19
May

53 | Der lachsrosa Herr mit der Kaffeetasse

Der Herr, der da meinen Cappucino zubereitet, ich weiß: Er ist der Inhaber. Ich kann nicht sagen, woher ich das weiß, aber ich wusste es sicher. Ich hatte ihn hier zuvor noch nicht gesehen. Er trägt lachsrosa Hemd, blonde Haare nach hinten und hat diese ganz glatte, straffe Haut, die reiche Menschen manchmal einfach haben. Er erinnert mich ein wenig an Hannibal Lecter. Oder an den Vater, von einem Mädchen, das einmal in meiner Klasse war, wobei ich ihren Vater noch nie gesehen hatte, ich hatte nur das Gefühl, dass er so aussehen müsste.

Dort steht eine Apperatur, die mich verwundert. Sie muss, da sie ja nun genau hier, im Cafe, steht, wohl zur Zubereitung von Kaffee dienen, obwohl ich mir genauso gut vorstellen könnte, ein neues Element in ihr zu entdecken. Zwei Glasblasen, miteinander verbunden durch ein Röhrchen, in dem sich ein Draht nach oben windet, die obere Blase unten verschlossen mit einer Art Sieb. Die gesamte Konstruktion gehalten von einer Klammer und platziert über einer seltsamen Glasplatte.

“Das ist ein Syphon” sagt der Mann im lachsfarbenen Hemd, mit den blonden Haaren nach hinten und der seltsam glatten Haut, der mich seltsam stark an Hannibal Lecter erinnert ohne, dass ich ihn gefragt hätte. “Das Wasser wird über der Infrarotlampe erhitzt, es entsteht ein Überdruck. Der treibt das Wasser dann in das obere Gefäß. Da gibst du dann den Kaffee hinzu und rührst um und wartest. Dann, wenn die Infrarotlampe ausgemacht wird, entsteht im unteren Gefäß ein Vakuum, das saugt den Kaffee nach unten und der Strumpf hält den Kaffeesatz auf”. “Futuristisch” sage ich, “Ja, aber die Erfindung kommt aus Frankreich und ist schon über 100 Jahre alt.” “Aber damals ja wohl nicht mit Infrarotlampe”, sage ich, “Nein, das wohl nicht”. Ich glaube, ich habe die Schönheit von Filterkaffee unterschätzt.

rösterei-syphon

“Kennen Sie den Unterschied zwischen Hand Filter und French Press?” “Naja, ich kenn die Dinger schon, ne, dieses, mit dem *Sieb+ das man nach unten drückt und halt dieser Trichter, aber den Unterschied kenne ich jetzt nicht, ne.” “Sehen Sie, wenn Sie den Kaffee mit Papier filtern, dann ist der ganz leicht, fruchtig und lieblich, er wirkt eleganter, fast wie Tee. Wenn Sie den Kaffee aber durch das Sieb filtern, dann bleiben kleine Schwebstoffe, dann wird er schwerer, bauchiger. Und das Syphon bildet genau die Mitte.” “Ich habe die Schönheit von Filterkaffee immer maßlos unterschätzt”, sage ich, “das war für mich immer dieses Bei-Oma-Ding, aus diesen blauen Plastikkannen, immer schon hart verbrannt und 3 Stunden alt”

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“Nein, beim Filterkaffee gibt es viel mehr Variationen als beim Espresso.” “Ja ich trink immer Espresso, aber mehr so um auf dem Weg wach zu werden.” “Also ich habe hier 6 Espressobohnen und über 30 Filterkaffee Bohnen. Schauen Sie, das hier ist einer aus Chile, ganz lieblich und fruchtig.” Er reicht mir eine angewärmte Tasse mit zwei trinktemperierten Schlucken Filterkaffee. “Und dieser ist aus Kuba, schwer, rauchig.” Ich trinke. “Der schmeckt doch wie Zigarre, oder?” fragt er. “Ich habe nur einmal Zigarre geraucht”, sage ich, “bei meinem ersten Ball, da habe ich meiner Freundin und mir so zwei 3€ Zigarren besorgt.” “Die waren nicht wirklich gut, oder?” “Nein”, sage ich, “wir haben gerochen wie alte Männer, aber es war schon schick, so vor dem Atlanktik mit Zigarre.” “Ja das stimmt, ich rauche Zigarre nur an Sylvester und zünde die Raketen damit an.”

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Das hat mein Vater früher auch immer gemacht, Mama fand das glaube ich nicht so toll, aber Papa schon, und darum geht es doch beim Zigarre rauchen. Er reicht mir eine dritte Tasse: “Der ist nun aus Brasilien, intensiv und würzig wie Schokolade”. Ich trinke. Er sagt: “Wissen Sie, Kaffee kann auch etwas ritualhaftes haben, das ist nicht nur To Go.” “Ja, für mich hat Tee so etwas, da zelebrier ich das auch”. Dieses Sie was wir beide teilen, obwohl ich zu jung und unser Gespräch schon zu vetraut ist, ist kein Sie aus Höflichkeit, sondern ein Sie aus Respekt. Mein Respekt vor seinem Wissen und seiner Begeisterung, sein Respekt vor meiner Neugierde und meinem Interesse. Der Mann im lachsrosa Hemd, ist ein Mann, den ich gerne sieze.

Die Rösterei liegt nur 200 Meter entfernt vom Starbucks “Kulturcafe” in der Mönckebergstraße. Der Kaffee ist hier besser und günstiger. Es gibt kein W-Lan. Dafür wird man nicht nach seinem Vornamen gefragt, der dann, weil bevor aus der Bestellung ein Kaffee geworden ist, bereits 3 Personen den Zettel mit dem Namen gelesen haben, völlig pervertiert am Ende wieder ausgerufen wird. Das ist wie Stille-Post, nur teurer. Ich sage immer: “Schreiben sie einfach ein J.” Aber dann ruft da immer irgendjemand: “Jay” durch den Laden und dann ist mein ganzer Versuch, dem ständigen Hipstertum zu entkommen wieder gescheitert, weil nun alle glauben, ich hätte einen voll hippen, da Englischen, Namen, nämlich Jay. Aber vorallem gibt es hier einen Inhaber. Der mir seine Zeit und seine besten Kaffees einschenkt. Nicht damit ich sie kaufe. Ich kann mir ja kaum meine beiden Cappucini am Tag leisten, und das weiß er auch. Nein, einfach weil er gerne von dem erzählt, was er selber so liebt. Inzwischen ist auch mein Capuccino fertig. Hüte sind etwas für Leute, die sich über sonst nichts definieren können. Und Stammgast bist du, wenn du instinkitv weißt, in welche Richtung die Tür aufgeht.

QITAN

*Der Titel dieses Artikels bezieht sich auf: “Die blassen Herren mit den Mokkatassen”, einem Gedichtband von Herta Müller, der überhaupt gar nichts mit Kaffeehäusern oder überhaupt Kaffee zu tuen hat.

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