01
May

46 | Raketenwerfer und Homoerotik

Ab diesem Tag, dem 1. Mai, ein besonderer Tag, nicht nur für mich, auch für das Proletariat sowie freie Radikale. Ab diesem Tag sind es genau 4 Monate, bis am 1. September dann mein FSJ beginnt. Es sind 4 Monate, in denen ich, ich ganz allein, und nicht der Lehr- und Rahmenplan der Deutschen Schulbehörde meinen Lebensinhalt bestimmen werden. Ich will erzählen aus diesen 4 Monaten. Von den vielen Projekten, den Reisen. Und dem Alltäglichen, so wie Heute. Ich bin nun der stolze Besitzer von 22 Handtüchern, Tendenz: steigend.

Und ich liebe das, in der Bahn zu sitzen, 22 Handtücher auf dem Schoß. Tee trinken. Die Leute gucken. Und erfinden Geschichten. Ich weiß das, weil ich das auch immer mache. Und ich liebe das. Dass sich Leute Geschichten über meine Handtücher und mich ausdenken. Vielleicht macht das ihren Feierabend etwas interessanter. Vielleicht resignieren sie über ihren Büroalltag und fragen sich, warum sie nie in der Bahn sitzen, mit 22 Handtüchern (und einfach Tee trinken). Im Folgenden die Bezugsquellen:

  1. Rotes Kreuz Kiloshop - 4 Handtücher á 1€ (wobei eines davon eine Drachen-Babydecke ist)
  2. IKEA - 6 TROKKEN á 1,69€ sowie 2 weitere vom Grabbeltisch
  3. Stilbruch - 10 Handtücher á 1€

Als ich bei IKEA an der Kasse stand, war vieles sonderbarer als sonst. Ich traf ein Paar, dass ich 3 Stunden zuvor bereits im Idee getroffen hatte. Man stelle sich vor. Wir stehen an der selben Kasse, gehen 3 Stunden lang unserer Wege. Und stehen dann wieder an exakt der selben Kasse zur exakt selben Zeit. Und es war nicht etwa die Kasse am Hauptausgang. Nein es war die Kasse im zweiten Stock, die nur die krassen Ikea-Profis benutzen. Oder Leute die noch 6 Tafeln Marabou mitnehmen wollen. Oder irgendetwas kaufen, was nicht gerade eine Topfpflanze (PØTPLÄNT) oder eine Kerze ist (GLØWAKS). Aber es war auf jeden Fall nicht die Hauptkasse, so viel ist sicher. Und irgendwie ist man ja immer genervt an der Kasse. Aber heute war das irgendwie anders. Ich hatte endlos Zeit. So viel Zeit, dass ich einfach an der Kasse stehen konnte. Und es genießen konnte. Das ist Freiheit.

Wofür brauchtst du eigentlich so viele Handtücher, Johannes? Lieb, dass du fragst! In irgendeiner Physikstunde haben Till und ich beschlossen. Wir werden Rapper. Das haben wir beide nämlich noch nicht auf unserer Liste, und spätestens seit der Entwicklung des Cloud-Rap, ist der Einstiegslevel sehr niedrig. Konkret unser Name. T-Dog und Skinny Josef. Ziemlich tight, hö? Aber als professionelle Rapper (und semiprofessionelle Straßengangster) braucht man auch ein Studio. Einen Keller hatte Till schon, nur war die Akustik nicht so ganz unseren sonoren Stimmen würdig. Aber dank Youtube wissen wir jetzt, wie man Akustikpanele baut. Mit Handtüchern. Vielen, vielen Handtüchern.

Unser Ziel: ein Konzert im Hafenklang. Unser erster Albumtitel: “Das Comeback des Jahrzehnts”. Das Album handelt davon, wie lange wir schon im Game sind, wie friggin fly wir sind und was für toys die Konkurenz (hust hust) sind. Ja, dick aufgetragen. Aber seit Dagi Bee und Bibi ist das ja wieder in, dick aufzutragen (Dagi Bee und Bibi`s Beauty Palace sind zwei der bekanntesten, deutschen Make-Up und “Fashion” Youtuber, die diese gesamte Generation Mädchen derbe verkorksen werden, aber egal. So ungefähr wie Bijou Brigitte nur als Mensch) . Und auf dem Album beenden wir auch direkt unsere Karriere, mit Songs wie: “Man sieht sich immer zweimal” oder “Seit 1976/Outro”. Ein One-Auftritt-Wonder. Promo machen wir dann vor Snipes. So richtig dubios: “Naaa, hörst du Hip Hop”. Und auf CD`s versteckten, geheimen Konzertterminen. Für Feature-Anfragen und Vorreservierung bitte mich kontaktieren.

Der Schrank. Ja. Also meine Freundin wollte einen Hängeschrank haben. Da habe ich ihr direkt einen von Stilbruch mitgebracht. Und ich sitze im Bus. Stehen da Mutter, Kind. Also das Kind liegt im Kinderwagen. Aber die Mutter steht. Und sie singt Backe, Backe Kuchen. Immer ein Wort, dann wiederholt Klein-Annegreet. Das klang dann so: “Backe” “Gug” “Backe” “Dada” “Kuuuchen” “Gibbel” “Der” “Da” “Bäcker” “Baba” “Hat” “Jaaa” “Geruuufen” “Gurgudu”. Kein einziges Wort richtig. Das Kind schien noch nicht bereit, für die Freuden der deutschen Volksgesänge. Vielleicht lernt man das ja auf der Waldorfschule nicht. Aber auch die Mutter. Als ich meinen (wie immer zu teuren) Kaffee auf die Hand (To Go sagt der moderne Mann) fertig genossen hatte. Wohin damit? Wohin nur, wohin? Dem Bus waren die Mülleimer abhanden. Ich - ein von Natur aus lösungsorientiert denkender Mensch - klappe die Schranktür, von eben jenem Hängeschrank, auf und stelle meinen leeren Kaffeebecher hinein. Die Mutter: “Ach dazu haben sie den Schrank mit”. Toternst. Kein Lächeln. Kein Grinsen. Kein Zwinkern. Waldorfschule halt.

Im selben Bus ein weiterer der vergoldeten Momente. Der junge Mann neben mir liest. Sein Lesezeichen stammt aus einem Lesezeichenkalender (ja, die gibt es noch, obwohl beides, Lesen und Kalender, inzwischen ja vom selben Objekt erledigt werden). Und es zeigt einen Mann in seinen besten Jahren, eine Körpermitte präsentierend die die neue Add-Wash von Samsung völlig überflüssig macht. Sie nennen es Waschbrettbauch. Wie gesagt, ich bin auch einer, der sich die Leben der Anderen ausmalt. Am liebsten mit Filzer, manchmal aber auch Wachsmaler. Aber die schmieren so.

Aber der eigentlich wundervollste Gegenstand des Tages war ein Abflussreiniger. Nein, nicht diese langweiligen Pömpel. So ein richtiges Biest. Druckluftbetrieben, Betriebsdruck 4 Bar. Daraus bauen wir morgen einen Raketenwerfer. 100 Meter wären schön, hab gestern erstmal eine Grundlektion in Aerodynamik und Raketenstabilität genommen. Ein Buch über “Deutsche Raketen und Lenkwaffen” ausgeliehen und mir Open Rocket runtergeladen (Simulator für Modellraketen). Raketenbauen lernen. Das ist Freiheit.

QITAN

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