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Jun

64 | Geschichten aus Goblinstadt Eins

Auch Goblins lieben Musik. Und das heißt, weil in der Goblinstadt das Geld auf der Straße liegt, die Musiker aus ganz Caderia in die Goblinstadt wandern, um ihr Glück zu versuchen. Doch nur wenigen gelingt der Durchbruch. Wer aber erfolgreich ist, von dem werden auch gerne Plakate aufgehängt. Eine Band ist besonders beliebt so, dass ihre Poster sogar gut sichtbar im Handelsviertel hängen, ohne abgerissen zu werden. Der Fankult um die Hobgoblins erreicht neue Höhen. Die Bartperle, die der Bassist trägt, war lange ausverkauft, da jeder Fan eine zu Hause haben wollte. Jetzt ist sie aber wieder erhältlich. Die Frage ist nur: Wie teuer war die Bartperle des Hobgob Bassisten?

Mit dieser Questkarte beginnt mein Abenteuer in der Goblinstadt (das sich inzwischen im zweiten Artikel fortgesetzt hat). Grunhilde*, die Mutter eines der Stammkinder hier, erzählt mir, dass die Kinder hier wachsen. Wachsen in der Gruppe, wachsen alleine. Man spürt, wie sie mehr und mehr Mut und Rückgrat entwickeln, für sich einstehen und sich gerade machen. Und das alles nur, weil sie des Öfteren mit dem Schaumstoffschwert in der Hand zwischen handbemalten Wänden hin und herrennen und die Bartperle des Bassisten suchen. Wie geht das? Ich bin fasziniert.

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Dem Kindergeburtstag, der heute hier feiert, erklärt Adelhaid* die Regeln: Jeder spielt einen der 4 Charaktere und alle sind gleich wichtig. Der Magier ist der Beschützer des Lichts und kann Feuerbälle werfen. Der Heiler kann seine Freunde verarzten, der Krieger ist mutig und draufgängerisch, das Schlitzohr hinterlistig und kommt überall rein. Die Kinder sind direkt dabei. Und alles Mädchen. Ich bin deswegen überrascht und weiß nicht, ob ich das eigentlich sein darf.

Mechthilt*, die Mutter des Geburtstagskindes, erzählt mir, dass sie sich manchmal wünschen würde, dass ihr Sohn auch hier spielen würde, an Stelle von “Fortnite” an der Playstation. Ob denn Skyrim besser wäre (Anmerkung des Autors: Skyrim ist ein Open-World Fantasy Adventure, Fortnite ein sogenannter Battle Royale Shooter, in dem es darum geht, als letzter zu überleben). Naja. Besser wärs. Kämpfen an sich findet sie nicht schlimm, aber es muss um Gut und Böse gehen, und nicht um töten um zu töten. Sie findet das toll, dass hier die Rollenverhältnisse aufgebrochen werden und jeder sich selbst neu (er)finden kann. Und die beiden Inhaber erzählen das Gleiche. Die ganz Vorlauten trauen sich plötzlich nicht in die Monsterwelt, und die eigentlich Schüchternen gehen plötzlich mit leuchtendem Zauberstab voran. Richtige Heldengeschichten werden hier geschrieben, hab ich das Gefühl. Das Gespräch mit ihr im Podcast

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Fair zu kämpfen lernst du hier als erstes. Bartholomaues*, eins der Stammkinder hier, erzählt stolz von seinem zweiten Schwert, mit dem er jetzt als Berserker zweihändig im Duell kämpfen kann. Der besiegt hier selbst die meisten Erwachsenen, sagt Alex. Seine Mutter meint, dass die Goblinstadt wie sein zweites Wohnzimmer geworden ist. Seine neuen Schwerter hat sie “geerbt” und an ihren Sohn weitergegeben. Wo gibts denn heute noch sowas - Schwerter in Familienbesitz?

Aber gehauen wird nicht. Im Kampf zählt ein Treffer, egal wie stark er war. Und wer zu doll haut, der kriegt auch direkt was zu hören, sagt Sebolt*, der hier seit 3 Wochen sein Praktikum macht. Er hat noch kein einziges Mal erlebt, dass es Ärger wegen den Kämpfen gab. Die Kinder kontrollieren sich gegenseitig und sind bei sowas ehrlich. Geht ja auch um Leben und Tod. Nur erfahrene Spieler können zu Monstern werden. Sebolt* erklärt mir stolz, dass die Monster als Antipartien zu den Spielerklassen gestaltet wurden. Der Dämon spiegelt den Magier, der Ork den Krieger, der Untote den Heiler und der Goblin das Schlitzohr. Aber als Bösewicht musst du hier eines ganz besonders gut können: Lieb sein. Denn am Ende müssen die Guten öfter gewinnen, als die Bösen. Aber das wissen hier natürlich nur die Dämonen und Orks. Verantwortungsvolle Bösewichte also.

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Ob man denn, wenn man Angst hat, einfach Stopp rufen könnte, fragt ein Mädchen auf dem Geburtstag. Ne, sagt Adelhaid*. Ein kurzes Raunen geht durch die Gruppe. Ihr müsst zusammenhalten und ich gegenseitig beschützen. Und geht wirklich erst in die Monsterwelt, wenn ihr euch sicher seid, dass ihr genug Mut habt. Aber darf man denn Angst haben? Ja, Angst schon, aber sich fürchten ist was für Hasenfüße. Als ich später selber in der Goblinstadt bin, rast eine Gruppe Mädchen kreischend an mir vorbei. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob sie wirklich Angst haben oder nur so tun. Vielleicht was dazwischen. ich glaube, das ist der Kern von LARP: Das gesunde Dazwischen. Und ich bewundere das, wenn Erwachsene das können. Adelhaid* auch. Ihr Stiefvater Alex ist regelmäßig auf “richtigen” LARPs. Ob sie auch mal mit war, will ich wissen. Ne, ich kann das nicht, mich da so schnell reinfinden. Die Kinder schaffen das, einfach so. Ob sie das bewundert. Ja. Schon zwei.

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Das Hobby des LARP, also Live Action Roleplay, hat von den Herr der Ringe Filmen nochmal einen richtigen Schub bekommen, sagt Alex. Er selber macht das schon ewig. Was macht man eigentlich beim LARPen? An sich in Fantasiewelten rumrennen. Dinge sehen, die es nicht gibt. Aber wenn alle mitmachen und jeder sich an den Dresscode hält, dann geschieht etwas fantastisches: Immersion. Man versinkt in der Erfahrung, obwohl man um die unechte Natur weiß. Die Kinder brauchen hier nur ein Schaumstoffschwert und 2 Minuten, dann sind sie in der Goblinstadt, sagt Otilia*. Sie ist über eine Freundin an der Uni an den Job gekommen. Die sah irgendwie einfach so aus, als ob die sowas machen würde, sagt sie, und die hat mich dann mit hierhin genommen und seitdem arbeite ich irgendwie hier. Ob das für sie nur ein Job ist? Ne längst nicht mehr. Das hier ist Familie. Ihr Arbeitsbereich umfasst Schwertverleih, Rohstoffsortierung und Questvergabe*. Klingt schon gut. Nimmt sie für sich was mit? Ja, die euphorischen Kinder. Und, dass man sich auf Neues und Fremdes einlassen muss. Und das können die Kinder irgendwie am besten.

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Mit Schaumstoffschwertern ging es auch bei Arne los. Am Anfang war ein Kindergeburtstag und ein paar halbierte Isolationsröhren für die Heizung. Aber die Kinder hatten Spaß. Zuerst haben wir nur Kindergeburtstage veranstaltet, erzählt er, später dann wurden wir so groß, dass wir den Verein gegründet haben und jetzt veranstalten wir eigentlich nur noch Events. Wir haben nie Werbung gemacht und sind irgendwie trotzdem immer voll. Ich glaube, je virtueller unsere Welt ist, desto hungriger wird man auf was Echtes, sage ich. Ob er das hauptberuflich macht? Ne, alles ehrenamtlich. Aber das wird halt erst gut, wenn die Organisatoren genau so viel Spaß haben wie die Spieler. Was er mitnimmt? Dass das jung hält, das Organisieren für Kinder. Das Interview mit Arne auf dem Podcast.

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Als die Geburtstagsgruppe wieder aus den Stadttoren von Goblinstadt kommt, ist auch Wernhart* mit dabei. Eigentlich ist er hier der Baumeister. Denn die gesamte Goblinstadt ist handgefertigt. Aber manchmal ist er auch ganz gerne Zwerg. Und wenn man ihn so sieht, ist man sich wirklich unsicher, wie viel Bart noch er, und wie viel Bart schon seine Rolle ist. Aber vielleicht geht es ja genau darum: Das gesunde Dazwischen. Als er seine verdiente Box Chinanudeln aufmacht, sagt der Geburtstag im Chor: “Guten Appetit, Herr Zwerg”

QITAN

*Namen redaktionell geändert

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