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Dec

16 | Alice Neel hat keinen Bock

Wir alle haben manchmal einfach keinen Bock. Alice Neel auch. Im Rahmen der Kunstmeilen Aktion vom Hamburger Abendblatt habe ich mich gemeinsam mit Till( Instagram: @lordhimbert) in die Deichtorhallen bequemt um einmal die Ausstellung über Alice Neel - Painter of modern life - zu begutachten. Und wir haben festgestellt: Alice Neel hat manchmal einfach keinen Bock. Aber Alice war so schlau das später zu ihrem Erkennungsmerkmal, einem Stilelement zu kondensieren.

Alice Neel wurde pünktlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Pennsylvenia geboren. Sie gehörte zu den einflussreichsten Portraitistinnen des 20. Jahrhunderts und malte Kunstgrößen, ihre Famile und zufällige Bekanntschaften. Sie war nach ihrer Zeit in Kuba kommunistisch orientiert und wurde für ihre ungeschönten Frauenakte als Vorreiterin der Feministenbewegung gefeiert. Ihr Hauptwerk entstand nach einem Besuch in der Psychatrie in verschiedenen New Yorker Destrikten namentlich zuerst Greenwich Village, Spanish Harlem und schließlich die Upper West Side. Interessant an Alice ist vorallem, dass sie, obwohl sie alle Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts hautnah miterlebte, abstrakten Expressionismus, Pop Art, Land Art, Konzeptkunst und den Minimalismus (meinen Artikel zum Minimalimsus findet du hier), trotzdem sturr ihren eigenen Stil verfolgte. Dieser wurde von Kritikern mehrfach als Rückschritt ins letzte Jahrhundert verunglimpft.

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Ihr Werk besteht vorallem aus Portraits und wenigen Stillleben und Landschaftsmalereien, allesamt Öl auf Leinwand. Sie bezeichnete sich selber als eine Seelensammlerin, Malerin der Wahrheit des Anderen und viel weniger als Portraitmalerin. Hier sei angemerkt, dass man immer die eigene Wahrheit von der Wahrheit des Anderen malen wird insofern ist der Begriff Wahrheit als subjektiv anzusehen. Ihre rohen und emotianalen Portraits zeigen oft Familienmitglieder, ihren Sohn Hartley konnten wir über die gesamte Ausstellung hinweg aufwachsen sehen, oftmals eingebettet in aktuelle politische Ereignisse wie den Vietnam-Krieg. Nur warum Alice das Bild Hartley on the Motorcycle nicht Hartley on a Harley nannte blieb uns schleierhaft. Wir stellten später fest, dass sein Motorrad von Honda ist. Trotzdem. Hartley on a Honda ist auch besser.

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Aber Alice malte auch Künstlerfreunde und Feinde. Komilitonen ihrer Kinder. Schwangere Frauen. Nackte Kuratoren als Bedingung dafür, dass ihre Bilder in einer Ausstellung gezeigt werden dürfen. Nein Kein Witz: als Alice Neel von John Perreault, der gerade eine Ausstellung über männliche Akte kuratierte, gefragt wurde ob einige ihrer Werke gezeigt werden könnten sagte diese ja unter einer Bedingung. Wenn sie ihn nackt malen dürfte und dieses Bild ebenfalls Teil der Ausstellung werden würde. Das Beschreibungschild hatte übrigens eines sehr interessanten Text:

Perreault schaut genauso unbeeindruckt wie sein Geschlechtsteil

Wie wohl ein beeindrucktes Geschlechtsteil gewirkt hätte … Wir stellten auf jeden Fall einen interessanten Trend in Alice Neels Werk fest. Nebst einer späten Faszination für Lackschuhe schien sie manchmal einfach keinen Bock zu haben, besonders nicht auf Schränke. Das ganze fing bei einem Kinderportrait ihres Sohnes Hartley an. Auffällig war nicht nur das tatsächlich interessante an dem Bild, nämlich, dass sie selber im Spiegel zu sehen ist, sondern auch der nicht gerade ordentlich gemalte Schrank im Hintergrund. Das mag jetzt noch nach Peanuts aussehen aber es ist auch erst der Anfang.

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Viel krasser viel das Schrankmanko bei einem viel neueren Bild auf. Hier ist der Schrank nicht viel mehr als ein paar lieblose, faserige Stricje von Braun. Nebst der ordentlich und virtuos gemalten Frau wirkt der Schrank wie aus der Filzstiftzeichnung eines Kindes. Ja wenn man ihn nur in Ausschnitten sehen würde käme man vielleicht auf einen peruanischen Teppich aber nicht auf einen Schrank.

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Das Schrankdebakel findet seinen Höhepunkt in einem Bild aus Neels Spätwerk. Hier ist bereits zu erkennen, dass das unfertige zum Stilelement geworden ist. Man schaue auf die Hand die über dem wundervoll gemalten Gesicht völlig unfertig liegt. Oder auf die Kniescheibe. Es ist wortwörtlich eine Scheibe und erinnert an Die goldene Kniescheibe aus Wenn Elfen helfen. Und eben der Schrank der da halbausgemalt steht. Von diesem Bild an haben wir begonnen die Ausstellung systematisch nach noch mehr Kein-Bock-Einstellung seitens Neel zu durchforsten.

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Und wir würden fündig und das direkt mehrfach. Alice Neel malte 1940 ein Portrait von Audrey McMahon. Diese war Direktorin des New Yorker Kunstprogramms, das während der großen Depression Künstler unterstützen sollte. Alice flog zweimal aus diesem Programm heraus und war auch sonst finanziell komplett abhängig von dieser Frau. Was ihr nicht zu gefallen schien, allgemein soll McMahon auch nicht sonderlich freundlich gewesen sein. Und diesem Ärger machte Alice Luft mit einem sehr unvorteilhaftem Portrait. Inklusive Krähenfuß als Hinweis auf die russische Baba Yaga.

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20 Jahre später wurde Neel von ihrem Psychater vorgeschlagen den einflussreichen Kurator des MOMA (Museum of Modern Art in New York, auch heute eine Institution) Frank O`Hara zu malen um in der Kunstwelt bekannter zu werden. Das funzte leider nicht und so kehrte Neil wütend nach Hause zurück, nur um ihn noch ein weiteres Mal zu malen, diesmal mit

Zähnen wie Grabsteine - Alice Neel über ihr Portrait

Diese Art und Weise mit Ablehung umzugehen wiederhohlte sich noch ein weiteres Mal nur zwei Jahre später als Neel den selben Trick bei Ellie Poindexter versuchte. Sie betrieb eine größere Gallerie in New York interessierte sich aber zu Alice Leidwesen mehr für abstrakte Kunst. Als Neel sie malte hoffte sie, dass Ellie das Portrait kaufen würde. Tat sie aber nicht. Die wütende zweite Variante die als einzige von beiden Versionen in der Ausstellung zu sehen war, war unser persönliches Highlight.

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Was man heute als einen OP-Unfall betrachten würde war für Alice ihre Sicht auf Ellie. Maskuline, vergrämte Gesichtszüge. Unangenehm große Brüste (man betrachte den Schatten oberhalb) und die Pelzschlange. Unsere Führung, zu der wir ab und an hinzustießen, erzählte, dass Neel zu Anfang noch Zitronen, die übrigens ein Symbol für den Tod sein sollen, brauchte um Gelb zu malen brauchte sie später nichts figürliches mehr. Und das sieht man hier. Zitronengelb als Farbe für Tod und allgemein sehr unangenehm fürs Auge. Ein Meisterwerk.

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Diese Unfertigkeit wurde später zu Alice Neels liebsten Stilmittel. Spart auch ordentlich Zeit insofern Win-Win. In ihrem Portrait des Kunst-Superstars Andy Warhole sieht man das besonders schön. Was für ein Sofa. Das Bild entstand nach einem Anschlag auf Warhole, er selber bezeichnete es als:

Das beste Portrait, das je von mir gemalt wurde - Andy Warhol über Alice Neels Portrait

Die Narben, die der Anschlag der radikalen Feministin Valerie Solanas auf ihm hinterlassen hat sind klar zu sehen. Alice schönt nie. Seine Brust hängt schlaf herab, was ihm laut Begleittext ein androgynes Aussehen verleihen soll. Wir hielten das Bild zunächst für noch eine nackte Frau á Alice Neel.

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Auch in diesem Portrait “Family” das Neels Faszination mit Lackschuhen ausgelöst hat ist das unfertige klar zu erkennen. Und zwar auf der Seite wo auch seitens der Portraitierten die meiste Kein-Bock-Einstellung herrscht. Auf der Seite der Tochter.

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Wir stellen fest: auch die größten Künstler haben manchmal keinen Bock. Aber sie sind so geschickt das zum Stilelement zu erklären. Und wenn sie ihren Hass ihn wütende Zweitportraits verpacken ist das immer ganz lustig anzuschauen. So viel also aus den Deichtorhallen. Aber eins will ich dir nicht vorenthalten. Und zwar haben wir gleich zwei Lookalikes für Tillman gefunden. Beide zeigen ihn in 20 Jahren nur welches nun das richtige ist, da waren wir uns nicht sicher.

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