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12 | Die hippen Ecken

Letztes Wochenende war in Hamburg das elfte Mal das Hamburger Comicfestival und parallel dazu auch noch zum ersten Mal das Kindercomicfestival in Altona. Und natürlich waren wir neben allen anderen Comicenthusiasten in erster Reihe mit dabei. Comic ist durch das neue Gewand als „Graphic Novel“ Salongfähig geworden. Seine Ursprünge hat er aber tief im Untergrund, im sogenannten Underground-Comic oder einfach nur Comix mit X. Und genauso präsentiert er sich auch dieses Jahr. Zugig, Spendenbasiert und mit abgeblätterter Tapete aber irgendwie etabliert und doch ganz cool. Wie Gänge- und Karoviertel, die auch dieses Jahr wieder Epizentrum waren.

Von Johannes Hassenstein

Am Mittwoch begann der Spaß mit einem Vortrag von den Gründern von „Editions Polystyrene“ einem französischen Verlag für Objektcomic. Donnerstag viel Film, Freitag dann Gallerieeröffnungen quer durch Hamburg und schließlich Samstag ein Workshop mit Robert Deutsch. Sonntag war zwar noch was los aber ich nicht mehr da sondern schon in Neapel. Mit dabei waren übrigens noch meine wundervolle Freundin Kira (Instagram: @indiedrugs ), der werte Kai (Instagram: @kai_lietzke ) und Neuzugang (zumindest hier) Till (Instagram: @lordhimbert ).

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Mittwoch: Spezial Material an der HAW mit Editions Polysterene

Im Hörsaal der HAW an der Finkenau fand als Warm-Up ein Vortrag der Reihe Spezial Material statt. Diese monatlich stattfindende Vortragsreihe von Illustratoren für Alle findet auch außerhalb des Festivals statt. Dieses Mal war eins der Gründungsmitglieder des französischen Verlags Editions Polystyrene da und hat ein wenig über den Verlag, den Job als Verlegers und das Gründen eines eigenen Verlags erzählt. Und das alles in wundervollem französischem Akzent. Polystyrene ist auf Objektbücher spezialisiert. Unter einem Objektbuch kann man sich in etwa ein Buch vorstellen, dass die traditionelle Art des Lesens und damit auch Erzählens aufbricht. Einzige Bedingung für den Verlag ist, dass das Buch narativ ist und sich wie ein Comic lesen lässt, ansonsten ist alles möglich.

Zum Beispiel „Polychromie“. Das Buch besteht aus schwarzer, roter und blauer Lineart. Beigelegt sind zwei Folien, eine rote und eine blaue. Je nach verwendeter Folie sind andere Linien sichtbar oder eben nicht. Dadurch können sich parallele Erzählstränge bilden, mehrere Ereignisse in einem Panel stattfinden und Animationsartige Effekte bilden. Andere Bücher sind interaktive Plotgeneratoren, Brettspielartige Erzählungen oder ein Comic der aus nur einer Seite besteht, die aber erst nach und nach durch mehrere durchstanzte Seiten gelesen wird. Unglaublich interessante Experimente mit dem Medium die du dir einfach mal selber anschauen solltest. Im französischen Institut findet momentan eine Ausstellung statt. Image

Der Verlag wurde übrigens, wie so gut wie alles rund um Comic, in Angouleme gegründet. Laut den Gründern, ist der Vorteil eines so kleinen, langweiligen Ortes, dass man ganz viele interessante Dinge entwickelt, entwickeln muss.

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Freitag: Ausstellungseröffnung von Jillian Tamaki in der Fabrique

Jilian Tamaki, 1980 in Kanada geboren, gehört schon zu den größeren der Szene. Sie gewann zweimal den nach Will Eisner benannten Eisner Award für Comickünstler, veröffentlichte jüngst die Kurzcomicserie „Grenzenlos“ und illustriert unter anderem für die New York Times. In der Fabrique war eine Sammlung ihrer bisherigen Werke zu sehen, inklusvie Lesung und das zum ersten Mal in Deutschland. Tamakis Werk zeichnet vorallem die Vielfalt aus. Von nahezu realistischen Buchcovern, über klassischen Zeitungscomicstrips bishin zu doch stark abstrakten Postern hat sie ein breites Repertoir. Mich persönlich haben vorallem ihre Comics angesprochen. In der Fabrique waren ein Ausschnitt aus Grenzenlos (Thema: Feuchtigkeitscreme), zwei Comics die sie für verschiedene Zeitungen gezeichnet hatte und drei stark hochformatige Kurzcomics zu sehen.

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Interessant ist nicht nur die Diversität in den Stilen sondern auch das Auge für das Kleinere, das immer wieder in den Erzählungen zum Vorschein kommt. Zum Beispiel, dass es eigentlich unglaublich unfair ist, dass Mücken IMMERZU ein Geräusch machen müssen. Sobald sie sich bewegen. Sssssssss. Oder wie gefährlich Spinnweben für Jungvögel sind. Und das die ab und zu sogar zwischen zwei Menschen zu finden sind, wenn die beiden sich nur genug langweilen. Oder die wundervoll deplazierten Bilder aus der Feuchtigkeitscreme Werbung. Also nicht der Werbung sondern dem Ausschnitt aus „Grenzenlos“ in dem es um Feuchtigkeitscreme geht. Oder ein 6 Seitiger visueller Essay über all das Zeug, dass wir so mit uns rumschleppen. Das Kleinere halt, nicht das Größere. Aber doch irgendwie ein wichtiger Teil des großen Ganzen.

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Freitag: Gallerieeröffnung 7/7/8 im Gängeviertel

In der Gallerie Speckstraße stellten in sieben Räumen acht Künstler ihre sieben neuen Publikationen aus (jetzt rate mal woher der Name kommt). Mit Bachwald, Paula Bulling, Kathrin Klingner, Marijpol, Alice Socal, Nacha Vollenweider und Anja Wicki (glaub nicht, dass ich die hier alle verlinke). In klassischer Streunermanier betraten wir um 19.50, 10 Minuten vor Eröffnung das Haus. Uns empfing viel Schwarz viel Weiß und ein großer, gelber Ball von Alice Socal. Interessant an der Ausstellung war vorallem wie die Zeichner, die alle aus dem selben Milieu, dem Hochschulmilieus Hamburgs, stammen den Comic interpretieren. Highlight: in der Ausstellung enthalten war auch ein aktueller Kunstwettbewerb. Wir als Besucher konnten mit einer Stimmkarte entscheiden wer das Thema am besten umgesetzt hat (Zu gewinnen gab es eine Schluckspecht Tasse – frag nicht).

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Freitag: Gallerieeröffnung von Anke Feuchtenberger im Druck Dealer

Anke Feuchtenberger ist ein Name an dem man kaum vorbeikommt wenn es um Comic und Graphic Novel geht. Bekannt ist sie vorallem für die Serie um die „Hure H“. In der illustriert sie mit ihren markanten Kohlezeichnungen die Erzählungen von Katrin de Vries , erschienen sind die Bücher bei Reprodukt. Im Druck Dealer im Karoviertel stell sie zum ersten Mal farbig aus. Die Werke entstanden im Siebdruckverfahren, daher wahrscheinlich auch der Ausstellungsort. Besonders ins Auge gefallen sind die vielen Brüste (das Thema kommt nachher nochmal vor) und das viele Blutrot. Ansonsten ist besonders der wundervolle Snackteller hervorzuheben, der wog das Gedränge dann wieder auf. Anke Feuchtenberger lebt in Hamburg und ist Professorin an der HAW in Hamburg. Image

Immer noch Freitag: Gallerieeröffnung „Stadtspaziergang“ im Karoviertel

Direkt gegenüber stellten Studenten und Studentinnen aus Anke Feuchtenbergers Klasse im Stadtkasten Hinterconti visuelle Essays über Abgas und Hochhäuser vor. Namentlich: Julian Fiebach, Benjamin Gottwald, Vanessa Hartmann, Magdalena Kaszuba, Julia Hoße und Moritz Wienert. Ich war schon einmal im Hinterconti, für die Ausstellung eines Vaters mit seiner Tochter und habe schon da bewundert, wie gut sich die verwinkelte Räume für Ausstellungen eignen. Besonders ins Auge fiel mir Autoland, eine Geschichte über die Industrialisierung. Die Feststellung, dass sich mit der Dampfmaschine auch die Infrastruktur entwickelte und die späteren Stadtansichten Harburgs hatten ihren Charme, gezeichnet wurde Autoland von Julian Fiebach, den findet ihr auf Instagram als @jfie_comix. Den Autoland Comic hab ich leider nicht fotografiert aber den findest du auch bei @jfie84

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Endlich Samstag: „Es wird Feucht“ Workshop mit Robert Deutsch

Robert Deutsch, 1981 geboren und in Halle studiert ist freischaffender Illustrator und Grafiker. Und hat vor kurzem seine erste Graphic Novel „Turing“ beim avant Verlag veröffentlicht. Sie erzählt die Geschichte des homosexuellen Mathematikers Alan Turing, der im zweiten Weltkrieg die Turingmaschine zum Knacken des deutschen Enigmacodes entwickelte. Den Vorläufer des modernen Computers.

Im Rahmen des Comicfestivals leitete Robert einen Workshop in der Fabrique zum Thema „Es wird feucht“ . 1 Bild, 4 Wörter und kanpp 3 Stunden Zeit um einen Comic entstehen zu lassen. Ob der Titel des Workshops auf die schiere Menge an zweideutigen Begriffen anspielt (Lustmolch, Schluckspecht, Drei Brüste …) bleibt fraglich. Wir fingen mit einer kurzen Vorstellungsrunde an. Und: das halbe 2. Semester der HAW war anwesend. Dann Warm-Up mit lustigem Begriffe zeichnen. Zum Beispiel „Mirko kann Alles“ oder „Wo ist das Glück“. Oder mein Favorit „Thorsten“, der Vogel den niemand zwitschern hören wollte (weil er nur Fuck sagt …) Image

Ich hatte ein Bild von Edward Hopper und die Begriffe. Bereit, Einfamilienhaus, Atombombentest und Drei Brüste (ich sagte doch das Thema taucht hier nochmal auf). Und das Ergebnis ist die Geschichte einer wahrlich unerschütterlichen Ehe. Seit Jahren läuft es im Bett nicht mehr. Doch Sie gibt die Hoffnung nicht auf. Der jährliche Atombombentest ist Ihr umklammerter Zweig. Denn er könnte ihr Eheleben um ein gewisses Element erweitern. Diesen Comic hättest du bestimmt gerne gesehen, ne? Tja, Pech gehabt. Der werte Till hat meine USB-Stick korrumpiert und damit auch den Comic. Pech gehabt.

QITAN