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51 | Tage mit Grossvater (Ostfriesland)

Der Muschelweg hatte einen Großteil seiner alten Magie bereits eingebüßt. Als ich klein war, bestand dieser Fahrradweg aus großen Mengen von Muschelschalen. Was ich nie verstehen konnte war, wie man denn dieses, so wertvolle, Sammelobjekt einfach mit dem Fahrrad überrollen konnte und noch viel weniger, woher jemand etwas, so wertvolles wie Muscheln, in solch ausreichender Menge finden konnte. Heute ist der Muschelweg nicht mehr der Muschelweg sondern der Nasser-Kalk-Wieder-Angetrocknet-Weg. Wie gesagt, die alte Magie ist schon lange woanders.

Von Johannes Hassenstein

Es gibt Hühnersuppe aus dem Gefrierer und Männchenpudding mit frischem Rhabarber. Opa sagt, dass man Rhabarber niemals roh essen darf, dass man Rhabarber immer schälen muss, dass das die Oxalsäuren seien, die in der Schale stecken, dass er unseren Rhabarber jetzt aber nicht geschält hätte, weil der ja so frisch sei. Opa erzählt von den Flüchtlinge, der neuen Drainage im Haus des Syrers, Wurzeln nach England, dem Klimawandel, der Automatisierung und ehrenamtlichen Renterbands. In Ostfriesland trinkt man sehr viel Tee, denn in Ostfriesland ist das Wasser weicher. In Ostriesland grüßt man auf dem Fahrradweg mit “Moin”. Die Jugendlichen von Dorfcoolness innerlich zerrissen. Oder gar nicht. Die Älteren gediegen, die Touris knapp. Die Holländer demonstrativ “Challo”.

Als aus dem Klappfenster des Regionalexpress der Geruch nach Kuhscheisse wehte, wusste ich, dass ich zuhause war. Vorbei an dem “Vorsicht, Gleise” Schild, dass ich immer für ein “Vorsicht, Zaun” Schild hielt. Vorbei an zwei weißen Pferden und einem weißen Zaun. Der Bank auf dem Wendeplatz. Sie fahren. 31. Sie fahren. 30. Sie fahren. 29. Die Digitalanzeige lächelt. Opa findet die Windkrafträder jetzt eher so Semi. Aber die stehen auch wirklich überall, man sieht den Wald vor lauter Windkraftwerken nicht. Wie um die Anwohner zu verhöhnen, sind alle Windräder mit einem grünen Blockgradienten am Sockel ausgestattet, um sich besser in die komplett flache Landschaft einzufügen. Die roten Markierungen bei 50 und 75 Metern vervollständigen die Tarnung und machen die Windräder fast unsichtbar.

wolfgang-zerer

Wir gehen zu einem Orgelkonzert und finden es beide jetzt nicht so besonders. Der Krummhörner Orgelfrühling ist DAS Festival geistlicher Musik im Nordwesten Deutschlands! Wolfgang Zerer soll laut Programmheft einer von den ganz Großen sein. Aber in einer Dorfkirche, umgeben von Rentnern und einem jungen Paar, dass sich wohl selber für sehr musikbegeistert hält, da wirkt das jetzt nicht so groß. Der Mann erinnert mich seltsam stark an einen Rettich, denke ich. Ein erzdeutsches Gesicht und eine asiatische, definitiv jüngere Freundin hat der Mann, die ihm seine Noten vorblättert und wahrscheinlich auch für ihn Kakerlaken zertritt. Und seine Starallüren wirken in der kleinen Kirche massiv deplatziert. Auf Kartoffelsuppe im Gemeindehaus legen wir jetzt beide keinen gesteigerten Wert, der Pastor trägt als einziger in der Kirche einen hippen Schal um seine Jugend ungekonnt zu untermalen, sagt: “Wann immer Wolfgang Zerer auf eine Orgel trifft, dann fühle sich das an, wie zwei Liebenden die sich vereinen”. Wir gehen Pizza essen.

Dorflife, yeah. Hier gehörst du mit Führerschein zum Landadel. Oma erzählt vom Krieg, von der freien Berufswahl, von Bildungschancen, den älteren Schwestern, dem Erbe. Kunsthalle Emden, American Dream. Opa sagt, er kann da jetzt nicht so richtig was mit anfangen. Wir gucken Super 8 Filme. Es ist Maike`s 6. Geburtstag. Opa sah mal gut aus und es gab Zeiten vor den Inline-Skates. Wir trinken Cappucino bei Henri`s. Ich steige in die Bahn und brauche mein Hamburg.

“Die Wünsche sind erfüllt, das Begehren ist nur mehr eine schwache Kraft, die eine minimale Bewegung provoziert, von Genuss zu Genuss vielleicht, oder auch von Schmerz zu Schmerz, das ist nicht auszumachen. Videosensation, Sexsensation, der Extremismus des Genießens ist aud Dauer eingestellt.”

- Hubert Winkels über “Unter Null”

Ich gehe am Hotel Atlantik in Richtung der Alster, esse mein Baguette mit Tomate Mozzarella von Le Crobag an der überstürmten Alster und bin: “Ein Croissant lang in Frankreich”. Unter der Brücke wird zu deftigen Elektrobeats gepogt. Zwei Fahrradfahrer sind sich jetzt nicht ganz so sicher ob sie da jetzt wirklich durchfahren können ohne direkt enterbt zu werden. Aber Hunde, die tanzen, beißen nicht. Ich mache den selben Fehler, den ich schon beim Fänger im Roggen gemacht habe, und lese “Unter Null” von Bret Eston Ellis in einem Stück. Drogen, roher Sex, mondäne Jugend ohne Perspektive. Kokain im Stundentakt. Teilnahmslosigkeit. Fuck. Das holt dich erstmal drei Tage runter. Wir haben interessante Ideen heute Abend:

  • Dich gibt es eigentlich gar nicht, nur tausende, nicht deckungsgleiche Vorstellung von dir, inklusive deiner eigenen Vorstellung von dir selber
  • Man sollte schwarze Leinwände verkaufen
  • Man sollte Schallplatten verkaufen, auf denen nichts drauf ist, außer dieses Kratzen, wofür sich Leute Plattenanlagen kaufen, weil “Vinyl ja so viel authentischer klingt” und man ja “einen Künstler nicht kennt bis man ihn auf Platte gehört hat”
  • Man sollte einfach mal auf Clubfotograf machen und eine Nacht lang Leuten nur in die Fresse blitzen, ohne Film drin
  • “Mystisch, magisch, magersüchtig” wäre ein toller Titel für eine EP.
  • Französisch als Sprache ist so schön, dass dir ein Franzose alles sagen könnte, du würdest ihm danach trotzdem einen blasen. Ce serait gay alors.

Jo. Ich soll Brot mitbringen. Und ich bringe: Roggen-Brot mit Leinsamen von Harry und einen Olivenring zum selber aufbacken von Ja!, der trotz sorgfältiger Verarbeitung ganze Olivenkerne oder Teilstücke von Olivenkernen enthalten kann. Vielleicht werden aber auch nur Olivenkerne hineingestreut, um das ständige Verlangen nach Authentizität, das selbst Brot-Fabrik-Besitzer zu zerreissen scheint, zu sättigen. Die Yoko ist ein angenehmer Club. Von der Decke hängen selbstgebastelte Pappmache-Spinnen und Kreppband-Quallen, der DJ ist tatsächlich hauptberuflich DJ, es ist nicht voll, die Musik ist nicht so laut, dass man sich nicht gegenseitig sagen könnte, wie schön das ist, dass die Musik nicht so laut ist. Es gibt kein Stroboskop, danke. Ich werde gefragt, ob ich etwas zu verkaufen hätte, ich verneine und frage, was ich denn hätte verkaufen können, ja irgendetwas, ich wusste nie, dass ich aussehe, wie einer, der einfach irgendetwas verkauft. Ob er selber wohl zu verkaufen ist?*

QITAN

*Zitat aus “Unter Null” von Bret Eston Ellis. Die beiden kleinen Schwestern der Hauptperson Clay stellen auf dem Rücksitz des Mercedes ihrer Mutter scherzhaft Vermutungen über den hübschen Freund ihres großen Bruders an. Fragen sich: Ob er wohl selber zu verkaufen ist. Tatsächlich ist Julian durch seine Drogenschulden an einen Zuhälter gelangt und muss sich an ältere Männer verkaufen. Der Satz zieht sich naiv durch das gesamte Buch.