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5 | Grosser, bunter Spielplatz

Inmitten der Industriekulisse der Elbinsel Wilhelmsburg Süd liegt das Gelände des Artville Festivals. Jedes Jahr, bevor in Hamburg mit dem Dockville die internationale Musikszene Einzug hält findet sich vorher die internationale Kunstszene am selben Ort zusammen. In einer offenen Ausschreibung kann jeder Projekte für das Festival einreichen. Und so entstand auch dieses Jahr wieder ein großes, verwunschenes Festivalgelände voller Kunstprojekte in ihrer Entwicklung, letztes Jahr zum Thema Geisterstadt, dieses Jahr zum Thema Oasen.

Von Johannes Hassenstein

Ich war gemeinsam mit meiner Freundin (Instagram: @indiedrugs) und dem werten Kai Lietzke (Instagram: @kai_lietzke) da und habe dir, lieber Leser, fangfrische Kunst direkt vom Hafen mitgebracht.

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Seit 10 Jahren existiert das Artville Gelände nun. Dieses Jahr teilte sich das Festival in ein Richtfest und ein Burgfest als Eröffnungs und Abschlußveranstaltungen sowie zwei Wochenendtermine auf. Diese heißen passenderweise „Kunst gucken I+ II“ . Unter der Woche entstehen auf dem Festivalgelände die verschiedenen Projekte, und die kann man sich dann am Wochenende im Rahmen eines Kunstspaziergangs oder auch auf eigene Faust anschauen. Oftmals sind übrigens die Künstler selber auch vor Ort. Das Thema dieses Jahr war Oasen. Was genau es damit auf sich hat sagen die Leute vom Artville am besten selbst:

“In diesem Jahr ziehen wir uns zurück, besinnen uns auf das Gewesene und entdecken neue Orte in bekannter Umgebung. Eine jede (Kunst-)Stadt lebt nicht durch das offensichtlich Gesehene, sondern vom Nicht-Offensichtlichen: Orte, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind, Plätze, die erst beim Streifzug durch den Raum zufällig entdeckt werden und Inseln im restlichen urbanen Ozean. 2017 gehen wir thematisch neue Wege und machen uns auf die Suche nach den räumlichen und metaphysischen Oasen in der MS ARTVILLE Kunststadt. Gemeinsam mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern, sowie den Besucherinnen und Besuchern wird unter dem diesjährigen Oberthema Oasen ein Blick in die Tiefen und Untiefen des Festivalgeländes des MS ARTVILLE gewagt und das gesellschaftlich-räumliche Spannungsfeld von Orten und Unorten ausgelotet. Oasen als wortwörtlich „bewohnte Orte“ sind umgeben von einem sich deutlich abhebenden Umfeld. Oasen gelten als metaphysischer Quell von Inspiration und Kreativität. Oasen können paradiesischer Rückzugsort und kreativer Gegenentwurf der restlichen, sich selbst umgebenen, Umwelt zugleich sein. In einem interdisziplinären künstlerischen Prozess machen wir uns im Sommer 2017 gemeinsam auf die Suche nach neuen und alten räumlichen und gesellschaftlichen Oasen.“

Und tatsächlich gab es auf dem Gelände die ein oder andere Oase zu entdecken. Umfunktionierte Skateparks, Schwimmbecken in Walbäuchen und Cyberspinnen im Gebüsch sowie eine Orgeldisko. Alles dabei gewesen also. Für Verpflegung sorgten mehrere Foodtrucks sowie 2 Bars. Die weder Bier noch Kaffee hatten. Für Verpflegung musste man also selber sorgen …

Auffällig war auch noch ein zweites Thema, das sich durch fast alle Projekte zog. Nachhaltigkeit. Da die meisten Projekte auf dem MS Artville bildhauerischer Natur waren wurde auch viel Material benötigt. Und ein Großteil der Künstler hat das direkt vom Festivalgelände genommen.

Bordalo-ii - Trash Animals

Direkt am Eingang zum „Nest“ hinter der „Vierzig Fuß Disko“ direkt gegenüber vom besitzbaren Riesenschwan hockt ein riesig großer Otter aus Schrott an der Wand. Bei näherem Betrachten zerlegt sich das riesige Tier in seine Einzelteile. Rohre, Reifen und Autoteile sind scheinbar willkürlich verschweißt worden. Zusammen ergeben sie ein Werk aus der Reihe „Trash Animals“ des portugisischen Künstlers Bordalo-ii. Seine gewaltigen Tiere aus Schrott sollen auf die Verschmutzung und Vermüllung des tierischen Lebensraums durch den Menschen aufmerksam machen. Und der Otter selbst besteht übrigens nur aus Teilen die auf dem Festivalgelände gefunden wurden. Somit also ein gutes Beispiel für die Nachhaltige Nutzung von Müll. Mach Kunst draus! Website des Künstlers: http://www.bordaloii.com/

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Darko Caramello Nikolic - Abweg

Ein Hamburger Künstler mit dem vielleicht schönsten Künstlernamen auf Erden schuf diese Installation. Wie alle seine Werke ist die Installation groß, abstrakt und rein konzeptuell. Abweg ist auf den ersten Blick ein Bild. Ein Farbübergang zur Mitte hin. Es wirkt irgendwie anlockend. Kommt man näher erkennt man den Tunnel. Betritt man ihn hat das Projekt seine Wirkung entfaltet. Der Besucher soll bewusst, durch Neugier getrieben, Umwege gehen und neue Perspektiven entdecken. Insgesamt wohl die plakativste Installation der Ausstellung. Effektvoll aber nicht sonderlich tiefgängig, aber das will die Installation auch gar nicht sein. Website des Künstlers: http://dcnikolic.com/

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Robin Gommel – Projekt Repost

Ein Künstler mit dem man sich tatsächlich auch unterhalten konnte. Nicht weil der Rest nicht anwesend oder unfreundlich gewesen wäre. Nein, er spricht einfach nur deutsch. Robin kommt aus Freiburg und ist Installationskünstler. Auf dem Artville war er mit seiner Installation „Repost“ vertreten. Die Installation bestand aus seinen letzten 750 Instagram Posts, ausgedruckt und an die Wand getackert, ohne Kommentar seinerseits. Und der Betrachter? Der konnte fleißig mit dem Edding kommentieren und mit dem Stanzer liken. Und so entstand plötzlich ein realer Instagram Feed. Zwei interessante Dinge hat mir Robin erzählt. Erstens, von einem Foto von einer Anti Wehrpflicht Kampagne unter die jemand kommentiert hatte „#scheißbundeswehr“ weil er dachte es sei eine Kampagne von der Bundeswehr selbst gewesen. Zweitens, dass Deutschland das einzige Land sei in dem die Leute Penise auf die Bilder malen. Insgesamt ist die Installation tiefschürfender als man zuerst vermutet. Obwohl die Originale auf Instagram auch nur wenig Text haben hilft es, dass die Bilder nun völlig ohne Kontext sind. Ein Bild zeigt zum Beispiel ein Auto voller Mülltüten …

In denen tatsächlich 6 Milliarden Euro sind! Denn Robin druckt nicht nur Instagram Bilder aus er macht auch noch andere Installationen. Mit geschreddertem Geld. Wovon wir übrigens auch etwas mitgenommen haben. Eine Installation, „The grass is always greener on the other site“ besteht aus einer Grenzmauer, gebaut aus 6 Milliarden Euro. Genau so viel wie wir jährlich der Türkei zahlen. Wenn du mal mehr über Robin Gommel und seine Projekte erfahren willst findest du unten einen Link zu seiner website und seinem Instagram. Das „Repost“ Projekt ist sogar soweit interaktiv, dass du die neu verzierten Bilder fotografieren und selber posten kannst. Und Die landen dann wiederum bei Robin im Instagram Feed. Website des Künstlers: https://spaass.wordpress.com/ Instagram Feed von Robin: https://www.instagram.com/robinismus/

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Thomas Dambo – Anna of Grenn

Neben dem doch sehr schrägen Otter wirkt diese Statue vom dänischen Recycling Künstler Thomas Dambo fast alltäglich. Auch sie besteht ebenfalls zu 100% aus Material, das direkt auf dem Festivalgelände oder der näheren Umgebung gefunden wurde. Die Statue soll eine Natürgöttin darstellen deren gesamter Körper unter der Erde ist. Nur ihr Kopf ragt heraus. Ihre Haare sind ein Baum, der bereits vorher dort gestanden hat. Laut Informationsschild will der Künstler uns damit erinnern, dass die Natur in uns allen ist und etwas ist, dass wir beschützen und ehren sollten. Mich erinnert die Frisur aber auch stark an Marge Simpson. Der kleine Button am linken Ohr, der wohl von einem Festivalbesucher nachträglich hinzugefügt wurde ist das wortwörtliche i-Tüpfelchen. Und verdeutlicht meiner Meinung nach auch schön das Konzept. Zusammen entsteht etwas Neues, eine Synergie. Website des Künstlers: http://thomasdambo.com/

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Sabek – Black Eagle

Direkt am Eingang des Geländes begrüßt uns die Statue des spanischen Street Art Künstlers Sabek. Auch sie besteht, Überraschung, aus Material vom Festivalgelände und Umgebung. „Black Eagle“ heißt sie, mich erinnert sie aber mehr an einen Raben. Es ist nicht die erste Tierstatue die Sabek gebaut hat. Sie alle verbindet ein aggressiver und erhabener Charakter. Aufmerksam machen will der Künstler damit auf den Raub des Lebensraum dieser Tiere. Aus dem, was wir aus ihrem Lebensraum gemacht haben entstehen dann diese Mahnmahle in Statuenform. Wie ein Phönix aus der Asche. Portfolio des Künstlers: http://globalstreetart.com/sabek Facebook von Sabek: https://de-de.facebook.com/Sabek.nonsense/

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Labor Fou – La Baleine

Im Zentrum des Geländes befindet sich mein absolutes Lieblingsprojekt. Eine kleine Oase. Ein gestrandeter Wal. Mit einem Swimmingpool im Bauch. Und einem funktionierenden Blasloch. Das per Knopfdruck Wasser spritzt. Wundervoll. Die Instalation heißt „Whale Watching“ und lässt sich von einem Hochstand mit eben dieser Überschrift auf einem Schild beobachten. Und von diesem Hochstand aus können wir eben Wale betrachten. Also uns Menschen wie wir im Swimmingpool herumschwimmen. Ein schöner kleiner Witz. Insgesamt hat die Installation viele Schichten. Sie trifft das Thema des Festivals, sie ist Oase, aus recyceltem Material und behandelt eine aktuelle Kontroverse. Sie ist interessant, interaktiv und mit Augenzwinkern. Und es ist ein Swimmingpool in einem toten Wal. Was will man mehr? Website der Künstler: http://www.labor-fou.com/

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Artur Parutkin – Die Cyberspinnen

Zum Schluß ein Projekt das ich als Das etwas weniger Gute, Das etwas weniger ernst zu nehmende im Bereich der Kunst empfand. Im Gebüsch eines Durchgangs verstecken sich zwei Paar Spinnen aus Holz. Ein Paar Weiß, das andere Schwarz. Der Körper einer jeden Spinne besteht aus einem alten Röhrenfernseher auf dem, mit Code generierte, Muster zucken. Eine hübsch anzuschaunde Installation die erst einmal wenig Tiefgang vermuten lässt. Das Konzept passt zum Festivalthema, das Verborgene, das Mysteriöse, das Unentdeckte. Und dann das ergänzende Holzschild. Ich habe leider kein Bild gemacht. Aber der Text darauf war so dermaßen lächerlich. Hypnotische Spinnen die dich in den Bann ziehen, ihr Netz ist die menschliche Aufmerksamkeit, sie sind die stillen Beobachter und noch mehr Tiefsinniges. Aber am besten liest du einfach selbst:

Die Wesen lauern nichts Ahnenden auf, um sie mittels Hypnose zu verführen. Es ist nur sehr schwer sich ihnen wieder zu entziehen, nachdem sie dich in ihren Bann gezogen haben. Sie kennen deine Interessen. Wissen wie sie dich anlocken können. Die menschliche Neugierde ist ihr Netz. Sie lassen dich im Glauben, dass du ohne sie nicht mehr leben kannst. Den Lebensraum erobern und für sich einnehmen. Getrieben von Effizienz und Optimierung. Sich in andere Systeme einschleichen, sie besetzen. Ressourcen ausbeuten zur eigenen Expansion. Sind sie schon Lebendig? Nur ausgeklügelte Maschinen? Oder ein Anfang der Evolution einer digitalen Spezies? - Quelle: artville Website

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Ob der Künstler, der übrigens an der HAW in Hamburg studiert hat, selber die Gedanken formuliert hat, ob da jemand bei der Festival Orga gepfuscht hat oder ob wir einfach nicht high genug für den “hypnotischen” Effekt waren bleibt fraglich. Insgesamt aber leider eine schöne und interessante Installation die zur Lachnummer wurde. Website des Künstlers: http://www.parutkin.com/

QITAN