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29 | #Fuckzelerationalismus

Der Akzelerationalismus, eigentlich #akzelerationalismus, aber wir folgen auf diesem Blog keinen Trends, ist eine hippe, neue Philosophie, die den ollen Ökolinken aus dem Strickpulli holt auf, dass er sich endlich das neue Iphone kauft und sein Home endlich smart werde. Mit rund 20 Jahren Inkubationszeit aus der Londoner Technokultur der 90er entstanden, sich auf eine Vielzahl an popkulturellen Phänomenen beziehend, 2013 erstmals durch Armen Avanessian mit einem 90-seitigen Manifest ausgestattet ist der Akzelerationalismus eine Philosophie die vorallem an den Kunsthochschulen gut ankommt und die selben aus den Feuilletons der einschlägigen Zeitungen und Magazinen verdrängt. Dort ist die Bereitschaft für Neues, noch nicht ganz Verständliches einfach größer.

Von Johannes Hassenstein

Das Ende denken

Anhand der Erdschichten kann die gesamte Geschichte unserer Erde nachvollzogen werden. Und so in geochronologische Erdzeitalter eingeteilt werden. Ab 1800, mit dem Beginn der Industriellen Revolution hat der Mensch die Erdschichten aktiv verändert. U-Bahn Tunnel, Braunkohleabbau, Endlagerstätte Gorleben und Trumps Endzeit-Bunker. All das würden die Alienarchäologen einige Erdzeitalter später vorfinden. Willkommen im Anthropozän, im Zeitalter des Menschen. Und dieses würde wohl, wie jedes andere Erdzeitalter auch, einmal enden. Spätestens seit dem kalten Krieg brauchen wir nicht mal mehr einen Kometen. Ein dezenter Stupser auf Trumps gewaltigen roten Knopf reicht. Der Mensch hat das Potenzial sich selbst zu vernichten. Anstatt also, wie aktuell, aus der Gegenwart in die Vergangenheit zu schauen, und so schlechte oder ineffiziente, langsame Politik zu rechtfertigen, soll aus der fernen Zukunft auf die Gegenwart geblickt werden. Zukunftsszenarien wie Blade Runner, Die Matrix oder auch modernere Exemplare wie Ex Machina oder Divergent. Nein nicht Divergent, der Film bleibt großer Mist. Aber zumindest alle Anderen werden nicht als Hirngespinst abgetan sondern als mögliches Szenario und Denkmodell aufgefasst. Das Ende des Menschen soll aktiv in das politische und wirtschaftliche Handeln miteinbezogen werden. Das stellt einen Bezug zum Neuen Materialismus her, der mit der klassisch philosophischen These “Das Bewusstsein bestimmt das Sein” bricht sondern stattdessen propagiert, dass “Das Sein bestimmt das Bewusstsein” viel mehr der Realität entsprechen würde. So muss es also einen Weg geben die Welt ohne den Menschen zu verstehen.

“North Korean Leader Kim Jong Un just stated that the “Nuclear Button is on his desk at all times.” Will someone from his depleted and food starved regime please inform him that I too have a Nuclear Button, but it is a much bigger & more powerful one than his, and my Button works!” - Donald Trump

Fraglich bleibt wie eine Politik, eine Wirtschaft, ja sogar eine Gesellschaft, die ihr eigenes Ende in das Handeln miteinbezieht denn aussieht. Etwas wie der Klimawandel bekommt dadurch zum Beispiel einen ganz anderen Rahmen. Anstatt, wie bisher, die Natur zu schützen, damit das kapitalistische System weiter am Leben bleiben kann. Und nebenher mit Solarpanelen, Vegan- und Zero-Waste-Trends jede Menge zu verdienen. Und die eigene Marke durch Recycling Angebote noch atraktiver und “grüner” zu machen (Stichwort Green Washing, Stichname H&M). Stattdessen die Natur schützen weil wir die Existenz der Erde auch gewährleisten wollen, wenn wir längst nicht mehr da sind, wahrscheinlich Benzin im Tank der neuen Herrscher über diese Erde. Rousseau sagt in seinem Buch über den Gesellschaftsvertrag, dass, wenn selbst Rom und Sparta untergingen, keine vom Menschen geschaffene Verfassung, kein Staat hoffen darf auf Dauer zu sein. Man soll also bei der Staatsgründung bereits sein Ende mit einbeziehen. Den selben Ansatz sollte man also auch auf alle anderen politischen und wirtschaftlichen Gedanken beziehen. Nur ist es schon schwer dem Menschen zu sagen er soll seinen Tod ins Leben miteinbeziehen. Noch viel schwerer würde es werden der Menschheit zu sagen sie soll ihren Untergang in ihre Existenz miteinbeziehen.

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Der Matrix entkommen

Aus futuristisch utopischen und dystopischen Visionen soll also gelernt werden. Anstatt sie als Sci-Fi zu verstehen sollen diese Werke als Zukunftsvision, die vermieden werden soll angesehen werden. Betrachtet man als Beispiel Matrix so stellt man fest, dass wir in einer Art Simulation leben. Facebook simuliert echte Freundschaften, automatische Ansagesysteme im Callcenter simulieren echte Gespräche, der Bauernhof auf der Bärchenwurst simuliert einen echten Bauernhof. Algorithmen und Computerprogramme bestimmen unseren Alltag und werden es immer stärker. Stichwörter sollen einmal Smart Home und Das Internet der Dinge sein. Allein das Wort “smart” an sich beschreibt den Sachkomplex treffend. Alles wird smarter, nur wir nicht. Nur wer diese Algorithmen versteht, der kann ihnen entkommen oder zumindest sie durchschauen. Auch in der Matrix ist Neo nur in der Lage die Agenten zu besiegen, weil er die Funktionsweise der Matrix durchschaut hat.

Alles wird smarter, nur wir nicht

Problematisch ist hierbei nur eins. Selbst der Schöpfer des Algorithmus versteht ihn nicht. Denn die Algorithmen, auf denen nahezu alles basiert, egal ob nun die Amazon Kaufempfehlung oder die Versicherungsrate, werden nicht wie ein normales Computerprogramm von einem Programmierer geschrieben. Stattdessen werden eine Menge an Basisversionen von Hand geschrieben, dann in eine Algorithmus Schule geschickt und danach direkt zum nationalen Algorithmus-Test geprügelt. Ab einem bestimmten Fehlerquotienten wird abgedrückt, die Überlebenden werden zufällig weiter mutiert bis schließlich ein ultimativer Algorithmus entstanden ist. Eigentlich sonderbar, dass es noch keine Algorithmus-Schützer gibt. Aber so kommen Algorithmen zustande: Sie funktionieren, aber niemand weiß warum. Und das selbe System wird auch auf das maschinelle Lernen angewandt. Seitdem man festgestellt hat, dass der Homo oeconomicus nicht rational auf dem perfekten Wochenmarkt einkauft sondern nur durch ständige Manipulation, durch Psychospielchen zum Kauf zu bewegen ist. Seitdem sind diese Algorithmen, die uns besser als jeder Mensch belügen können, so wichtig geworden. Wenn wir also nicht jetzt aussteigen dann wird es bald keinen Weg mehr geben aus der Simulation zu entkommen. Denn der einzige Weg ist zu verstehen, und das wird bald keiner mehr können.

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Den Kapitalismus an die Wand fahren

Die moderne Wirtschaft lebt von ständiger Revolution und Innovation. Aber auch von vorgegaukelter Innovation und Revolution, man betrachte die Marke Apple. Damit die Marke ständig wachsen kann, wozu sie genötigt ist, denn wer nicht frisst der wird gefressen, muss sie ständig ein neues Produkt entwickeln. Jedoch ist die Menge an möglicher Innovation begrenzt. Folglich muss Apple nur so tuen als würden sie etwas neues entwickeln. Denn im Endeffekt müssen sie verkaufen, und dazu muss nur der Kunde an die Innovation glauben, nicht der Verkäufer. Betrachtet man das Kaufverhalten so stellt man fest, dass, um eine spontane, emotionale Kaufentscheidung zu treffen (die benötigt wird, da das Grundmodell des Homo Oeconomicus, das auf rein rationalen Kaufverhalten basiert, sich als falsch erwiesen hat) der Mensch stetig höhere Stimulation benötigt. Wie eine Droge bei der andauernd die Dosis erhöht werden muss. Daher haben wir eine ständig steigende Menge an Rabattaktionen und Sonderangeboten. Aus einem Sommerschlußverkauf pro Jahr ist eine ständige Rabattschlacht mir verschiedensten Vorwänden geworden. Das zuerst der Black Friday, dann der Cyber Monday und schließlich die Black Week aus Amerika importiert wurden zeigt, dass ständige Stimulation benötigt wird. Man stellt fest: damit der Kapitalismus funktioniert muss er ständig schneller werden.

Die Linke muss aus jedem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, den die kapitalistische Gesellschaft möglich macht, Nutzen schlagen. So lautet die Devise des linken, akzelerationalistischen Flügels

Die Folge ist laut den Akzelerationalisten (und Marx) ein Verlust an Freiheit für das Proletariat/Uns. Da, laut Dem Kapital der Mensch das einzige Wesen ist das tatsächlich Mehrwert erschaffen kann (angenommen Mehrwert wird definiert über den Preis und der Preis wird letztendlich definiert über die benötigte Menge an Arbeit), führt seine Abhängigkeit, und der Fakt, dass er nicht Mehrwert für sich selbst sondern Mehrwert für jemand anderen, die Kapitalisten, erschafft letztendlich zu seiner Versklavung. Anstatt den Kapitalismus zu bekämpfen (schon Marx und Engels verschrieen im Kommunistischen Manifest jedweden Versuch, den Kapitalismus zu stürzen, auch im Nahmen des Sozialismus, als reaktionär und kleinbürgerlich) soll er immer weiter beschleunigt werden bis er auseinander bricht. Denn Alles was sich gegen den Kapitalismus richtet wird schlußendlich Teil von ihm. Der Song von Frank Sinatra “I did it my way” wurde 1978 von [Sid Vicious]() gecovert, pervertiert und in sein Gegenteil verkehrt. Wurde aber 2014 zum Bewerben eines Autos als “rough” und “punk” verwendet. Die Linke muss aus jedem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, den die kapitalistische Gesellschaft möglich macht, Nutzen schlagen. So lautet die Devise des linken, akzelerationalistischen Flügels. Anstatt ihn zu bekämpfen soll der linke Reaktionist sich den Kapitalismus für seine eigenen Ziele zu nutzen machen. Das (kapitalistisch gedachte) soziale Netzwerk Facebook verwenden um sich mit gleichgesinnten zu vernetzen und gemeinschaftlich zu komplotten.

Aber viele Fragen beiben offen. Zum einen bietet weder der linke noch der rechte Flügel der Akzelerationalisten Antworten auf die Kernfrage, was nachdem der Kapitalismus gecrasht ist kommen soll. Der linke Flügel fühlt sich an als ob er das Psuedo-Links-Sein aus Hippness-Gründen der studierten Mittelschicht bekämpfen will. Und das tut in dem er anstatt das Prinzip von Trends zu bekämpfen einfach nur einen Neuen generiert. Statt Wochenmarkt, Wollpulli und Veganität lieber IPhone X, Smart Home und Vollvernetzung. Genauso wie der Kapitalismus den Ökotrend verschlungen hat wird dieser techaffine Trend den Kapitalismus nur befeuern. Was ja angeblich im Sinne der Akzelerationalisten wäre. Nur weiß keiner wie es dann weiter geht. Der rechte Flügel will stattdessen neomarxistische, zentralverwaltete Stadtstaaten. Hoch technisiert und absolut marxistisch. Aber auch hier werden die grundlegenden Probleme nicht gelöst. Wie wird eine Gesellschaft überzeugt, dass nicht Entschleunigung und bewussterer Konsum sondern Konsumeskapade helfen sollen. Es ist offensichtlich, dass nicht rückwärts gefahren werden kann und daher auch eine Entschleunigung eine positive Geschwindigkeit ist. Aber wie will man den eine Menschheit die aus den Trümmern des, zuletzt eskalierten, Kapitalismuses steigt davon überzeugen, dass der Kapitalismus nicht funktioniert sondern die Philosophie die ihn zerstört hat. Besonders wenn man selber als Ursache des gecrashten Kapitalismus anzusehen ist. Schließlich ist es ja das erklärte Ziel der Akzelerationalisten den Kapitalismus zu beschleunigen. Es bleibt also das Argument “Hättet ihr ihn nicht kaputt gemacht, wär er nicht kaputt gegangen”. Schlußendlich bleibt ein Problem unberührt. Dass der aktuelle Zustand der Welt nicht Schuld des kapitalistischen Systems ist sonder viel mehr ein grundlegendes Problem, basierend auf Macht- und Eigentumsverhältnissen, dass auch der Akzelerationalismus nicht zu lösen vermag. Hierzu auch die Kritik von Raul Zelik.

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#fuckzelerationalismus

Aber ich sehe noch ein zweites Problem. Die Akzelerationalisten gehen davon aus, dass eine extreme Beschleunigung den Kapitalismus schlußendlich zusammenbrechen lässt. Nur kann das keiner wissen. Die Art und Weise wie der Onlinehandel und soziale Netzwerke die Kauf- und Werbelandschaft verändert haben hat niemand vorhergesehen, vorhersehen können. Wenn wir von einer jährlichen Kollektion zu einer vierteljährlichen Kollektion gewandelt sind. Dann hat sich daraus eine Konsum- und Wegwerfgesellschaft gebildet. Aber nichts hindert uns doch daran monatliche, wöchentliche, täglcihe Kollektionen zu entwickeln. Wenn, klassisch marxistisch, der Kapitalismus nur dazu dient, dem Menschen vorzugaukeln er würde etwas wollen, um ihn zu betäuben, auf, dass er nicht aufbegehrt und das System stürzt. Was steht den dem im Wege täglich wechselnde Trends zu haben? Natürlich wäre das irre. Die Mengen an Wegwerfklamotten die produziert werden würden. Aber wenn der Trend sich so oft wechseln kann, dann kann er gezielt gesteuert werden, wie schon jetzt die Modeindustrie. Tatsächlich könnte so eine kapitalistische Planwirtschaft entstehen, in dem Sinne, dass vorhergesagt wird welche Auwirkungen welcher Trend hat. Und so der Trend bewusst verwendet werden kann. Natürlich hat keiner den Fidget-Spinner kommen sehen. Aber wenn Trends schnelllebiger werden dann begrenzt sich auch der Schaden den sie anrichten könnten.

Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler

Somit läuft der Akzelerationalismus Gefahr, sich selber zu parodieren. Mit dem Argument, den Kapitalismus zu beschleunigen lässt sich trotzdem nicht bekämpfen, dass diese Philosophie selber zum Trendprodukt wird. Das vorangestellte Hashtag zeigt das am besten. Mag einer behaupten, dass sei um den Köder schmackhaft zu machen, aber das klingt für mich dann doch zu flach. Desweiteren ist der Akzelerationalismus momentan eine Philosophie, die viele Fragen stellt und viel kaputt macht. Aber wenige Antworten bietet und wenig neue Pläne für das Danach. Und zudem glaube ich nicht, dass die Prämisse des Ganzen, dass der Kapitalismus an der Beschleunigung zerbricht wahr ist. Viel mehr wird er nur noch krasser werden aber niemals scheitern. Und wenn er scheitert bleibt trotzdem das Problem, dass die Akzelerationalisten als Generalschuldige da stehen. Denn schließlich waren sie es, die ihn kaputt gemacht haben.

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Paradigmenwechsel

Anhand dem Phänomen, dass der amerikanische Präsident darstellt, ist zu erkennen wie postfaktisch unsere Welt geworden ist. Postfaktisch in dem Sinne als, dass nun nicht mehr die Fakten die Wahrheit definieren sondern der reine Glaube die Wahrheit definiert. Und damit gibt es weder eine einzelne Wahrheit noch eine, über diese Wahrheiten definierte Realität. Mit dieser offensichtlichen Bereitschaft zum Realitätsverlust geht die Bereitschaft zur Simulation einher. Ja viel mehr noch. George Orwell sah die ständig lauschenden Fernseher vorraus (oder halt Amazon Echo) aber er sah nicht vorraus, dass wir sie uns freiwillig anschaffen würden. Genauso wenig werden wir der Simulation entfliehen, viel eher werden wir uns freiwillig immer tiefer in sie hineinbewegen. Google Streetview, VR-Brillen, Instagram und Snapchat Stories, alles Simulationen die nicht mehr nur simulieren sondern ersetzen. Mit 360 Grad Videos und einer VR-Brille muss ich nicht mehr in den Flieger steigen. Wozu auch, es geht ja nicht darum, dass ich da war sondern, dass alle Anderen wissen, oder in diesem Fall nun glauben, dass ich da war. Sprich, dass ich Fotos meines Aufenthalts in sozialen Medien posten kann. Und dafür reicht in Zeiten von Photoshop auch eine Simulation.

Zieht man diese zwei Prämissen hoch bis zu ihrem Maximum so kann man die Menschheit als eine Menge an Individuen sehen, die jeder ihre völlig eigenen Realität generiert haben. Diese Individuen leben nicht mehr in der Realität sondern in der absoluten SImulation. Sie könnten genauso gut als blosses Gehirn in einer Nährflüssigkeit existieren. Mit dem Realitätsverlust geht einher, dass jedwede Frage nach physischen Grenzen ignoriert werden kann. Wenn nur noch mein Geist existent ist kann ich mir meine eigene, physische Realität im Kopf erschaffen. Vergleichbar mit World of Warcraft und dem vorletzten Abschnitt von Das Parfüm (in dem die Hauptperson sich in eine dunkle Höhle zurück zieht und in seinem Gehirn ein komplettes Königreich entstehen lässt). Zusammen mit dem Verlust des Allgemeinwillen in der Politik und dem Hang zum Einzelinteresse, sichtbar an der Zersplitterung der Parteien, der Polarisierung und Extremisierung der Meinungen und dem zunehmenden Einfluss von Unternehmen und Lobbys auf die Politik. Der geringen Wahlbeteiligung und dem schwindenden Interesse für Politik. Uns ängstigt Armut mehr als Sklaverei und so lassen wir unser Geld die Arbeit verrichten die sonst wir als Bürger in der Verfassung hätten. Man betrachte Rousseaus Werk über den Gesellschaftvertrag.

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homo novus

All diese Prämissen führen zu einer Feststellung: Die Fragen nach dem was ich wissen kann, was ich tuen soll und was ich hoffen darf sind hinfällig. Ich kann alles wissen weil Wissen nicht mehr von Wahrheit abhängt. Ich kann mir frei aussuchen was ich weiß. Was ich tuen soll ist hinfällig, denn jede Aktion, da sie ja nur in meiner eigenen Welt stattfindet, nur mich betrifft folglich keine Fragen der Moral und Ethik betrachtet werden müssen. Selbstmord ist kein Mord, folglich ist jedwede Aktion gegen mich selbt immer moralisch richtig. Was ich hoffen darf ist eine Frage der Religion. Bin ich jedoch Gott in meiner eigenen Welt so darf ich auf alles hoffen, denn weder Moral noch Physis beschränken mich. Wenn die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind so ist auch das hinfällig. Den meine Welt beschränkt sich auf mich selber, so ist nun nur das, was ich zu denken vermag die Grenze meiner Welt. Eine Kommunikation ist nicht notwendig. Hier sei angemerkt, dass weiterhin Kommunikation zwischen den Individuen bestehen wird. Aber wenn man Soziale Medien, die nach und nach unsere zwischenmenschliche Kommunikation ersetzen, betrachtet, so stellt man fest, dass Kommunikation nicht über Sprache erfolgt. Sondern viel mehr über Bilder und Eindrücke. Und Symbole, auf deren Bedeutung sich allgemein geeinigt wurde. Sprich Emojis und Likes.

Ich entwerfe an dieser Stelle eine Vision. Der Motor der Welt war immer das Interesse, das Begehren. Das Werkzeug dazu war Geld. Wenn ich aber nun alles haben kann, ohne dass es wirklich existieren muss, wozu dann noch Geld? Die Bereitschaft des Menschen sich selber Lügen zu erzählen wird ersichtlich wenn man Vereinigung wie die Flat Earthers betrachtet (die tatsächlich glauben die Erde sei eine Scheibe. Und weil sie es glauben wissen sie es auch). Glauben und Wissen sind nun ein und das selbe. Und, dass der Mensch keinen realen Besitz mehr benötigt ist ebenfalls zu sehen. Firmen wie Jochen Schweitzer oder My Days sind möglich, weil der Mensch das Erlebnis, die Erinnerung daran und die Möglichkeit davon zu erzählen (auf Instagram natürlich) mehr schätzt als Besitz. Die Menge an Geld die in Computerspielen für virtuelle Güter ausgegeben wird ist gewaltig. Der Mensch ist also bereit, freiwillig in eine Simulation zu gehen. Total Recall und die Matrix bieten hier, ganz akzelerationilistisch, gute Anhaltspunkte. Wir könnten uns also freiwillig in einen Zustand begeben, in dem nichts mehr real ist, unser Geist die Realität ist. Wir sind bereits auf dem Weg. Mit diesem Schritt wäre dann klar das das post-faktische Zeitalter vollzogen ist. Denn nichts ist mehr real, muss also auch keiner einzigen Wahrheit gehorchen. Mit der Quantentheorie wurde das Prinzip, dass das Universum und die Physik auf reiner Wahrheit basieren aufgebrochen. Und damit kann auch unsere Gesellschaft aufgebrochen werden. Jeder glaubt an seine eigene Wahrheit. Glauben und Wissen werden eins.

QITAN