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13 | Warum der Mensch nicht gerne nackt ist

Wir, das sind Wir, Du und Ich als Suchende. In Zwiespalt und daher in Dialog mit uns selbst. Ich und du als Suchende. Suchende auf der Suche nach dem was sie sein wollen. Wer. Wann. Nein, zuerst nicht was sie sind, sondern was sie sein wollen. Denn was wir sein wollen meinen wir genau zu wissen oder zumindest wollen wir das. Ja unser Leben trichtert spitz zu in Richtung dieser Antwort. Wer wir sein wollen. Diese Frage ist leichter zu stellen und zu beantworten als wer wir sind. Denn für diese Antwort müssten wir Suchende sein die finden. Die den Prozess des Suchens nicht als Leben bezeichnen sondern erst zu leben anfangen wenn sie fanden.

“Wir dürfen unser/ Leben/ nicht beschreiben, wie wir es/ gelebt haben/ sondern müssen es/ so leben/ wie wir es erzählen werden:/ Mitleid/ Trauer und Empörung/ - Guntram Vesper: Inseln im Landmeer”

Und so leben wir als ewig Suchende. Und sollten wir Fündige werden so sagen wir uns “Nein, das ist es doch nicht.” Denn wir Menschen sind zu klein um mit finalen Antworten umzugehen. Wer wir sein wollen können wir jederzeit ändern aber was wir sind ist kategorisch, unumstößlich, final. Unflexibel. Sollte es nicht gefallen ist es trotzdem nicht änderbarer Fakt und kann nur ignoriert, niemals aber vergessen, verdrängt, ungewusst gemacht oder sogar in seiner Bedeutung verändert werden. Wir können nicht rasten, wir können nicht ankommen. Wir müssen Suchende bleiben, denn das ist was wir sind. Seemänner. Im Landmeer.

Das melancholische Landei

Guntram Vesper kam mit 16 in die Bundesrepublik auf ein Internat voller DDR Flüchtlinge. Damals brachten sich zwei Schüler um und Vesper begann zu schreiben. Er gehört heute zu den weniger gelesenen, literarischen Größen. Geschätzt wird er für seinen nüchternen Stil, seine Verkünstelung, die Verflechtung von Wahrheit und Phantasie und die Wahrhaftigkeit seiner Texte. Die Frage, wer er ist war sein Schreibimpuls.

Die Bauern haben sich / aus der endgültig erschöpften Ebene / zurückgezogen, als wäre es / für immer - Guntram Vesper: Dorfdeutschland

Vespers Texten haftet nichts Wichtigtuerisches an. Frei von sprunghaften oder plötzlichen Tendenzen, stellen sie sich völlig hinter das Gesagte. So erreichen sie einen hohen Grad von Wahrheit. Ein Solcher, der guter Lyrik anhaften soll .

Ich habe meine Gedichte zwanzigmal und öfter geschrieben und verändert, bis das Gesagte meinem inneren Sprechen immer näher kam. Ich verstehe meine Texte nicht als Widerspiegelung von Erlebnissen, sondern von Empfindungen. Von Mitleid, Trauer und Empörung - frei nach Guntram Vesper

Die Inseln im Landmeer sind die Orte in denen Vesper gelebt hat. Göttingen, Frohburg, Kleinstadt, Steinheim. Vespers Texte sind Berichte von diesen Erinnerungen aus der Landromantik, völlig ohne den verklärten Anteil. Sie sollen dazu ermutigen, dem Selbstbetrug mit dem Glück zu entsagen. Nicht zu versuchen jemand zu sein sondern zu finden wer man ist und das, schlußendlich, zu akzeptieren. Das Leben nicht zu beschreiben wie man es gelebt hat sondern zu leben wie man es erzählen wird. Nur so könnte Einer, der nicht erinnert, fähig sein zu leben.

Was/ wird aus einem Land, wenn/ sein Gedächtnis krank ist/ und was bedeutet ein Mensch, der/ keine/ Erinnerung hat?/ - Guntram Vesper: Landeinwärts

Das evasive Naturel

Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage nach dem Sinn passieren wir zunächst die Antwort auf die Frage nach dem Wie. Wie leben. Vesper gibt Antwort. Leben.

Leben heißt mit irgendeinem Grade von Bewusstsein, psychischer Aktivität, Innerlichkeit, Erregbarkeit, triebhafter Reaktionfähigkeit sich in seinem Dasein einheitlich-dynamisch und teleologisch erhalten, aneignende Funktionen ausüben, Fremdes dem eigenen Verbande einverleiben, sich selbst individuell und generell vermehren, sich differenzieren und wieder integrieren, sich von Innen aus zielstrebig entwickeln - Rudolf Eisler (gekürzt)

Leben scheint eine komplizierte Menge an Aktionen zu sein. Ein Vielzahl von Bedingungen muss erfüllt sein um nach Eisler leben zu dürfen. Bewusstsein ist Vorraussetzung. Alles andere folgt.

Cogito ergo sum - Rene Descartes

Wenn Eisler auf das Bewusstsein noch Emotion, Trieb, Erhaltungswille, Besitzwille, Fortpflanzung, Individualität und Weiterentwicklung folgen lässt, dann lässt Descartes das Bewusstsein bereits als einzigen Gegenstand des Lebens stehen. In dem Moment in dem ich mich fragen kann ob ich denn lebe weiß ich, dass ich es tue. Täte ich es nicht könnte ich nicht fragen.

Das zersplitterte Theorem

Immanuel, der große Aufklärer, stellte Fragen. Vier an der Zahl. Die vierte: Was ist der Mensch? Es ist die finale Frage, für deren Beantwortung zuerst die drei Fragen der Erkenntnistheorie, Ethik und Religionsphilophie beantwortet werden müssen. Wenn Vesper sagt, er will wissen wer er ist, dann muss er zuerst beantworten ob er das überhaupt wissen kann. Und Vesper sagt ja, er kann das wissen, wäre er nicht davon überzeugt, warum sollte er dann suchen? Warum sollte jemand sein Lebenswerk auf diese Frage richten wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass man sie auch beantworten kann.

Wir dürfen

Vesper beginnt mit einer religionsphilosophischen Frage. Was darf ich hoffen. Diese Frage impliziert bereits, dass es jemanden gibt der mir eben dies vorschreibt, eine höhere Instanz. Ganz allgemein kann man diese Instanz wohl nicht als Gottheit oder Schöpfer sondern viel mehr als durch uns erkannten Sinn ansehen. Als Aufruf, das uns von Unbekannt geschenkte Gut nicht zu verschütten. Wir dürfen Nicht.

Unser Leben

Und es ist klar, dass es eben unser Gut ist. Wir alleine sind dafür verantwortlich, niemand Anders kann und sollte. Wir müssen aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit ausgehen.

Nicht beschreiben wie wir es gelebt haben

Das Ursache-Wirkungs Prinzip besagt, dass keine Wirkung jemals vor ihrer Ursache auftreten kann und so kann auch erst erzählt werden von Etwas das geschehen ist. Interessant ist hier die Wortwahl der Beschreibung, denn diese ist nicht etwa wie eine Erzählung frei zu ergänzen und auszuschmücken, nein sie gibt klinisch wieder, in unangenehmer Detailschärfe und Länge.

Sondern müssen

Hier sagt uns Vesper was wir tuen sollen. Ethik. Nicht nur was wir sollen sondern, im aufrufenden, jeden verpflichtenden Imperativ, was wir müssen. Verpflichtet durch den, in “Wir dürfen” bereit erwähnten Sinn.

Es so leben wie wir es erzählen werden:

Diese Konstellation impliziert, dass uns bereits die Wirkung bewusst ist, wir nur die richtigen Ursachen erzeugen wollen. Das Erzählte ist bereits klar, lediglich das Gelebte muss nun folgen. Werden. Nicht wollen. Der Fakt das wir es erzählen werden ist genauso unumstößlich und unweigerlich wie der Fakt, dass wir leben. Denn wir denken und können dieses nicht verneinen.

Mitleid Trauer und Empörung

Der Leitsatz. Der Imperativ. Vesper verlangt von uns, unser Leben an den Affekten, die wir auf negative, menschliche Eindrücke zeigen zu messen. Trauerfähig, Mitleid zeigend und zur Empörung bereit. Ein kategorischer Imperativ dem schwer zu gehorchen ist, der uns aber sagt was wir tuen sollen. Miteinander leben, Füreinander leben. So, dass wir davon einander erzählen wollen. Ethik. Somit ist Vesper bereit die vierte Frage zu beantworten. Was ist der Mensch? Was bin ich? Es ist aber weder Vespers Aufgabe noch seine Intention die Antwort zu liefern. Viel eher, dass wir uns auf die Suche nach der Antwort begeben. Bestens vorbereitet auf Den Inseln im Landmeer.

Das hohle Selbst

Unser Leben richtet sich danach zu antworten, wer wir sein wollen. Alles Gegenständliche dieser Welt soll uns dabei unterstützen. Unsere Idole sind die, die wir sein wollen. Nur darum sind sie Idole. Und es hat etwas warmes an sich. Denn wer ich sein will kann ich immer wieder neu entscheiden. Sollte ich tatsächlich einmal der geworden sein, der ich sein wollte, so kann ich einfach wieder jemand anders sein wollen. Und dadurch mein Leben lang mir selber hinterher rennen. Ja es scheint uns eine treibende Kraft, ein Motor des Lebens zu sein jemand sein zu wollen. Wir leben wenn wir werden. Was aber, wenn wir nicht nach dem suchen würden was wir sein wollen sonder was wir sind. Wir würden eines Tages ankommen, finden. Davon ist Vesper überzeugt. Aber wie lebt einer der weiß, wer er ist. Er kann nicht mehr sich selber hinterher rennen. Also bleibt er stehen. Er lebt wenn er ist.

Diesen Zustand zu erreichen scheint für uns grausam. Vollkommenes Wissen heißt, dass wir alles auch akzeptieren müssen, denn zu ändern ist es nicht. Sich selbst belügen, das Glück betrügen. Alles nicht mehr möglich. Und wir scheinen nicht in der Lage zu sein so zu leben. Wissend. Es wäre so final und das darf nichts sein, wir können keine Finalität ertragen. Das etwas ist und immer so sein wird passt nicht in den Kopf der Menschheit, die glaubt die Welt zu beherrschen. Und dabei sorgen die aktuellen, technischen Entwicklungen dafür, dass bald immerwährende, strahlende Helligkeit herrscht. Einer brutalen Neonröhre als Sonne gleich.Alles wird aufgedeckt werden, nichts bleibt in den Schatten verborgen. Aber dazu ist der Mensch nicht bereit. Ganz bewusst die Wahl: nicht noch nicht bereit. Nein: nicht. Und er wird es niemals sein. Unser Denken basiert darauf nicht alles zu wissen. Wir sind darauf angewiesen. Wir wären nicht fähig all dieses Wissen, all diese Information zu verarbeiten. Unser Geist schützt sich so selber. Du weißt nicht wie ein Fahrrad aussieht, nur dein Geist überzeugt dich davon. Denn du brauchst es nicht wissen, es reicht wenn du daran glaubst. Zeichne doch ein Fahrrad um auch deine Skepsis zu überzeugen.

Als der Horizont im Zwielicht verschwamm/kam ich zur Ruhe/und dann sagte ich mir:/ich habe einen falschen/Lebensweg eingeschlagen, jawohl/bald wird es aus sein/noch acht oder zehn Jahre/und das abgewetzte Glück/dem ich leider nicht nachgegangen bin/ist unerreichbar geworden. - Guntram Vesper

Zweierlei ist im Leben ist gewiss. Das wir alle nicht ewig sind, bald sterben werden. Und das wir nur das eine Leben haben. Vor diesen Gewissheiten kann man sich nicht verschränken und doch werden sie vielmals ignoriert. Darum sollten wir suchen wer wir sind um nicht zu enden ohne je wirklich gewesen zu sein.

Der nackte Mann

Nichts ist uns unangenehmer als Nacktheit. Im Urzustand waren wir alle nackt, alle gleich nackt. Und dann bissen wir in den Apfel der, nein nicht der Erkenntnis, sondern in den Apfel des Glaubens. Wir glaubten uns selber erkannt zu haben. Glaubten uns bedecken zu müssen. Und so bedeckte jeder von uns das, was er ist, mit dem was er sein wollte. Und eine Gesellschaft entwickelte sich, die alles daran setzte sich zu bedecken. Und deshalb sind wir nicht gerne nackt. Es ist der uns völlig unnatürlich erscheinende Naturzustand. Zu sein wer man ist, nicht zu sein, wer man sein will.

Im Beisein anderer, gleichsam entkleideter, singt die Hemmung jedoch enorm. Wenn wir sehen, dass jeder von uns nackt ist unter seiner Bedeckung. Oh ja, wir duschen alle nackt. Wenn wir sehen, dass niemand perfekt ist, jeder seine Makel hat, dann fällt es uns plötzlich selber nicht mehr schwer unsere eigenen Macken zu zeigen, ja sie sogar mit Stolz zu tragen. Denn sie machen uns erst aus. Ein Perfekter ist ein Niemand. Darum ist der Mensch nicht gerne nackt und wenn, dann nur in Begleitung.

“Was bedeutet dagegen die endlose Kette meiner tagtäglichen kleinen Luft- und Bodenkämpfe, nichts anderes, als daß sie mich müde macht, daß sie mich erschöpft, zermürbt, abnutzt, verkleinert und daß ich zerschlagen aus meinen Träumen erwache, irgendwo, nördlich der Liebe und südlich des Hasses. - Guntram Vesper: Nördlich der Liebe und südlich des Hasses”

Der Podcast zu diesem Artikel


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Und darum sollten wir suchen wer wir sind und nicht wer wir sein wollen. Denn am Ende wachen wir auf. Und sind dann doch wer wir sind. Es ist so und wird sich nicht ändern. Und wir leben erst wenn wir sind wer wir sind. Dann erst bin ich. “Sum”. Wenn ich denke und nicht der der ich sein will denkt. “Cogito”.

Drehen wir das Kausalitätsgefüge um, leben nicht erst und beschreiben dann sondern erzählen und leben danach. Dann können wir auch ohne irgendeine Erinnerung gelebt haben. Denn unser Leben ist dann nicht mehr das Vergangene sondern das Kommende, das ist dann unser Leben. Und wir prädestinieren es mit unserer Erzählung. Und so lebt dann nur der, der sucht was er ist und nicht was er sein will. Denn der, der sucht was er sein will sieht sein aktuelles Leben nicht als sein Leben sondern nur als seinen Weg zum wahren Leben. Und sollte er einmal angekommen sein, will er wieder jemand anders sein. Aber für den, der sucht wer er ist ist das aktuelle Leben bereits das wahre Leben. Denn für ihn ist der Weg und das Wahre Ein und das Selbe. Er ist indem Moment angekommen, indem er angefangen hat sich selbst zu suchen. In dem Moment in dem er den Weg als Ziel definiert hat. Wir leben wenn wir sind. Und wir sind nackte Männer.

QITAN

*Dieser Essay entstand im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs für philosophische Essays. Mein Thema habe ich aus 4 vorgegebenen ausgewähltt und mich bewusst für das Thema entschieden, mit dem ich am wenigsten anfangen konnte. Dieser Essay hat den 3. Platz gewonnen und ist (noch) als Podcast verfügbar.

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