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In der Musik ist die Stille genauso wichtig wie der Ton. Die Minimal Music hat dieses Konzept erforscht, John Cage in vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden es hörbar gemacht. Oh Wonder hat den Minimalismus in die Pop-Musik gebracht. Und das Berliner Produktionstrio KitschKrieg. Die machen ihn jetzt hip. Schon der Projekttitel, KitschKrieg, lässt Rückschlüsse auf definierende Elemente zu. Den Kontrast, wie zwischen Gun`s und Rose`s, so zwischen Kitsch und Krieg. Die Flexibilität, Weite des Feldes, der Streufaktor. Kitsch und Krieg, das sind Wörter, die im Englischen und im Deutschen vorkommen. Und der Kontrast. Zwischen Kitsch und Krieg. Zwischen Trash und Kunst. Zwischen Ton und Stille.

Gestern Abend war ich noch im Thalia, in “Panikherz”. Handelt von einem magersüchtigen Rolling-Stone Reporter, der seine Magersucht mit Kokain überkommt und nebenbei ein riesen Lindenberg Fan ist. Der Satz, der für mich definierend war: “Ich stecke mir die elektrische Zahnbürste in den Kopf”. Technisch richtig, der Mund ist Teil des Kopfes, und doch irgendwie unangenehm, diese Formulierung. Aber es ist doch so. Das ist kein Mund mehr. Das ist bloß eine Körperöffnung.

Ich gehe eher ungern zu Kulturveranstaltungen in den, als besser gestellt geltenden, Bezirken. Und noch weniger gerne zu welchen, wo die Eintritt nehmen. Der “Disco Flow-Markt”, ja ganz aufregend mit “W” statt “H”, hieß so, weil da irgendeine total angesagte DJane, um den geschlechtsspezifischen Begriff zu verwenden, aufgelegt hat. Wobei ja von Auflegen nicht die Rede sein kann, weil man ja nur einen USB-Stick reinsteckt. Und hoffentlich auch wieder sicher entfernt. Also hat die total angesagt DJane da halt Reingesteckt. Na auf jeden Fall war dieser Disco Flow Markt eine Kulturveranstaltung dieser Art und enttäuschend. Da waren nur “Influencer” von Instagram und so kleine Designkollektive, wo zwei Mitzwanzigerinnen mit Bob-Schnitt inspirierende Botschaften im Handmade-Look und Schwarz und Gold und Postkartenformat verkaufen. Vor der Tür haben die bärtigen Freunde der ganzen Influencerinnen und Designerinnen gevapet. Ehrlich, wenn vor der Tür Männer mit Bart und Chicago-Bulls Cap vapen, dann geh da nicht rein, da ist das immer scheiße. Aber das New Wall Festival war besser. Obwohl das am Neuen Wall war (man erkennt nun die Genialität der Namenswahl, Chapeau!) und 5€ Eintritt kostete (dafür hätte ich eine ganze Grußkarte in Schwarz-Gold bekommen können!). Aber vor der Tür hat keiner gevapet.

Weil mein Rucksack seinen Geist aufgegeben hatte und dringend einen Nachfolger benötigte war ich, wie schon in der ersten Kolumne wieder in der Innenstadt. Nach nicht bestandener Inspektion des Markenmodells von Bree (er hatte kein Laptopfach und der mit Laptopfach wäre erst ab Mitte März im Laden gewesen, kein Wunder, dass der Einzelhandel stirbt) fand sich das selbe Modell, halb so teuer und mit doppelt so viel Laptopfach bei Globetrotter. Und dann hatte ich irgendwie doch schneller als wie erwartet einen neuen Rucksack. Zeit tot geschlagen mit Till (Instagram: @lordhimbert) und im Kunstsupermarkt gewesen. Und es stellt sich uns die Frage: Wer kauft da eigentlich ein, in diesem Kunstsupermarkt?

“Ich bin der neue Heinrich Heine, nur mit frischer Rasur” rapt Shindy auf Megalomanie. “Was würde ich bloß tun hier, wär’ ich nich’ Rapstar? Wahrscheinlich wär’ ich der neue Erich Kästner” beantwortet Samy Deluxe auf seinem leider gar nicht so poetischen Album Poesiealbum selber seine Fragen. Neue Dichtung. Was will diese Artikelserie? Zeigen, dass Rap mehr ist als Kollegahs AK`s im Wandschrank und zu wissen wer der Babo ist. In dieser Serie werde ich mich mit einzelnen Glanzstücken des zeitgenössischen Deutschraps beschäftigen und diese 3 Minuten genauso wie ein Gedicht behandeln. Wie neue Dichtung. Den Anfang macht Blue Marlin von Marteria. Alle hier erwähnten Textstellen stammen aus einer Ausgabe von “Der alte Mann und das Meer” der Büchergilde Gutenberg mit Zeichnungen von Seymour Chwast. Die hier angeführten Lyrics stammen von Lyrics Genius. Warum jede einzelne Zeile eines Raptracks analysieren und interpretieren? Schon mal was vom Füllreim gehört? Ja, aber ab einem gewissen Punkt wird so ein Track Dichtung. Und Dichtung kommt von verdichtet. Einer ganz und gar nicht zufälligen Anordnung von Wörtern, also wird auch jedes Wort gewichtet.

Wenn ein Salvator Mundi, für dessen Echtheit wirklich nicht verbürgt ist, eine halbe Milliarde wert sein soll . Wenn das Original wohl gar nicht so Original ist und wahrscheinlich viel mehr das Werk von fähigen Restauratoren und unfähigen Schülern als das des Genies. Wenn, obwohl sowieso alles Kunst ist heutzutage selbst die Dinge, die wirklich Kunst sein sollten, also im Sinne der Definition über den Geniegedanken und die Kunstfertigkeit, gar nicht so Kunst sind wie sie scheinen. Dann ist der Kunstbegriff in Gefahr. Und damit auch unsere Freiheit. (Anmerkung des Autors: Gegen Ende dieses Essays erfolgt ein Aufruf zum Konsum von illegalen Substanzen. Diesen bitte nicht als tatsächlichen Aufruf zum Konsum von illegalen Substanzen verstehen. Wie so Vieles ist auch das symbolisch.)

In der Rotunde der Hamburger Kunsthalle steht ein Haufen Statuen. Die warn wir mal besuchen gehen neulich. Nachdem sich mein Philosophiekurs ein ganzes halbes Jahr mit Ästhetik beschäftigt hatte waren wir nun endlich auf der Suche nach der Selben. Unter kompetenter Führung begannen wir unser Abenteuer Kunst in besagter Rotunde. Die Augen offen haltend nach der einen Statue die uns zutiefst verstört und eben der anderen Statue die uns ein wenig anzieht.