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79 | Der ästhetische Drive By

In der Musik ist die Stille genauso wichtig wie der Ton. Die Minimal Music hat dieses Konzept erforscht, John Cage in vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden es hörbar gemacht. Oh Wonder hat den Minimalismus in die Pop-Musik gebracht. Und das Berliner Produktionstrio KitschKrieg. Die machen ihn jetzt hip. Schon der Projekttitel, KitschKrieg, lässt Rückschlüsse auf definierende Elemente zu. Den Kontrast, wie zwischen Gun`s und Rose`s, so zwischen Kitsch und Krieg. Die Flexibilität, Weite des Feldes, der Streufaktor. Kitsch und Krieg, das sind Wörter, die im Englischen und im Deutschen vorkommen. Und der Kontrast. Zwischen Kitsch und Krieg. Zwischen Trash und Kunst. Zwischen Ton und Stille.

Von Johannes Hassenstein

Ich habe mich dreimal verliebt. In die plötzliche, rohe Emotion in “Ein Messer” von Hayiti. In diese Stille, vor dem Refrain nach dem dritten Part, an dem sie fast erstickt. Fällt. Ruhe. Und in diesen Ton, der an Streicher erinnert, vollkommen isoliert in den Refrain einleitet. Zuerst in “Billie Holiday”, später in “Geh Ran”, beide von Trettmann. Das ist die Essenz dessen, warum KitschKrieg ist.

Das Kitsch-Krieg-Whaaap habe ich das getauft.

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Ein Messer - Hayiti. Bei 1:43

Meine erste Begegnung mit Hayiti liegt weit zurück. “Runter von der Strasse”, das lief ein paar Wochen bei der Kindheitsfreundin von meiner Freundin im Loop, als die ihre Selbstfindungsphase nach der Schule hatte. Ich habs damals für ziemlich asi gehalten. Proletisch. Aber zwischen proletisch und poetisch liegen nur ein paar Buchstaben. Oder halt zwei Jahre.

Die KitschKrieg Hörerschaft von 2016 lässt sich zur Ja-Mann-Truppe zusammenfassen. Wir waren einmal bei den neuen Freunden auf Party. Es sitzen im eckigen Rund der WG-Küche, in der es 26 verschiedene Sorten Tee und genau 1 sauberes Glas gehabt hat, die Fam. Es war egal, was jemand sagt. Es kommt, wie Wind an den Gebetsmühlen Tibets, “Ja mann” und “Voll ey” oder “Ja, fühl ich mega”. Man fragt sich, wann man damit anfängt, aufzuhören. Diese Küche ist der Humus. Nährboden. Weil wenn alles, selbst die winzigste Skizze, das verkrüppelste Konzept, schon reine Zustimmung und pures Verständnis erntet. Warum noch entwickeln. Warum noch überarbeiten. Warum noch wachsen lassen.

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4"33" von John Cage

Das ist die Arbeitsweise von Hayiti. Und die Produktionsmagie von KitschKrieg. Der erste Entwurf ist schon das finale Produkt. Zwischen Idee und Track stehen maximal 2 Zigaretten. Ich habe das damals als Feigheit verstanden. Feigheit vor den Schmerzen, die eine reifende Idee verursacht. Heute verstehe ich es als eine Alternative. Die schiere Menge an purer, ungeschliffener Emotion, die in das Werk einfließt, ist exponentiell höher, je direkter es entsteht.

Zwischen Autor und Rezipient steht immer ein Mittler, weil eine direkte Übertragung der Idee nicht möglich ist. Der Mittler schluckt. Mal mehr mal weniger. Man kann versuchen den Mittler möglichst sauber zu halten. Das ist Minimalismus und Brutalismus. Man kann versuchen den Mittler möglichst aufregend zu machen. Das ist Psychedelic und Land-Art. Man kann den Mittler möglichst bekannt scheinen lassen. Das ist Pop-Art und Realismus (nicht die Kunstrichtung des Realismus, sondern der Abstraktionsgrad des realistisch). Oder man kann versuchen den Mittler zu entfernen. Durch Drogen zum Beispiel. Oder sehr lauten Bass.

Denn was der Mittler tut, das ist durch unsere Sinne unser Gefühl zu erreichen. Der Mittler schluckt einen großen Teil des initialen Gefühls des Autors. Wenn man aber seine Energie darauf verwendet, möglichst viel ursprüngliche Emotion zu verschicken, und davon hat die Intuition die meiste, und nicht den Mittler zu optimieren. Dann hat man den Mittler entfernt, denn er ist nun nicht mehr Teil des Schaffensprozesses. Es gibt ihn noch, er wird nur totgeschwiegen.

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Billie Holiday, Trettmann. Den Kitsch-Krieg-Whaaap gibts bei 1:04

Und damit haben Hayiti, Trettmann und ihre Produzenten sich 3 Jahre später einen festen Platz in meinem Herzen erarbeitet. Die Spannung entsteht im Spagat. Aus dem Kontrast. Aus impulsiven Konzepten die auf jahrelange Erfahrung und voll entfaltetes Talent treffen. Aus der Stille, die auf den Ton trifft.

Das Kitsch-Krieg-Whaaap ist ein akustisches Markenzeichen, dass diese Konzepte auf sich vereint. Ein eintöniger Gradient aus der Stille in den Ton. So wie das Inception-Blaahp (dieser superlaute Ton mit viel Bass, der das erste Mal in Christopher Nolan`s Inception auftauchte und seitdem in keinem Sci-Fi Filmtrailer fehlt) wird es wohl in ein paar Jahren zur Allzweckwaffe des gelangweilten Sounddesigners degradiert. So lange aber.

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Geh Ran, Trettmann. Der hintere Track des Albums scheint eine Sonderstellung zu haben. Wie schon "Für Uwe" von *Marsimoto*

So lange aber bleibt es Indiz für KitschKriegs Stärke. Viele Tracks kann ich mir nicht gönnen. Reggeaton und Dancehall sind halt Club-Mucke und das weiß KitschKrieg. Aber wie so oft gibt es die paar Perlen. Und bei KitschKrieg scheinen sie um so heller. KitschKrieg schafft den Spagat zwischen Trash und Kunst, den so viele davor versucht haben (Moneyboy oder Why SL Know Plug wie er jetzt heißt) und dabei ihre Potenz verloren haben (so ist das halt, wenn man den Spagat überdehnt). Und für mich haben sie damit eine neue Ästethik begründet.

Die Ästhetik, die auch Leoprint und Adiletten in der Mode begründet haben. Dass Ästhetik keine bestimmte Eigenschaft in den Dingen ist. Es zeigt sich, dass Kitsch salongfähig und Leoprint Mode ist.

Wir erleben momentan in der Popkultur ein Phänomen, das ich den “Ästhetischen Drive-By” nennen möchte. Scharen von Künstlern schießen vollautomatisch aus schnell vorbeifahrenden Karrieren wild um sich. Und manchmal trifft einer. Das richtige ästhetische Gefühl. In ein paar Jahren wird es jemanden geben, der genauer und überlegter schießen wird. Ein neues Kraftwerk, ein neues Pink Floyd. Und den aktuellen Wandel der Gesellschaft in eine neue Ästhetik gießen wird.

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Welcome to the Machine - Pink Floyd

Die konkrete Kunst und Dichtung haben versucht ein Werk zu erzeugen, dass nicht durch seine Kontextualisierung wirkt. Denn ein Kontext erfordert erstens sich selbst und zweitens ein Wissen um den Kontext beim Rezipienten. Konkrete Ästhetik heißt, etwas zu erschaffen das schon aus sich selbst heraus ästhetisch ist. Und nicht basierend auf Referenzen und Vernetzungen, die es geschickt entwirft. Oder auf einem erhabenen Staunen vor der Virtuosität, das es für klassische Kunst bedarf.

Eine Ausnahme bildet vielleicht “Billie Holiday” von Trettman. Der Tracktitel, sowie der Refrain referenzieren eine amerikanische Jazz-Sängerin der 40er. Billie Holiday. Billie lernte nie singen und hatte eine einmalige Stimme, der Jahre des Drogenmissbrauchs anzuhören waren. Damit bricht Billie Holiday (also der Track jetzt) mit der Ästhetik ohne Kontext. Das aber durch eine Referenz auf einen Künstler, der ebenfalls von Improvisation, Talent und purem Gefühl lebte. Nur mal so.

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Das Modell - Kraftwerk

Nach Kant empfinden wir das als schön, was uns das Gefühl gibt in unsere Welt zu passen. Dann empfinden wir das ästhetische Gefühl oder den lyrischen Schock, wie es Herta Müller nennt. Bei Schiller ist das die zweite Schöpfung durch die Kultur, nach der ersten durch die Natur. Cloud Rap versucht eben das. Nicht durch geschickte Doppelreime oder gesellschaftskritische Doppeldeutigkeit zu beeindrucken, sondern durch Gefühl. Ästhetisches Gefühl. Und da kann halt auch mal ein Wort zig mal wiederholt werden (was “Gucci Gang” nach wie vor nicht zu einem guten Track macht). Die Ästhetik durch den Vibe, aus den Vapor Waves und Vaporizerdämpfen tritt sie hervor. Diese neue Art zu rappen. Die ich als Anzeichen einer ganz neuen Kultur auffasse.

Live in Levis. Obwohl ich keine einzige Levi`s Jeans besitze, weil sie mir nicht stehen, würde ich doch gerne zumindest eine einzige Levi`s Jeans besitzen. Das ist wegen diesem Gefühl, in meine Welt zu passen. Beschworen durch ein einziges, rotes Etikett an der rechten Arschtasche. Das durch Jahrzehnte der popkulturellen Referenzierung an Magie gewonnen hat.

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Runter von der Strasse. Es könnte von Entghettoiiserung handeln. Es geht um den Rausch, der erst geil wird, wenn die andern die Rücksicht nehmen. Einmal frei drehen.

Wer bei Lush Seifen kauft, hat das Gefühl, er wäre besser. Weil Lush ein Objekt, das für das Einfache steht, zu etwas gemacht hat, was jetzt für das Bewusste und Individuelle steht. Die Kernseife. Aber das liegt nicht an den Seifen selber. Es ist das Urban-Outfitters-Gefühl. Dinge, die knapp überdurchschnittlich sind, werden erst durch geschickte Kontextualisierung und in Szene-Setzung zu Objekten der Begierde. Dinge, die wir schön finden. Weil sie uns das Gefühl geben, in unsere Welt zu passen. Bei Lush sind es die Mitarbeiter. Achte da mal drauf. Da sieht jeder aus wie jemand, der jemand anders mal sein will. Was sind wohl die Einstellkriterien bei Lush?

  • Das Haupthaar muss eine Kombination aus mindestens zwei verschiedenen Frisuren aus entweder 2 verschiedenen Kulturkreisen und/oder Zeiten haben (z. B. ein Fukuhila mit Dreads oder ein harter Bob mit ausgefranstem Pony). Das Abrasieren der Haare befreit von dieser Verpflichtung.
  • Je Körperöffnung (exklusive Piercings, Zungenspaltungen (auch mehrfach) zählen als weitere Körperöffnung) sind je 6 mm Tunneldurchmesser frei am Körper zu verteilen.
  • Mindestens 3 Haarfarben müssen vertreten sein. Eine Färbung der Axelhaare senkt die Menge an Farben, die das Haupthaar haben muss auf 2. Eine Haarfärbung im Intimbereich generiert nicht denselben Bonus, es sei denn sie ist eindeutig sichtbar.
  • Je Haarfarbe sind 2 Körpermodifikationen an nicht symetrisch gebauten Körperteilen verpflichtend.
  • Birkenstocks dürfen nicht als Sanitätshausmode aufgefasst werden.
  • Die Farbe Schwarz muss im Verhältnis Piercings zu Tattoos mit verschiedenen, farbigen Mustern kombieniert werden (so muss jemand mit 10 Piercing und 5 Tattoos, Schwarz 2 zu 1 kombinieren. Doc Martens zu schwarzer Kordhose zu Blau-Rotem-Teddy-Fell-Ringel-Pulli wären damit eine beispielhafte, zulässige Kombination).
  • Die Menge an verschieden Tattoostilen darf die Menge an verschieden Piercingmaterialien nicht übertreffen (hat jemand also Tattoos im klassischen, pointilistischen und Stick & Poke Stil dürfte er als Piercing zum Beispiel Holz, Chirurgenstahl und Silikon tragen. Hätte dieser jemand auch noch ein abstraktes Tattoo, dürfte zusätzlich ein Natursteintunnel o. Ä. verwendet werden).*

Wo Entschleunigung und Nachhaltigkeit Trend werden, da muss es Gegenbewegung geben. So funktioniert Physik nun einmal. Bewegung, Gegenbewegung. Wenn ich falle, fällt auch die Welt. Und diese Gegenbewegung ist eben eine Antithese. Der Entschleunigung wird die brutale 32tel Snare des Trap entgegengesetzt. Der Nachhaltigkeit, der schnelle Releasekalender, Karrieren und zusammengeworfene Parts.

Die Frage stellt sich nach wie vor. Zwischen Trash und Kunst. Ist das Kultur oder kann das weg? Die Antwort ist wieder der Spagat. Es ist Kultur und es kann - nein es muss sogar weg. Scheiß auf eure Entschleunigung und eure Detox-Kur, die Welt wird schnelllebiger. Und so wie niemand mehr 50 Jahre lang denselben Job oder denselben Partner hat - ja man hat ja nicht mal mehr sein Leben lang dasselbe Geschlecht. So hat man auch nicht mehr dieselbe Kultur. Und die Kultur, die es dann gibt, die muss das aufnehmen.

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Aktuelles Interview mit Kitschkrieg und Trettmannbeim Podcast Uptowns Finest

Sowie ein guter Künstler das Prinzip des Kunstmarktes bereits in sein Werk einfließen lässt, es gar persifliert (die Performance Art, die sich schon durch seine Natur dem Kunstmarkt entzieht). So muss ein guter Kulturschaffender den steten Wandel der Kultur bereits miteinbeziehen. Und das tut er, in dem er schnelle, impulsive, unausgereifte Werke schafft und statt einer Ästhetik der Virtuosität und des Kontextes auf eine Ästhetik des Gefühls setzt. Denn um die Virtuosität zu entwickeln, benötigt er Zeit, die er nicht hat. Und für den Kontext eine allgemeingültige Kultur, die es nicht mehr gibt.

Wo führt das hin. Zu einer Kultur der Idee. Denn die ist nicht an einzelne Künstler gebunden. Die Idee bleibt dieselbe, ihr Inhalt verändert sich genauso wie diejenigen, die ihre Inhalte erzeugen. Denn Ideen sind nicht-reale Gegenstände, sie können höchstens gefasst werden, existieren tuen sie ohne den Menschen als Medium. Als Künstler muss man sich dann damit abfinden, dass ein Individualismus als Künstler nicht mehr möglich ist. Und als Rezipient damit, dass man immer denselben Burger bestellt, aber nie denselben Burger isst. Denn wenn ich nach und nach erst das Brot austausche, dann den Salat, dann die Tomaten und dann die Bullette. Dann bleibt es zwar derselbe Burger, aber eben nicht der gleiche. Nur so ist es möglich in Zeiten des ständigen Wandels überhaupt etwas von Dauer zu schaffen.

QITAN

*Ich hab nichts gegen Lush. Ehrlich.