30
Mar

38 | Rinderherz, von Milch umflossen

Noemi Nicolaisen beginnt am Anfang. Bei der Grundlage. “Luft, atmen” heißt ihr Kurzfilm, den mein Freund Kai Lietzke filmisch umgesetzt hat. Es geht um Emotionen. Aber eigentlich geht es um viel mehr als das. Eingelegte Kirschen in Gesichtern, Schokoküsse auf Lippen, benutzte Binden auf Pullovern. Rinderherz von Milch umflossen. Kai und sie haben mir viel erzählt, vom Davor, Danach und Dahinter. Von der tiefen Faszination für den Ekel, das Hässliche, vom impulsiven Erzählen.

Noemi (Instagram: @doc.akan) hätte gerne einen Raum, in dem sie Dinge vergammeln lassen kann. Dem Kühlschrank die Antithese. Sie findet die Prozesse spannend. An der HFBK, an der sie momentan als Gaststudentin studiert, sieht das auch manchmal ein bisschen antithetisch aus, so mit Gesprüh in den Gängen und halbem Sandwich von letzer Woche auf Fensterbank. Noemi gefällts. Auch, dass man in den ersten Semestern so allein gelassen wird. Viele kommen damit gar nicht klar. Die wissen gar nicht was sie machen sollen. Kein Plan ist der Plan. Aber wenigstens trifft man sich regelmäßig um darüber zu reden, dass man keinen Plan hat. Noemi gefällt das, sagt sie.

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Als ich sie Frage ob sie denn Sadist sei sagt sie Ja. Aber ihr geht es weniger darum den Schauspielern das Leben schwer zu machen. Sie will experimentieren. Grenzen durchbrechen. Auch ihre eigenen. Früher, sagt sie, hat sie sich selbst gewaterboarded. Weil sie das spüren will, wie das ist. Weil für sie Physis und Psyche getrennt sind. Und sie in solchen Momenten Beide spüren kann. Den ertrinkenden Körper und die folternde Psyche. Sie experimentiert mit sich selber, was Dinge mit ihr tuen, wenn sie sie tut. Aber Alkohol oder Drogen nimmt sie nicht, nur Rauchen tut sie. Macht man ja. Also die Schönheit im Rausch, das ist für sie nichts (nach Nietzsche braucht der Künstler den Rausch, alles andere ist ihm zu langweilig). Es geht um Selbsterkenntnis. “Wake Up” steht in ihrem Nacken.

“Ich stelle mir vor wie ich im Bus sitze und der Typ der hinter mir sieht, dass da ‘Wake Up’ in meinem Nacken steht und ist dann so ‘Whoah’ “

Der Film war eigentlich mal ein Fotoprojekt, aber Kai (Instagram: @kai_lietzke, Vimeo: kailietzke) hat erzählt, dass sie schon beim ersten Foto gemerkt haben, dass sich das nicht richtig anfühlt. Und alles ist irgendwie im Moment entstanden. Die Handlung, die Szenerie, die Kostüme (wobei Szenerie und Kostüm wohl nur als Synonyme füreinander zu verwenden sind). Schnelle, flüchtige Reflektionen. Eingefangen. Als ich sie frage, ob sie denn einen bestimmten Zustand braucht um so ein Werk zu schaffen. Ob sie den Rausch woanders hernimmt. Da sagt sie nein, sie hat immer Druck, muss nur aufmachen. Können wir das alle? Vielleicht, man muss es nur wollen. Und loslassen können. Der Künstler als Genie? Wohl weniger (nach Kant ist die schöne Kunst (?) nur als Produkt des Genies möglich). Das Werk entsteht als fixes Abbild eines flüchtigen Geisteszustandes, eine reine Projektion.

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Ob sie denn dann überhaupt einen Perfektionsanspruch habe, frage ich sie. Weil, naja, wenn man etwas so hektisch, so impulsiv kreiert bleibt keine Zeit für Feinschliff und Detail. Ja sagt sie. Weil sie nicht glaubt, dass Perfektion, als Maximum der Ästhetik, eine Idee sei, die sich in den Dingen spiegelt (was sie nach Platon ist). Stärker, je weniger diese beschmutzt sind. Von eben der Hässlichkeit, dem vermeintlichen Gegenpol der Schönheit. Und wenn die Perfektion als Idee irreal ist, dann ist sie für Noemi eben das Andere. Real. Das was sie kreiert im Moment, ist in eben jenem Perfekt in seinem eigenen Anspruch. Und so wird Hässliches, Flüchtiges perfekt. Für einen kurzen Moment.

“Das Lästern war das schlimmste. Und das alles sofort das größte Problem auf Erden war. Und, dass du jemanden sofort ‘geliebt’ hast”

Ist das was du machst Sinn oder Zweck? Sie holt aus. Weit. Sie hat eigentlich früher in Eppendorf gelebt. Und hat da halt mit den Eppendorfern abgehangen. Oft mit Älteren. Und sich immer fremd gefühlt, falsch. Wenn alle so sind, und ich mich nicht richtig fühle, dann bin doch ich der Fehler? Fragt sie. Sie nimmt Distanz. Und merkt, dass sie nicht weiß. Wer sie ist. So ganz ohne die Anderen. Fängt an zu Malen. Und heute. Heute würden sie Leute, die sie einmal kannte, ansprechen, sagen: Mir geht es genauso. Und das freut sie. Aber eigentlich macht sie es nur für sich, weil sie Bock drauf hat. Weil sie sagt, sie hat ihre Kindheit irgendwie verpasst und ihre Jugend vergessen. Und jetzt spielt sie rum. Fasziniert sich für Kinderspielzeug. Sie schuldet sich das selber.

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Sie lebt schnell und impulsiv. Woosh, Woosh. Ob sie nichts verpassen will, frage ich. Quasi. Jeden Tag leben wie den Letzten. Weil es immer vorbei sein kann. Und sie nichts auf der Strecke lassen will. Wenn sie die Energie jetzt nicht verbraucht, dann wäre sie ja vielleicht am Ende noch über. Und es gibt keinen Rest für sie. Also. Sinn, nicht Zweck. 27. Steht groß und krakelig auf ihrer Bauchdecke.

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Die Griechen nannten das Katharsis sage ich. Wenn du in die Tragödie gegangen bist, dann hast du alles draußen gelassen, hast mit den Protagonisten gelitten und bist mit ihnen gestorben. Diese Reinwaschung, diese Läuterung. Katharsis. Allgemein kommt diese “Ästhetik des Hässlichen” (nach dem gleichnamigen Buch von Karl Rosenkranz) vom Unheimlichen. Als Negation von heimlich, wohlig, in der Komfortzone. Zieht das Unheimliche seinen Betrachter heraus aus seinem Kreis. Lässt in Erfahrungen und Erkenntnise ereilen ohne, dass er selbst die Fehler macht. Sein Geist, sein Körper. Sie agieren getrennt. Ich glaube was Noemi da betreibt. Das ist Katharsis.

QITAN

Der Inhalt dieses Artikels entstammt einer langen Unterhaltung. Der Text ist bewusst nicht als Interview geschrieben worden, einige Thesen wurden zum besseren Verständnis um Erklärungen ergänzt. Aussagen und Meinungen habe ich aber nicht verfälscht, genau so wenig wie tatsächlich gesagte Sätze.

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