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Nov

11 | Reduktion aufs Minimum

Nebst Nuschlern und AFD Politikern wird nichts so oft falsch verstanden wie moderne Kunst. Denn ,man darf sie nicht mehr wie die alte Kunst betrachten, davor stehen, Zwiesprache mit dem Gemälde halten. Ne, moderne Kunst ist auf die Fresse. Krass. Laut. Brutal. Tritt auf die Füße. Macht sich unangenehm und stößt damit auf Unverständnis. Vorallem weil es schwer ist moderne Kunst von “moderner Kunst” zu unterscheiden. Ja, jeder kann Fäden aufhängen aber es ist nur ganz selten Kunst. Ein Begriff der modernen Kunst, der heute meistens von selbstständigen Webdesignern und Aussteigertypen (die mit Iphone) geprägt wird, ist der Begriff des Minimalismus. Und der wird auch oft falsch verstanden.

Der Minimalismus entstand in den 1960er Jahren in Amerika als Gegenbewegung zum Expressionismus. Europäische Stilrichtungen ähnlicher Natur sind das Bauhaus, die konkrete Kunst oder der Konstruktivismus. Der Minimalismus war vorallem dreidimensionaler Natur und versuchte in den Raum zu greifen, brachte daher nur wenig Kunst auf Leinwand hervor und verstand sich viel mehr als ein Stil der plastischen, performativen und installativen Kunst.

Minimal Art

Allen minimalistischen Werken gemein ist der Versuch auf das Wesentliche zu reduzieren, Klarheit, Schematik und Logik zu suchen. Zu entpersonalisieren und so das Werk hinter seine Bedeutung zurücktreten zu lassen. Es konnte so auch auf serielle und industrielle Fertigung oder Fertigmaterial zurückgegriffen werden.Bekannte Künstler des Minimalismus sind Dan Flavin für seine Neoninstallationen, Fred Sandback mit seinen Fadenskulpturen oder John McCracken mit seinen spiegelnden, monochromen Monolithen.

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Minimal Music

Auch in der Musik fand der Minimalismus Anklang (Achtung Wortspiel). Hervorzuheben ist John Cage dessen Stück 4.33 nur aus viereinhalb Minuten Stille bestand und trotzdem eine Partitur besitzt. Es begründete die sogenannte neue Musik und stellte zusammen mit Yves Klein’s Monotone-Silence Symphony , in der ein komplettes Orchester zuerst den selben D-Akkord 20 Minuten lang spielt und danach die selbe Spanne schweigt, den Zuhörer vor viele unbeantwortete Fragen stellt und die Feststellung unterstreicht, dass die Stille genauso zur Musik gehört wie der Ton. Auch Piano Phase von Steve Reich ist zu erwähnen. Der, in der Minimal Music erforschte Phase und Loop Effekt wurde hier zum ersten Mal ausgereizt. Zwei Pianos spielen zunächst Synchron und fangen dann langsam an versetzt zu spielen. Diese Phasenverschiebung ruft ein so ungewohntes Gefühl hervor, dass die Uraufführung vor unvorbereitetem Publikum vorzeitg abbrach. Die wohl bekanntesten Vertreter von minimaler Musik heutzutage ist die Band the xx und, etwas weniger konsequent, auch das Duo Oh Wonder.

Minimal Design

Besonders das europäische Bauhaus war Vorreiter des nüchternen Designs. Es galt “Form follows function” - Horatio Greenough. Also die Funktion diktiert die Form. Das ist ein durchaus minimalistischer Ansatz, daher war das minimalistische Denken im Produktdesign eigentlich schon immer vorhanden. Vorreiter war die deutsche Firma Braun und ihr Designer Dieter Rams, die als erste das schlichte und nüchterne, absolut funktionale für sich entdeckten. Eine Firma aus Amerika, die die selben Prinzipien verfolgte ist die wohl bekannteste Firma der Welt Apple . Von Minimaldesign möchte ich hier aber gar nicht viel sprechen, denn für Design ist Minimalismus viel mehr Norm als Sonderfall.

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Moderner Minimalismus

Auf dem Minimalismus fußt das heutige, postmoderne Verständnis von Konzept-, Aktions und Installationskunst. In den 90er Jahren wurde der Minimalismus aufgrund von fehlenden neuen Territorien neu entdeckt. Insbesondere in der Malerei nahm ein gewisser, davor kategorisch vermiedener, Subjektivismus einzug. So zum Beispiel die flüchtigen Farbfeldmalereien auf Blei von Günther Förg. Diese sind eindeutig von [Mondrian]() inspiriert, dieser wird allerdings nicht zu den Minimalisten gezählt. Er gehörte den abstrakten Expressionisten an, zu denen der Minimalismus die Gegenbewegung bildete und ist Vorreiter der konkreten Kunst und der abstrakten Malerei, der Parallelbewegung in Europa.

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Ab Mitte der 0er wurde der Minimalismus ein weiteres Mal entdeckt und fand Einzug in die Bereiche des Web- und Grafikdesigns. Heute ist dieser Pseudominimalismus aus dem Repertoir von faulen oder unfähigen Designern nicht mehr wegzudenken. Trotzdem sind die heutigen “schlecht” designten Websites immer noch ein Augenschmaus gegen die Websites aus den Anfängen des Internets. Pseudominimalismus sei Dank. Auch in der Mode ist durch Marken wie COS der “Minimalismus” in die Kleiderschränke der Nation zurück gekehrt, aber die fünfte scharze Hose ist nicht minimalistisch sondern überflüssig. Danke für diese Erkenntnis an den Artikel von Elisabeth Raether in der Zeit. Wie es Raf Simons, Designer bei Dior sagt:

Minimalismus ist eine Parodie seiner selbst geworden

Hier muss angemerkt werden, dass ich persönlich ein großer Fan minimalistischem Web- und Grafikdesign bin. Gut umgesetzt ist der Minimalimus wohl die effizienteste Form der Informationsvermittlung und ist aufgrund seiner Schlichtheit sehr universell als schön zu empfinden. Aber eben nur gut umgesetzt. Denn der Minimalismus bietet Designern auch die Möglichkeit fehlende Fähigkeiten oder Zeitmangel als “minimalistisches Design” zu bezeichnen. Ich bin selber schuldig im Sinne der Anklage. Es ist wie so oft in der Moderne: der Grat zwischen Kunst und “Kunst” ist Schmal und meistens erst bei tiefer Auseinandersetzung mit dem Objekt zu unterscheiden. Es lohnt ein Blick zu Swissted.

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Minimal leben

Heutzutage ist Minimalismus auch ein Lebensstil geworden. Unzählige, mal mehr, mal weniger ernst zu nehmende Blogs beschäftigen sich damit wie durch bewusste Reduktion besser gelebt werden kann. Hier ist zum Beispiel MrMinimalist zu nennen. Vorbilder kommen vorallem aus Asien. Dort ist die bewusste Reduktion seit Jahrtausenden das Mittel der Wahl wenn es um geistige Erleuchtung geht. Stichworte Feng Shui, Yoga, Haikus und Zen-Bhuddismus. Aber Sind diese neuen Minimalisten alle wohnungslose, asketische Sockenzähler? . Nicht alle. Sie versuchen der Konsumkultur und den ständig steigenden Erste-Welt-Bedürfnissen durch extreme Reduzierung auf das absolut Nötigste entkommen. Aber das endet halt manchmal auch damit, dass eine 17qm Wohnung voller Sperrholzmöbel als minimalistisch bezeichnet wird.

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Minimalismus als Philosophie

Die Grundidee des Minimalismus ist es sich zu reduzieren. Ich reduzier mich auf das Minimum. Alles was ich nicht brauche, lasse ich weg. Ich versuche aus dem Minimalen das Maximale zu ziehen. So sollte ich zu neuer Klarheit und neuer Einfachheit finden und damit zu einem besseren Leben, zu einem klareren Leben. Dazu muss man allerdings bereit sein. Bereit im Sinne von vorbereitet. Denn mit dieser plötzlichen Klarheit und Erkenntnis kann auch die Erkenntnis einher gehen, dass alles Vorangegange nur Zerstreuung und Ablenkung war. Dieser Gedanke ist nicht neu. Bereits vor 200 Jahren fasste Henry David Thoreau es so zusammen:

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, daß ich gar nicht gelebt hatte.

Dadurch, dass alles wegfällt was das Wahre bedeckt, egal ob es nun das wahre Leben, Glück, Kunst oder Gefühl ist, soll dieses zugänglicher sein. Vergleichbar ist das mit Ästhetik als Reflexion der Idee des Schönen. Je weniger das Objekt verschmutzt ist, desto klarer ist die Idee erkennen. Vielleicht hat auch deshalb moderne Kunst und Musik teilweise sehr verstörende Effekte auf ihren Rezipienten. Ein Großteil von uns ist noch nicht bereit diese Wahrheit zu sehen, wird von ihr geblendet und sieht erst einmal nur Nichts. Was keine Entschuldigung für weiße Leinwände für 12 Millionen sein soll.

Minimalismus ist der Urzustand. zu Beginn war alles klar nur wir waren blind. Wir begannen nach und nach all das Wahre zu beschmutzen. Mit Schornsteinen, Billigklammoten und Fast Food. Wir sind zu Maximalisten geworden und ein Großteil der Welt ist es heute. Auch deswegen trifft Minimalismus auf verkniffene Gesichter: der Urzustand ist unnatürlich geworden. Ihr skaliert euch auf das Maximum. Und ich. Ich reduzier mich auf das Minimum.

QITAN

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