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35 | Meine Kinder töten Terminator

Am letzten Samstag, dem hinduistischen “Tag der Stille”, haben die auf Bali das Internet ausgeknipst. Klack. Weg. Die Musik kommt wieder von der Platte, Tinderdates müssen ganz ohne Netflix chillen. Und sich auf dem Wochenmarkt kennenlernen. Den Weg zum nächsten Starbucks musst du dir mit dem Stadtplan suchen. Oder fragen. Ja Fragen, mit anderen Menschen reden! Keine Börsennews am Frühstückstisch (macht das wer ?), für das Wetter aus dem Fenster gucken , keine Whatsapp Gruppenchats; endlich! Die Clash Royal Truhen bleiben heute mal zu.

Von Johannes Hassenstein

Und es geht. Muss ja, gab ja auch schon Menschen vor dem Internet. Und selbst die Touristen mussten damit leben. Traditionell wird auch der Strom abgestellt, kein fließend Wasser verwendet und das Haus nicht verlassen. Eigentlich schön oder? Die Welt in analog, das Fenster, und nicht Windows dient als Blick in die Welt. Und es ist wichtig, dass wir das wissen. Dass das geht. Ohne Internet.

Ich bin verdammt froh, dass ich in der Dritten noch den ganzen Sommer lang gebolzt und nicht gezockt habe. Heute haben ja selbst Grundschüler ein besseres Handy als ich. Meine Kinder werden in einer Welt aufwachsen, in der alles “smart” ist. Ich weiß nicht ob ich das will. Eine amerikanische Firma hat einen Roboter entwickelt. Der nichts kann *. Und sich für mehr als 1000 Dollar wie verrückt verkauft. Der dich nur an die Anwesenheit von Robos in deiner Wohnung gewöhnen soll. Damit die smarte Technologie einen Körper bekommt und dieser den wichtigsten Schritt macht. Den Schritt durch deine Haustür.

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Meine Kinder werden Alexa nach der Uhrzeit fragen *. Und ihr sagen, dass das Licht angeht. Befehlen, wie Götter. Ich weiß nicht was das mit ihnen machen wird. So gewohnt immer das Sagen zu haben. Das wird schwer. Ich war mal in Italien, hab mich mit gebrochener Englisch-Italienisch-Mixtur verständigt. Als wir am letzten Abend einen deutschen Barkeeper hatten habe ich mit ihm geredet als ob mir der Laden gehört. Ich wars als Tourist ja gewohnt. Ich glaub so wird das. Man sagt uns schon jetzt nach, wir seien eine Generation narzistischer Selbstdarsteller geworden, kriegen wir dann Narzikinder?

All die Gemeinheiten der Natur (Regen, Kalt, Eklig, Tiere und so) haben wir besiegt. Wir können jetzt Raketen in die Wolken schießen und es regnen machen. Wir sitzen im Olymp und machen uns die Welt wie sie uns gefällt. Der Mensch steht jedem Tier in allem nach. Er ist langsamer, schwächer, dümmer. Inkompetent. Odo Marquardt hat die Idee der Inkompetenzkompensationskompetenz (heißt wirklich so) entwickelt, nach der der Mensch diesen Rückstand mit Technik kompensiert. Das Wissen über 1 und 0 hat uns den Arsch gerettet. in einer Welt voller Natur. Wir haben die Erde unterjocht. Endlich. Sind wir Herr im eigenen Haus.

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Aber wenn unsere Heimat dann eines Tages von Algorithmen gesteuert, von KI`s versorgt, von Androiden beschützt und von Gen-Gemüse ernährt wird. Wer rettet uns dann den Arsch, wenn alles zusammenkracht? Wenn der Terminator kommt? Die KI wird die 1 und die 0 immer besser, schneller beherrschen als wir. Uns beherrschen. Unsere Kinder sind am Tablet aufgewachsen, leben in Facebook (oder was es dann gibt), kaufen sich virtuelle Klamotten für ihre Second Life Charaktäre. Kochen nach chefkoch.de.

Die werden keine Ahnung haben wie man ein Feuer macht wenn Skynet entscheidet, dass der Strom besser in die Serverfarm geschickt wird. Ja die werden ja nicht mal wissen wie man eine soziale Gruppe ganz ohne Messengerdienste und Snapchat-Fire aufrechterhält. Oder wie man mit einem anderen Menschen redet. Wenn die einzigen Gesprächpartner Echo Dot, Cleverbot und der Haushaltsroboter waren. Fuck.

Ich will nicht, dass meine Kinder in einer smarten Welt leben. Ich will, dass meine Kinder selber smart sind. Aber. Das sieht gerade echt nicht gut aus. Ich hab Angst.

QITAN

**Beide Themen wurden in der Ausgabe der “Welt am Sonntag” vom 11.03.18 unter dem Oberthema “Digitalisierung” mit einem längeren Artikel bedacht, der aber leider nicht online vorliegt. Zum Thema Sprachassistenten und Kinder: “Diktatur der Stimme”, zum Thema Roboter im Haus: “Von der Erfindung eines Freundes”. Lohnt sich aber zu lesen!

**Coverfoto von Kai Lietzke. Instagram: @kai_lietzke, Vimeo: /kailietzke