08
Jun

59 | Das Rolltreppenphänomen

Ich bin seltener geworden. Seitdem die Schule mehr sporadisch ist, bin auch ich so und viel seltener am Wandsbeker Markt. Manchmal noch. Dann riecht es morgens aus dem Le Crobag nach Croissants. Aber ich bin nicht: “Ein Croissant lang in Frankreich”, sowie es der Werbespruch verspricht, sondern noch immer ein Mettbrötchen lang in Deutschland. Es ist nicht der Geruch von Croissants, sondern viel mehr ein Geruch der nach Croissants riecht. Simuliert irgendwie. Am Ausgang befinden sich drei Rolltreppen, zwei nach oben, eine nach unten. Und eben das ist das Problem. Seit der Erkenntnis, dass Strom Geld kostet, müssen die Rolltreppen nicht mehr durchlaufen, sondern setzen sich nur dann in Bewegung, wenn tatsächlich ein Rollwilliger die Lichtschranken betritt. Manchmal ergibt es sich selbst zu den vollsten Zeiten, dass als der letzte Rollyist oben ausgestiegen ist, immer noch kein Trittbrettroller am Anfang der Rolltreppe steht. Dann bleibt sie stehen. Und eben das ist das Problem.

Denn während die zweite Rolltreppe weiterhin gut frequentiert ist, vereinsamt die Erste. Niemand traut sich, sie zu testen, alle vertrauen auf die Anderen, obwohl doch das Pfeilpiktogramm ermutigend-blau leuchtet. Niemand traut sich zu schauen, ob denn die Rolltreppe, die jetzt so friedlich daliegt, auch tatsächlich in Bewegung kommt, wenn man sich ihr nähert. Zu groß wäre die Peinlichkeit, täte sie es doch nicht. Man müsste zu Fuß hoch. Oder noch schlimmer. Seinen Irrtum eingestehen und umkehren.

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Als ich dieses Phänomen das erste Mal beobachtet hatte, hielt ich es für Zufall. Beim zweiten Mal für Ausnahme. Aber beim dritten Mal begann Jemand, sich der Rolltreppe vorsichtig zu nähern, und als diese nicht sofort ansprang, wechselte er verstört die Seite, noch bevor die Lichtschranke seine verängstigte Gestalt erfassen konnte. Inzwischen halte ich es für Schwarm-Dummheit. Es scheint uns unglaubliche Angst zu bereiten, dass uns fremde Menschen sehen könnten, wie wir eine Rolltreppe hinauflaufen. Aber ich kenne auch diese “Hmpf-Rentner” die, wenn die Rolltreppe tatsächlich kaputt ist, klar indiziert durch ein Warnschild oder die Abwesenheit jeglicher Beleuchtung, ein lautes “Hmpf” von sich geben und trotzig die Treppe hinaufstapfen. Solche Leute gewinnen aber auch Weltkriege, das müssen wir ja Gott sei Dank nicht mehr.

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Aber irgendwann gibt es immer einen Helden, der den Teufelskreis durchbricht. Meistens, weil er auf sein Handy stiert und so der Rolltreppentechnologie blind vertraut, dementsprechend die Rolltreppe betritt, ohne sie vorher kritisch, visuell auf Funktionsfähigkeit hin zu überprüfen. Woraufhin sich diese wieder in Bewegung setzt und Alle beruhigt ihren Morgen fortsetzen können. Wenn ich manchmal wieder morgens am Wandsbeker Markt ankomme und dieses Rolltreppenphänomen beobachte, dann sprinte ich. Einmal Held sein. Wenigsten einmal.

QITAN

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