren Kunstbegriff verlieren, verlieren wir die komplette Kunst. Und damit unsere Freiheit.

Heute noch eine Meinung zu haben die niemandem auf die Füße tritt ist nahezu unmöglich. Und diese Meinung dann trotzdem noch zu vertreten noch viel unmöglicher. Aber was wäre dann diese Kunst die niemandem auf die Füße tritt? Früher hatte Kunst die Narrenfreiheit, heute werden Künstler wie Cindy Sherman (Anmerkung des Autors: Cindy Sherman geriet für eine Serie aus ihrer Studentenzeit jüngst in einen Scheißsturm. Sie hatte sich in der “Bus Riders” betitelten Serie verkleidet. Auch als Dunkelheutige. Das Ganze liegt nun knapp 40 Jahre zurück) oder Jimmie Durham (Weitere Anmerkung des Autors: Durham geriet in den selben Sturm nachdem herauskam, dass seine Werke, die seine eigenen Cherokee-Wurzeln behandeln gar nicht von einem “echten” Cherokee stammen. Sprich er hatte seine Herkunft frei erfunden) angeschwärzt weil ihre Kunst nicht “Cultural Appropriate” sei. Diese Kunst die allen gefällt könnte nicht Viel bieten, eine monochrome Leinwand vielleicht. Und selbst über die regen wir uns regelmäßig auf. Also wäre da keine Kunst die noch irgendwen in ästhetische Zustände versetzen könnte. Wir dürfen uns nicht sagen lassen was die Schönheit ist und was noch Schönheit sein darf. Verlieren wir unseren Kunstbegriff verlieren wir unsere Menschlichkeit. Also geht öfter ins Museum. Lest mehr Kulturblogs. Geht öfter mal ins Rotlichtviertel. Nehmt mehr LSD.

QITAN

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