07
Apr

40 | Jetzt und das größere Wunder

Die beiden 15-Jährigen neben mir im Bus sagen: “Wir sind zu spät geboren um die Welt zu entdecken und zu früh, um das Universum zu bereisen”, der weniger philosophische von den Beiden antwortet: “Ja Mann, aber genau richtig um Dank Memes* zu posten”. Und ich verstehe das und vermisse das auch, dieses Goldgräbergefühl. Der erste zu sein. Jemals. Wie ein Siedler, Indianer hauen, Fahne in den Boden, Meins! Einen Flecken Land zu betreten und der erste Mensch zu sein der jemals war. Wär schon was. Aber eigentlich. Bin ich ganz froh jetzt geboren zu sein, und nicht wann anders.

Es muss etwas geben, das den Menschen erst zum Menschen macht, völlig unabhängig von seiner (dem Tier überlegenen) Intelligenz. Selbst, wenn man sie ins Maximum steigert, da bleibt noch etwas. Geist. Sagt Max Scheler (Die Stellung des Menschen im Kosmos). Der Mensch ist umweltfremd und weltoffen, er hat “Welt”, sagt Max. Obwohl dieser Gedanke 1927, als die Psychologie gerade die Welt auf den Kopf stellte, veröffentlicht wurde, blieb Max Scheler hellsichtig. Eine Künstliche Intelligenz, KI, selbst bei unendlicher Intelligenz, wird immer, und hoffentlich, eine künstliche Intelligenz bleiben. Es muss da Etwas geben, dass den Mensch so sehr Mensch macht wie er eben Mensch ist. Völlig losgelöst von allem Physischen. Wohl erst in der Virtuellen Realität werden wir ihn spüren, diesen Geist.

Jonas hat am genügendsten Geld und jede Bezugsperson verloren. Er besteigt das Dach der Welt, Mount Everest, auf der ewigen Suche nach Sinn, in seinem, bis zum Maximum gesteigerten Leben. Er kauft Insel, Bahnwaggon, Baumhaus (die teure Variante). Und dort oben, losgelöst von allem Physischen, spürt er diesen Geist. Ganz nah, wie Etwas, dass sich, hinter einer ganz dünnen Membran wartend, versteckt, um von ihm umarmt zu werden. Er sucht. Das größere Wunder. Von Thomas Glavinic.

Und ich vermisse das auch, dieses Gefühl hinter der Membran. Diesen größeren als Ich es bin Etwas-Geist. Wenn man unendliche Weiten betritt, wissend, dass noch nie ein Vorheriger gewesen ist. Ich betrete weder Neufundland noch den Mars. Ich betrete den neu eröffneten Apple Store als Erster. Aber.

Wenn die Welt bald untergeht, egal ob nun durch die Eidechsen die heimlich Amerika regieren, Kims Kinderspielzeug oder Kampfroboter; Kampfroboter wären übrigens mein favorisiertes Szenario. Ich war dabei. Ich habs gesehen. Meine Mama nicht, meine Kinder nicht. Aber ich. Ich war da. Und wenn die Welt nicht untergeht sondern alles glatt geht. Dann war ich auch da. Hab mit den Androiden geredet. Hatte einen Computer im Auge und eine Internetschnittstelle am Neocortex. Habe meinen Jahresurlaub in der Virtualität verbracht. Eine neue Art von Gesellschaft wachsen sehen. Und den Weg für die erste Generation geebnet, die in dieser neuen Welt geboren sein wird. Ich war Pionier.

Der 31.12.2100 ist mein Stichtag. Dann sind wir entweder alle tot oder alle angekommen. Elon fliegt zum Mars. Und Jonas steigt auf den Himalaya. Aber egal was passiert. Ob wir untergehen oder aufsteigen. Völlig egal. Ich werde dabei sein, ganz Vorne. Ganz weit Vorne. Und dann werde ich es endlich erleben dieses Wunder. Dieses größere Wunder.

QITAN

*Anmerkung des Autors: Der Begriff “Dank Meme” bezieht sich auf den typischen Millenial-Humor (allgemein zweck- und sinnbefreit) und manifestiert sich in trendbasierten (viralen) Bildern ohne jegliche Korrelation zu den mit ihnen illustrierten Themenkomplexen abr mit Ober- und/oder Untertext, die typische Lebenssituationen oder Insider-Wirtze beschreiben, allgemeinhin bekannt als “Meme”. Der Begriff “dank” (gesprochen: dänck), ursprünglich eine qualitative Einschätzung für Gras, beschreibt den Zustand eines Witzes, der schon zu lange nicht mehr lustig war und ist im Zusammenhang mit dem Wort Meme synonym für “cool”, mit expliziten Anführungsstrichen.

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