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2 | Über Sex, Wunst und Pop Art

Kunst. Kunst ist überall. Kunst macht gefühlt Jeder. Kunst ist gefühlt fast Alles. Aber wofür? Warum ? Welchen Zweck hat Kunst? Bis 1860 die Kamera erfunden wurde, war der Zweck der Kunst klar und eindeutig. Sie war die einzige Möglichkeit einen Moment, einen Eindruck auch außerhalb der Erinnerung festzuhalten, zu konservieren. Der Künstler war Handwerker. Mit der Erfindung und Popularisierung der Kamera übernahm Kunst lange Zeit die Rolle der Ergänzung. Was die Kamera nicht konnte lieferte die Kunst. Diese Rolle hat sie rein technisch bis Heute behalten. Früher waren Kameras nicht in der Lage Farbe abzubilden und die Belichtungszeiten waren sehr hoch. Der Impressionismus übernahm diese Aufgabe. Die Kameras wurden besser bis sie heute für jedermann zugänglich immer Alles hochaufgelöst festhalten können, tausendfach. Und die Kunst? Sie tut das, was die Kamera nicht kann.

Von Johannes Hassenstein

Die Realität abbilden. Die Kamera zeigt die Gegenstände wie sie erscheinen, die Kunst aber, sie zeigt die wahre Natur der Welt. Kubismus, Expressionismus, Surrealismus. Alles Versuche hinter die Welt zu blicken. Im Höhlengleichnis nicht die Schatten sondern das Feuer zu betrachten. Eine philosophische Sicht wäre, dass die Realität nur im Kopf existiert, dass ich der Welt ihre Gesetze vorschreibe. Nicht ohne Zufall entstand zur selben Zeit die Relativitätstheorie und die Psychologie. Aber Heute. Heute kann Kunst alles sein. Es begann mit einer Suppe. Die Pop Art. Populäre Kunst. Andy Warhole kreiert nicht mehr selber, er liefert nur noch Ideen, das Handwerk haben die Jungs aus der „Factory“ . Der Künstler ist plötzlich nur mehr der Ideengeber. Und auch Kunst ist nicht mehr selber Kunst. Das was Sie zu verursachen mag, ihr Effekt, das ist nun die Kunst. Heutzutage hat Kunst all ihre Zwecke verloren. Natürlich kann sie zum Geldwaschen verwendet werden. Oder als Sammelkartenersatz für reiche Erben. Oder als Tagebuch des leidgeprägten Unistudenten aus Pöseldorf. Promis, die ihren Trennungsschmerz in „Kunst“ verarbeiten überlaufen seriöse Gallerien. Brad Pitt. Der Trend, das Stars zuerst Schauspieler, dann Musiker, dann Model werden setzt sich nun in der Kunstwelt fort. Aber Talent haben die meisten dieser Wanderhuren nur für eine einzige dieser Tätigkeiten, wenn überhaupt. Universalgenies gibt es keine mehr. Kunst ist wie alles auf dem freien Markt erst schlechter und dann teurer geworden. Und kaum einer kann sich mit diesem, heutigen Kunstmarkt überhaupt noch identifizieren. Wir befinden uns im Jahre 2017. Jedermann sieht Kunst als etwas absurdes, dass sich selbst nicht mehr versteht, zwecklos … Jedermann? Nein! Ein kleiner Schlag Mensch glaubt daran, dass Kunst etwas ganz großes ist, dass sie einen Zweck hat. Und ich will zeigen welchen.

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Am Anfang war der Sex. Und das Essen. Ganz zu Anfang unserer glorreichen Existenz auf diesem Planeten ging es um nichts anderes. Das Leben bestand aus Überleben und Fortpflanzen. Sex und Essen. Wir merken, die Wiege der Menschheit liegt in Frankreich. Aber selbst der versierteste Home Erectus konnte nicht den ganzen Tag Erectus bleiben und schlemmen. Und so war da Kunst. Höhlenmalerei, Steingetrommel, Sandfiguren, ums Feuer tanzen, alles völlig zwecklos, zumindest für das Überleben und Fortpflanzen. All das war Kunst. Ist nun also alles Zweckbefreite, das weder dem Überlebenstrieb noch dem Fortpflanzungstrieb dient Kunst. Oder viel besser: ist Kunst immer zweckbefreit und dient nie dem Fortpflanzungs und Überlebenstrieb? Ein Fotograf in den Mitt-50ern, der seinen Lebensunterhalt mit dem fotografieren leicht bis nicht bekleideter Madmoiselles verdient wird damit bestimmt auch seinen Fortpflanzungstrieb unterstützen. Ein junger Berliner Student der sein Talent für Gruppenyogaflyer verschwendet tut das garatiert um seine überteuerte Altbauwohnung zu bezahlen, sowie die 2,5 Liter Weißwein „die ein Künstler ja braucht“. Er kunstet um zu Überleben. Die wahre Kunst ist also die Kunst die völlig vom Überlebens- und Fortpflanzungstrieb befreit ist. Ihr einziger Zweck ist es keinem Zweck zu dienen, oder?

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Kunst kommt von „können“, würde es von „wollen“ kommen hieße es Wunst. Aus diesem 2. Stock im grummeligen Altbau betrachtet ist ein Künstler der nichts kann auch kein Künstler. Und ist dann jeder, der was kann automatisch Künstler? Schaut man sich an wie Joey`s Pizza Lieferanten das verpacken einer Mediumpizza absolut perfektioniert haben denkt man zuerst an Effizienz. Bei Lohn pro verpackter Pizza macht es nur Sinn möglichst schnell zu werden, mehr Geld, mehr Überleben, wir kennen das Prinzip. Aber was wenn sich der Lieferant schlicht und einfach vorgenommen hat in dem, was er tut der Beste, der Virtuoseste zu werden. Ganz im Spirit von Pokemon. Was wenn er das Verpacken von Pizza zur Kunstform erklärt hat? Wenn Kunst vom Können kommt sind wir alle Künstler. Denn es gibt mehr Einzeltätigkeiten als Menschen auf Erden. Jeder von uns ist in Irgendwas der Allerbeste ohne es zu wissen. Und sei es im Präzisionspopeln. Kunst ist also die Perfektionierung einer Aktion. Die Perfektionierung einer Aktion, die auch ohne den Perfektionsanspruch ausgeführt werden könnte ohne an Wirkung zu verlieren. Das Einzige was der Aktion hinzugefügt wurde ist die Virtuosität in der Ausführung. Die Perfektionierung die keinen anderen Nutzen mehr hat als die Aktion zu verschönern. Ein Zugewinn an Effizienz oder Wirkung wird nicht erzeugt. Das ist Kunst.

Wenn Kunst keinem Zweck dient warum gibt es dann den Künstler. Es gibt Designer als Dienstleister, Aktionskünstler als politische Opposition, Sprayer als Dicke-Eier-Haber, reiche Erben als Zeittotmaler, Stargalleristien als Geldwaschgehilfen aber es gibt eben auch den Künstler der all das nicht will, der Kunst der Kunst wegen tut. Ich gehöre selber dazu. Aber warum machen wir denn Kunst? Um verbissen zu behaupten wir könnten es besser hätten wir das Geld, den Bekanntheitsgrad und die Mittel? Nein wir sind Multiplikatoren. Wir wollen uns vermehren oder zumindest unser Selbstverständnis. Wir haben etwas, dass wir der Welt mitteilen wollen, dass wir ihr als unser Erbe hinterlassen wollen. Diese „Idee“ , diesen Geist packen wir in Kunst. Zumindest sehe ich das so. Kunst ist ein Kommunikationsmedium. Nur schreibt es dem Empfänger der Nachricht nicht vor, wie er sie zu verstehen hat. Natürlich wird in Gallerien und Fachbüchern immer erzählt wie der Künstler es denn meint. Aber das heißt nicht, dass ich mir nicht trotzdem meine eigene Meinung bilden kann und darf. Es ist ja bildende Kunst.

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Mit der Pop Art war Kunst nicht mehr das handwerkliche Geschick und das fertige Objekt, Kunst entstand im Kopf. Das was du siehst wenn du mein Kunstwerk siehst, das ist die wahre Kunst. Und diesen Kunstgriff schafft nun einmal nur: die Kunst. Wir können nicht von Gehirn zu Gehirn vermitteln, wir brauchen immer einen Mittler. Je unbeschadeter die Nachricht den Mittler übersteht, desto besser eignet sich jener als solcher. Sprache zum Beispiel begrenzt die Nachricht auf das was Sprache ausdrücken kann. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt sagt der Philosoph. Das Bild nicht, es benötigt nicht einmal spezielle Fähigkeiten um verstanden zu werden. So wie Schrift das Lesen. So ist das Bild als Mittler gut geeignet. Design und Illustration nutzen das. Kunst fügt dem Ganzen aber noch den Interpretationsspielraum hinzu, die Induktion. So sieht jeder etwas Anderes, jeder erhält eine andere, ganz eigene Nachricht vom Kunstwerk.

Wir fassen zusammen: Ich vertrete 3 verschiedene Auffassungen von Kunst. Die Erste: Kunst ist alles was den Schöpfer weder nährt noch fortpflanzt. Die Zweite: Kunst ist jede Aktion die über einen Grad der absoluten Effizienz hinaus verbessert wurde, rein der Virtuosität wegen. Die Dritte: Kunst ist eine Ausdrucksform, eine Art und Weise den Geist länger als den Körper existieren zu lassen. Und welche Zwecke hat Kunst damit? Nach der ersten Auffassung wirklich keinen einzigen. Die erste Auffassung hilft uns eher zu verstehen was eigentlich Kunst ist und was nicht. Der Zweck, der aus der zweiten Auffassung entsteht ist der Zweck der reinen Ästhetik. Der einzige Zweck der Kunst ist es schön zu sein. Und der Zweck der dritten Auffassung? Kunst ist Kommunikation.

Kunst ist alles was von seinem Schöpfer kreiert wurde ohne den Zweck sich fortzupflanzen oder zu überleben oder die Chance auf eines oder beides zu erhöhen. Der einzige Zweck den Kunst damit beansprucht ist es den Geist seines Schöpfers zu multiplizieren. Und Kunst tut dies unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik.

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Ein Künstler basiert sein Werk, egal welcher Natur auf 6 Komponenten. Einer Idee, der Form, dem Stil, der Struktur, der Technik und dem Erscheinungsbild. Form, Struktur und Technik liegen in der Wahl des Mediums, der Stil in der persönlichen Entwicklung des Künstlers, das Erscheinungsbild ist nur Verkaufsargument. Was zählt ist die Idee. Das, was das Werk bei seinem Empfänger hinterlassen soll, die Nachricht. Kein Künstler befolgt diese 6 Schritte exakt und exakt in dieser Reihenfolge. Aber allem zugrunde liegen tut immer die Idee. Ideen sind nicht real und nicht produzierbar. Eine Idee wird gefasst. Ich kann sie nicht erzwingen, mich nur möglichst gut auf den Moment vorbereiten in dem ich sie fasse. Und Ideen sind universeller Natur. Nicht abhängig von Sprache, Intelligenz oder Kultur. Wenn ich eine Idee gefasst habe, egal ob nun für mein Mittagessen oder das Fernsehprogramm kann ich natürlich von ihr erzählen. Ich hatte die Idee zu diesem Essay, rate mal was ich gerade tue. So kann ich auch jemand anderem den Inhalt der Idee übermitteln. Aber ich kann ihn nicht selber die Idee haben lassen. Dazu brauche ich:

Kunst!

Kunst kann eine Idee verpacken und den Empfänger des Geschenks die Idee einfach wieder auspacken lassen. Und zack er hat eine Idee. Nicht exakt dieselbe wie der Künstler. Vielleicht sogar die völlige Antithese. Aber er hat eine Idee erhalten. Und das ist für mich der ultimative Zweck der Kunst. Ideen aufzubewahren. Ideen zu verteilen. Kunst ist genauso wie eine Idee universell. Nur kann ich keine Ideen kreieren. Aber Kunst. Kunst kann ich kreieren. Und damit Ideen mich überdauern lassen.

QITAN

Der Podcast zu diesem Artikel


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