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63 | Digitaler Harakiri

Geigen und Räuspern. Sie sind alle da. Alle meine 206 Follower. Ein paar Kommentare hier, dort eine Direktnachricht. Ich tauche noch in einigen Livestorys auf. Die Instantreactions sind von traurigen Emojis geprägt. Nur Oma schickt aus Versehen den mit Lachtränen. Kann ja mal passieren. Sind ja auch Tränen drauf (wahre Geschichte). Aber das lockert die, doch sonst bedrückte Stimmung. Meine letzten Likes tauchen auf großer Leinwand auf. Hauptsächlich Comics und ein paar Selfies von Freunden. War nie so der Tierbaby oder Kardashians Fan. Wer mich ungefiltert sehen will, schaut in die markierten Bilder. Es ist Zeit für euch, Abschied zu nehmen. Ihr könnt ein letztes mal mein Gesicht doppelt berühren, um ein Like zu hinterlassen, bevor die App sich für immer schließt. Netdokotor.de ist sich sicher: Ausnahmsweise kein Krebs. Sondern Digitaler Selbstmord. Obduktion überflüssig.

Von Johannes Hassenstein

Ich hatte einfach keine Lust mehr dort zu leben. Dort, wo man sich entweder wie Trueman selber, oder wie ein Statist in der “Trueman-Show”, oder wie ein Zuschauer fühlt, aber niemals wie ein echter Mensch. Und Instagram macht einem den Freitod nicht gerade leicht. Du willst deinen Account löschen? “Wenn du dein Konto löschst, werden dein Profil, deine Fotos, Videos, Kommentare, „Gefällt mir“-Angaben und Follower dauerhaft gelöscht. Wenn du einfach nur eine Pause einlegen möchtest, kannst du stattdessen dein Konto vorläufig deaktivieren.” Ach Mensch das ist ja lieb, dass ich auch erstmal eine Pause einlegen kann. Der Fakt, dass man die Funktion, seinen Account zu löschen, nicht über die App oder das Webequivalent erreichen kann, sondern man erst googeln muss, dann auf die Instagram Website, dann auf einen Link, und dann erst auf die Funktion kommt. Der Fakt, ist schon gut pervers.

Spotify Single


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Aber machen wir halt Pause. Machen wir Pause von einer App, mit der ich nie richtig was anfangen konnte. Mit 14 hatte die halt jeder und du postest da halt irgendeinen pseudotiefgründigen Kram. Kram mit Filtern. Jeder ist komisch mit 14. Nur konnte sich früher halt keiner dran erinnern - und vorallem konnte es dir keiner später zeigen. Dann hab ich da irgendwann meine Zeichnungen hochgestellt. Damals noch mit voll ausformulierten englischen Texten und Hashtags. #FuckHashtags, ohne Witz jetzt, wenn du das Wort “Hashtag” im normalen Sprachgebrauch verwendest bist du original ein #untermensch. Und dann später, als dieser Blog, den du gerade liest (Yippieh!) angefangen hat, irgendwie versucht Promo zu machen. Hat alles nicht so richtig geklappt. Ich bin immer noch nicht weltberühmt. Verdammt.

Es will doch niemand mit jemandem was zu tuen haben, der manisch versucht möglichst wenig Freunde zu haben

Stattdessen halt dieses komische Verhalten, immer weniger Leuten zu folgen als du selber folgst. Das geht ja schon mathematisch gar nicht auf. Und erzieht uns dahingehend, das eine Freundschaft nicht beidseitig ist. Dass zwei Menschen nie gleich gut miteinander befreundet sind. Und, dass du ein besserer Mensch bist, je weniger Freundschaften du hast. Und auch dieses ständige: “Ich mach nur was, wenn du auch was machst” oder halt auf hashtag #follow4follow und #like4like. Instagram bringt uns eine Sache bei: Schenken ist scheiße. Und, dass du geiler wirst, je asozialer du dich verhältst. Denn im echten Leben will doch niemand mit jemandem was zu tuen haben, der manisch versucht möglichst wenig Freunde zu haben. Sich kurz anfreundet, dann abtaucht, aber hofft, du würdest ihn weiter mögen. Und dieses ständige Neuladen des eigenen Lebens, nur um zu schauen, wem ich gefalle. Soziale Medien machen uns nicht sozialer. Sie machen uns asozialer. Aber vermitteln uns, dass wir unsere Asozialität als Medaillen um den Hals tragen dürfen.

Ich hab keine Lust mehr zu sehen, wie meine Freunde ohne mich Spaß haben. Dass dein Leben angeblich besser ist als meins. Will mich nicht mehr wundern, warum das Bild von gestern Abend, auf dem ich nicht drauf bin, gepostet wurde und nicht das mit mir. Und warum du das jetzt nicht geliket hast. Ich will nicht alle 2 Minuten mein Handy entsperren, weil da eine stilisierte Polaroidkamera oben rechts aufgetaucht ist. Wie ein Hund wirst du trainiert, Sitz zu machen, wenn Instagram das sagt. Dann kriegst du auch Leckerli.

Du darfst schon eine Pause machen, aber nur dann, wenn wir es dir sagen

Ich will keine Pause (die Option dazu ist übrigens unscheinbar als blauer Textlink am untersten Ende der Seite verborgen. Und nicht etwa in der Kategorie “Privatssphäre und Sicherheit”. Sondern in “Profil bearbeiten”. Als ob das nur eine kleine, kosmetische Veränderung sei. Außerdem die Notiz: “Du kannst dein Konto nur einmal pro Woche deaktivieren.” Nach dem Motto: Du darfst schon eine Pause machen, aber nur dann, wenn wir es dir sagen!) Warum möchtest du dein Konto denn jetzt löschen? Na mal sehen:

Lieber ein Bauernopfer als ein Matt

Anfängliche Schwierigkeiten! Lies dir bitte diesen Artikel durch. Zu viel Werbung! “Deine Fotos und Videos gehören dir. Werbung wird daran nichts ändern.” Das ist ein Satz über zwei Dinge, die im Verlauf des Satzes nicht logisch miteinander verknüpft werden. Aber Danke für die Info, wäre ja noch schöner, wenn die Werbung was daran ändern würde. Zu beschäftigt! “Wir verstehen, wenn du beschäftigst bist und wenig Zeit für Instagram hast. ‘Die App kann durch folgende Schritte von deinem Telefon entfernt werden: […] ‘” Also lieber ein Bauernopfer als ein Matt. Ich gebe mein Passwort ein. Schade, dass du gehst, steht da. Nö.

Nach meinem digitalen Suizid fühle ich mich irgendwie immer noch am leben. Vielleicht sogar noch etwas mehr. Weil ich mein Leben endlich für mich lebe. Und nicht für alle anderen.

QITAN

*Ey Johannes, du Vogel! Da ist ja immer noch ein Instagram-Link im Menü! Du hast ja noch Instagram! Du Lügner, du! Ja, stimmt schon. Aber das ist mein Instagram-Account nur für meine Fotografie und hat absolut nichts mit mir persönlich zu tuen. Und ist daher, zumindest meiner Meinung nach, kein “sozialer” Account. Aber hey.