12
Aug

73 | Gott wohnt in Barmbek

Irgendwie beruhigt es mich, dass Gott doch einen weißen Bart hat. Auch das mit dem blauen Pulli passt soweit. Das mit den Regenschirmen. Na ja, er müsste es ja an sich am besten wissen. Vielleicht als Tarnung. Oder ein Witz mit sich selbst. Gott würfelt vielleicht nicht. Aber Witze macht er bestimmt. Die in der Kirche haben mir immer auf meine Frage, wo Gott denn wohnen würde, geantwortet, dass er in uns allen lebt. Und in den Dingen. Und Pflanzen. Und Tieren. Eine Weile lang hat er nicht so gerne in den Homosexuellen gewohnt. Aber die Zeiten sind längst vorbei. Und die in der Kirche haben halt auch keine Ahnung von Gott. Weil ich weiß wo Gott wohnt. Gott wohnt in Barmbek.

Vor einer Weile hab ich mal mit dem Mann von einer Freundin von meiner Mutter geredet. Er ist Verleger. Und auch sonst ziemlich gebildet. Interessanter Mensch, der viel redet, wenn man ihn lässt. Irgendwann hat er mich plötzlich was gefragt, was tiefer traf, als es geschlagen war. Ob ich ein Vorbild hätte. Bumm. Hamburger Donner. Ich hab ja schon mal darüber geschrieben, wie es mit den politischen Vorbildern in Deutschland steht. Aber ob ich selbst ein Vorbild hab, das habe ich mich nie gefragt.

Der Podcast zu diesem Artikel


Iframes betten Inhalte aus Drittwebseiten ein. Dabei werden Daten an den Betreiber übertragen. Zum Schutz deiner Daten wird dieser Iframe daher erst durch deinen Klick aktiviert. Weiteres: Datenschutz

Ich bin irgendwie ziemlich vorbildlos aufgewachsen. Mein Vater hat sich zu früh verabschiedet, um noch langzeitlich gesehen ein Vorbild zu werden. Und meine Mutter hatte zu viel damit zu tuen, seine Lücke zu füllen als, dass sie auch noch Zeit gehabt hätte, ein Vorbild für mich zu werden. Ich bewundere sie dafür, wie sie mit dem, was das Leben auf sie geworfen hat, umgegangen ist. Aber ich will mein Leben nicht wie ihres leben - ich kann ganz gut fangen.

Ich weiß, dass ich nicht religiös bin. Aber ich bin nicht ungläubig. Mir ist das wichtig, da klare Linien zu ziehen. Kugelschreiberlinien. Religion heißt, ich gehöre dazu. Glaube heißt, es gehört zu mir. Und ich fühle mich gerne zugehörig. Aber ich möchte nicht nur noch Teil eines Ganzen sein. Dazu ist mir mein Individuum zu wichtig. Vielleicht ist es jugendlicher Narzismus. Vielleicht unerfahrene Skepsis mit All-Quantor. Wahrscheinlich von beidem ein wenig.

Religion heißt, ich gehöre dazu. Glaube heißt, es gehört zu mir

Als ich beim Hapkido gerade angefangen hatte, war mir dieses ganze: “Das Ich mit dem Ausatmen ablegen, das Wir mit dem einatmen aufnehmen”, zu viel. Das mit dem Großmeister, um den sich alle wie um die Kabba versammeln auch. Ich steh schon hinter dem, was er sagt und seiner Philosophie. Aber ich habe Angst, die Distanz zu verlieren, die es braucht, um Dinge klar zu erkennen, wenn ich anfange, die Orchidee zu machen und mit den Fingern kleine Herzchen forme. Weiß nicht. Hab da auch dieses Bedürfnis, klare Linien mit dem Kugelschreiber zu ziehen.

Aber glaube ich? Glaube ich an Gott? Ja. Glaube schon. Weil, das da draussen ist zu fantastisch für Zufall und Zwecklosigkeit. Jedes Mal, wenn ich über Quantenmechanik und Relativität rede, dachte mein Physikkurs, ich wäre von der Physik fasziniert. Den Zahlen, den Formeln und den Buchstaben. Dabei fasziniert mich eigentlich die Philosophie. Die Magie. Für mich ist Gott nur der Begriff, für das, was größer ist, als wir selber. Ich mag dieses “JHWH”, wo du es nennen kannst, wie du willst. Jehova. Jachwe. Juhu-Wuhu. Mir doch egal. Diese Größe ist nicht physisch und braucht keinen Namen. Der Mensch ist physisch und braucht für diese Größe einen Namen.

Jehova. Jachwe. Juhu-Wuhu. Mir doch egal.

Und wenn ich mal ehrlich bin, dann schaue ich auch nach oben und sag Sorry, wenn mir mal ein: “Gott, lass ihn verrecken” über die Lippen rutscht. Muss ja nicht sein, dass da gerade wer zuhört. Aber Sorry sagen kann man ja trotzdem. Weil Gott gibt es. Und ich glaube. Aber ich glaube, wir sind ihm egal.

Der Mann mit dem weißen Bart und dem blauen Pullunder und dem Regenschirm. Er ist die Quantenphysik. Er ist Gott. Er heißt Peter, lebt in Barmbek, verbringt seine Tage auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Und redet einfach so mit Leuten auf der Straße.

Er redet wirr. Aber er redet nicht wirr, wie ein Irrer; er redet wirr, wie jemand, der mehr verstanden hat, als er sollte. Und er redet nicht über dieses und jenes. Sondern er redet über Gott und die Welt. Und er redet nicht über Gott und die Welt, wie dieser kahlköpfige Extremist mit dem großen Holzkreuz, der eine Weile lang mal in der Mönkebergstraße rumgehangen hat. Der hat über Gott und die Welt geredet, wie ein Kind über seinen Plastikdino. Peter redet über Gott und die Welt, wie Gott über die Welt.

Der hat über Gott und die Welt geredet, wie ein Kind über seinen Plastikdino

Und er ist mein Vorbild geworden. Weil ich das Gefühl habe, dass er weiß, wie man richtig lebt. Und wenn es jemanden gibt, der richtig lebt, dann heißt das auch, dass es einen richtigen Weg zu leben gibt. Und Peter gibt mir das Gefühl, dass es okay ist, alt zu werden, weil man den ganzen Tag Leute zutexten kann und tatsächlich genug erlebt hat, um genug zu sagen zu haben, um den ganzen Tag Leute zutexten zu können und dabei was zu sagen zu haben.

Ich habe schon zwei Peter vor ihm getroffen. Einen Geschäftsmann vor den Treppen am Fiedlers, bevor das Fiedlers zugemacht hat. Er stand auf junge Südländer, hat über seine vielen Piercings erzählt - und hatte kein einziges davon im Gesicht. Hat uns nach Hawaii eingeladen, wo er einen Biergarten aufmacht, weil er das für DIE Geschäftidee schlechthin hält.

Und einen Kubaner, neben dem wir mal im Starbucks (oder Balzac? Ich krieg die beiden nie voneinander unterschieden. Es gibt den mit der Meerjungfrau, die die Beine spreizt und den mit dem Tuntenengel) am Eppendorfer Baum saß und der uns 5 Stunden lang seine komplette Lebensgeschichte erzählt hat. Vom rummachen mit Frauen und vom rummachen mit Männern und vom Rum. Und vom Machen.

Und beide hatten das Leben längst verstanden. Nur wussten sie das selber noch nicht. Peter weiß das. Und deswegen bin ich mir sicher, dass es einen Gott gibt und, dass er in Barmbek wohnt. Vielleicht geh ich mal mit ihm beim Tuntenengel einen Kaffee trinken. Den müsste er dann ja persönlich kennen.

Peter erzählt am Ende eines Gesprächs immer dieselbe Geschichte. Jedes Mal. Auch wenn er weiß, dass du sie kennst. Nicht, weil er senil wäre oder Altzheimer hätte. Nein, einfach weil die Geschichte so gut ist. Er stand an der Ampel an der großen Kreuzung bei der Mundsburg und sprach mit einem Jüngling, der ungefähr in deinem Alter war - in diesem Moment berührt er mich meist mit leicht hohler Hand an der Schulter. Und der rannte über die Straße, weil er es eilig hatte, und ich rief ihm gerade noch hinterher: “Genieß deine Jugend!”. Und er drehte sich um und rief mir zum Abschied zu: “Und du den Rest!”

Aber letztes Mal. Da hat Peter die Geschichte anders erzählt. Da rief der Junge dann: “Und du deine!” zurück.

QITAN

newsletter?

Deine E-Mail-Adresse wird verschlüsselt übertragen und nicht an Dritte weitergegeben. Durch Angabe deiner E-Mail-Adresse stimmst du zu, E-Mails, diesen Blog betreffend von mir zu erhalten. Weiteres: Datenschutz
Dieser Blog verteilt (kaum) Cookies. Für weitere Infos zu Verwendung und Opt-Out siehe: Datenschutz NO OK