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67 | Orientierungslose, Genies und Erfinder

Man sagt ja, eine gute Rede sei wie ein guter Bikini: deckt alle wichtigen Stellen ab, aber ist kurz genug um interessant zu bleiben. Diese Rede ist ein kreischgrüner Badeanzug mit Löchern an den Nippeln: Ein bisschen zu lang, unorthodox aber verdammt gewagt! Also Hallo, ich bin Johannes aus dem Physikprofil und wenn man mich vor 2 Jahren gefragt hätte bis wohin es weiter ist, bis zur Sonne oder bis zum Abitur - ich hätte spontan aufs Abitur getippt.

Von Johannes Hassenstein

Aber jetzt stehe ich hier. Und es ist vorbei. Nicht 10. Klasse geschafft vorbei. Nicht unterrichtsfreie Zeit vorbei. Nicht schriftliche Prüfungen geschafft vorbei. Es ist so richtig vorbei. Langsam aber sicher sind wir alle aus der Schule raus gekleckert. Aber eigentlich, geht es gerade erst los.

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An dieser Stelle möchte ich schnell Danke sagen, mir wurde gesagt, das macht man so. Bei wem sollten wir uns bedanken? Natürlich bei unseren Lehrern, dafür, dass sie versucht haben uns Raum zu lassen und nicht uns zu formen. Bei unserer Schulleitung dafür, dass sie uns Grenzen gesetzt, uns aber nicht eingeschränkt haben. Bei unseren Eltern dafür, dass sie nicht wollen, dass wir wie sie werden, sondern wollen, dass wir wir werden. Aber ich glaube, jeder von uns hat in den letzten 2 Jahren eine bewegte Zeit gehabt. Menschen kennengelernt und wieder gehen lassen. Und ich glaube, jeder von uns hat von irgendwem etwas so großes mitgenommen, dass er es heute noch nicht versteht. Ich glaube, diesen Menschen muss und sollte jeder von uns für sich selber danken, das kann ich nicht.

Heute ist der Anfang. Der Anfang der Zukunft. Ich spüre was, wie mit den Zähnen auf dem Gleis. Da kommt was auf uns zu. Es ist erst dieses leichte Schimmern auf den Schienen, wenn die U-Bahn gerade im Begriff ist, um die Ecke zu kommen. Aber ich sehe es.

Dass wir die Welt verändern werden. Wir sind zu spät geboren worden, um die Welt zu entdecken. Zu früh um das Universum zu erforschen. Aber gerade rechtzeitig. Rechtzeitig um den wichtigsten Sprung zu machen. Den Sprung in eine Zukunft ohne Kriege, ohne Diskriminierung, ohne Wissenschaftsfurcht und ohne Armut.

Hier sitzen Futuristen. Hier sitzen wir.

Ich weiß das. Ich glaube es nicht. Ich weiß das. Ich weiß, dass einer aus diesem Raum auf dem Mars stehen wird. Ich weiß, dass einer aus diesem Raum die einheitliche Relativitätstheorie entdecken wird. Hier sitzt der Entwickler der kalten Fusion. Hier sitzen Diplomaten. Erzieher, Künstler, Entwicklungshelfer, Dichter, Musiker, Philosophen, Orientierungslose, Genies und Erfinder. Hier sitzen Futuristen. Hier sitzen wir. Und das ist ganz wichtig.

Aber es wird knapp. Wenn wir es nicht schaffen, dann gibt es keinen zweiten Versuch. Wir tragen Verantwortung. Mehr, als uns bewusst ist, glaube ich. Verantwortung dafür unser Potenzial auszuschöpfen, den harten Weg zu gehen, Risiken in Kauf zu nehmen, uns durchzusetzen und quer zu denken. Verantwortung dafür, dass es keinen dritten Weltkrieg gibt und keinen atomaren Winter. Dass man uns nicht als Generation Y betitelt, sondern als Generation: Warum soll das nicht gehen, nur weil es vorher noch keiner geschafft hat.

Wir tragen Verantwortung. Mehr, als uns bewusst ist, glaube ich.

Und ich gehöre auch zu denjenigen, die vollkommen aus der Welt gefallen sind. Es fehlt das erste Mal Struktur und Anleitung. Ich fühle mich wie ein schlecht ausgewilderter Pandabär. Und ich hab immer zu denen gehört, von denen alle dachten, der weiß immer was er will. Aber nein. Ich weiß absolut nicht was ich will. Ich weiß aber, dass es hier den meisten so geht. Und ich glaube, wir dürfen uns nicht überstürzen. Studiert nicht irgendwas, nur um irgendwas zu studieren. Sucht nach dem was ihr der Welt hinterlassen wollt, dann findet ihr euch selbst.

Ich will eure Namen in der Times lesen.

Heute ist alles vorbei. Und heute fängt alles an. Das ist unser Jahrhundert. Ich will eure Namen in der Times lesen. Auf dem Walk of Fame. Auf dem Nobelpreis. Auf nachhaltigen Designerhandtaschen. Auf Friedensverträgen und auf Fußballsammelkarten. Auf Spiegel Bestsellerlisten und auf Festivalplakaten. Ich will Zeitung lesen und denken: “Den - den kenn ich!”

Dylan Thomas schrieb: “Do not go gentle into that good night, old age should burn and rave at close of day; Rage, rage against the dying of the light”. Wir haben eine große Verantwortung. Aber ich weiß, dass wir dem gewachsen sind. Heute geht es los. Leute, macht was draus!

QITAN

*Diese Rede war meine Abiturrede für den Abiturjahrgang 2018 am Matthias Claudius Gymnasium. Ich habe lange an einem Konzept gebastelt, dass für alle etwas aussagt und niemandem auf die Füße tritt, denn ich glaube, so gehört es sich für eine Rede, bei der man mehr als 200 Schüler vertritt. Überraschenderweise war diese Rede die mit Abstand ernsteste Rede des Abends (wurde dafür aber sehr geschätzt). Das kennt man ja sonst nicht von Schülerreden. Und mir.