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Jul

69 | Ansichtskarte an Franko (Sylt)

Wenn du die Welt anlächelst, dann lächelt die Welt auch zurück. Es sei denn, du bist auf Sylt. Dann sagt die Welt: “Kann ich ein Moin haben?“. Und wenn die Frau, die vor dir in der Schlange gerade ihr Crêpe bestellt sagt, dass man das, da wo sie herkommt, nicht sagt. Dann sagt Sylt ihr, dass sie hier auf Sylt ist. Kann man drauf stehen. Oder es scheiße finden. An dieser Insel spalten sich die Geister. An dieser Insel, mit gefühlt nur zwei Polizeiwagen, wovon einer durchgehend vor dem Hermès-Store in Kampen steht. Der Insel, auf der dich der Bus mehr kostet als der Campingplatz und einmal essen gehen mehr als dein Zelt. Aber wir waren da und haben das Unmögliche vollbracht. Wir sind nicht arm geworden.

An sich ist campen auf Sylt wunderschön. Du wachst auf und trinkst Kaffee in den Dünen. Du schläfst ein und das Meer rauscht und die Grillen zirpen. Man sieht die Grillen ja nicht. Wie viele Jahrtausende muss es gebraucht haben, bis man wusste, dass das Zirpen die Grillen sind? Bis dahin muss das doch eher so, ja die Bäume schreien abends, das ist hier nun einmal so, gewesen sein.

Das einzige Problem ist das Essen. Weil das ist verdammt teuer. Als wir fragen was der Unterschied zwischen der 2€ Pommes und der 3€ Pommes sein würde, lautet die Antwort trocken: “Ketchup”. Und dann sitzt du zu zweit beim Italiener und bestellst zwei Margarita und einen kleinen Cappuccino. Wir haben hier nur große Cappuccini. Und die Kellner wissen. Da reicht es nicht für Trinkgeld.

Bild zum Reisebericht aus Hörnum, Sylt

Wenn wir Abends die Fliegen mit dem Kehrblech aus dem Zelt gescheucht haben, habe ich mir heimlich und im Stillen gedacht, was eigentlich wäre, wenn die Fliegen reden könnten. Die könntest die dann ja nicht mehr einfach raus scheuchen, die sind dann ja nicht mehr doof, das machst du ja mit Obdachlosen auch nicht, einfach mit dem Besen drüber. Dann müsstest du mit den Fliegen diskutieren, warum sie jetzt bitte dein Zelt verlassen sollten.

Aber was ich mir auch gedacht habe. Welche Argumente hätte ich denn eigentlich?

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Da surren immer diese arroganten Hybridwagen an einem vorbei. Ich weiß, dass die eigentlich lautlos sind. Und, dass da Sounddesigner dran arbeiten, wie die dann klingen. Wie die auch die Autotüren vom Bentley saftiger klingen lassen, so klingen auch die Hybridmotoren von den teuren Modellen irgendwie saumäßig arrogant. Wenn da so ein Opa aus dem Golfclub rauskurvt. Verdeck offen, mit zwei Mäuschen hinten drin. Da denkste, du bist im falschen Film. Oder halt auf Sylt.

Da sagen sich auch alle Moin, auf dem Campingplatz. Uns aber nicht. Ich weiß nicht, ob das so sichtbar gewesen ist. Dass wir die Säue aus den Dünen sind. Der Pöbel mit dem Zelt.

Bild zum Reisebericht aus Hörnum, Sylt

Unser Campingplatz war fantastisch. Ohne Witz. Das haben wir auch den beiden Herren, die uns mit zurück nach Westerland genommen haben, erzählt. Wobei meine Freundin schwört, dass der so prätentiös gefragt hat, ob wir denn den Campingplatz in Hörnum weiterempfehlen würden, dass sie sich sicher ist, dass der einen ganz intrigen Streit mit dem Besitzer hat. Und dann hat er auch noch unterschwellig auf den Campingplatz in Westerland verwiesen. Sie schwört, dass ihm der Platz in Westerland gehören tut.

Aber wir hatten irgendwie immer das Gefühl, ständig falsch zu sein. Die Zelte um uns herum waren leer. Die Dünen abgelegen. Die Camper verschlossen und grußlos. Die Vorzelte der Dauercamper blickdicht. Wir waren uns sicher. Das ist nur Tarnung. Deckung. Farce. Fassade. Die essen Menschen hier. Snacken die Zelter aus den Dünen weg.

Bild zum Reisebericht aus Hörnum, Sylt

In Hörnum schließt alles um 19 Uhr. Der Edeka, bei dem der Playboy schamhaft zwischen den Motorsportmagazinen versteckt wird so, dass nur noch “PLA” und garantiert kein Nippel zu sehen ist, um 19.15 Uhr. Der super teure Italiener, in dem du die Garnelen pro Stück dazu bestellst, bis 2 Uhr. Und das Strönholt. Oben auf dem Hügel. Ein Golfclub. Wir schneien rein und haben das Gefühl, gerade in etwas rein geplatzt zu sein, was irgendwo zwischen Affäre und Bankraub liegt. Ob man denn To-Go-Kaffee verkaufe, frage ich hoffnungsvoll. Der Kellner wirkt wie gecastet für exakt diese Antwort, die kommt. Ich schau mal. Und ich weiß, dass es keine To-Go-Becher geben wird, bevor er sich überhaupt umgedreht hat.

Hier kannst du den Mord auch ohne Schalldämpfer begehen, Franko

Aber da oben, in diesem Strönholt. Hab ich das gefühlt, was es heißt, reich zu sein. Das heißt, dass eine Geldstrafe bedeutet, dass das legal für dich ist. Ich sah das vor mir. Wie da einer im langen Mantel an der Theke sitzt. Sieht aus wie Lorn Malvo aus Fargo. Wahrscheinlich sitzt da wirklich einfach Lorn Malvo aus Fargo. Und Lorn Malvo aus Fargo schreibt eine Ansichtskarte. Und auf der Ansichtskarte steht nur: Hier kannst du den Mord auch ohne Schalldämpfer begehen, Franko. Und vorne so eine Dünenansicht vom Leuchtturm bei Sonne

Ich seh das. Da geht einer rein. Glock oder Walther oder Was weiß ich was aus der Jackentasche. Kellner grüßt und reicht einen To-Go-Kaffee über die Theke. Geht zum Tisch am Fenster und drückt ab. Keine Maske. Kein Schalldämpfer, er hat ja die Ansichtskarte bekommen. Setzt einfach die Mündung auf und drückt ab. Und Franko trinkt aus, knallt den Pappbecher auf die Theke und geht den Hügel runter, in die Sonne hinein, auf unseren Campingplatz zu.

Die Bänke am Hörnumer Kreiselverkehr sind mit den Namen ihrer Spender verziert. Cafe Lund. Da habe ich gesagt, dass ich mich hier mit den Brötchen nicht so auskenne, welche denn am leckersten seien. Die sind alle lecker. Aber sie brauchen ja 4 Brötchen, dann können sie ja von jedem eins nehmen. Die Schlange lacht. Haha ja Mensch. Sylt Humor halt. Ich nehm viermal Mehrkorn, sage ich. Und in der Tüte waren dann doch 4 verschiedene Brötchen. Von jeder Sorte eins. Haha ja Mensch. Sylt Humor.

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Eine Bank vom Verschönerungsverein Hörnum. Und eine von Birte & Imke. Wer sind Birte & Imke? Was bringt sie in diese Position, auf einer Bank verewigt zu werden? Und wir sind uns sicher, sie müssen hier sehr berühmt sein. Fast so berühmt wie DJ Steven Timeless, der jeden Samstag und Sonntag im Club 23 in Hörnum ab 21.30 auflegt, und das schon seit über 30 Jahren. Wir glauben fest, dass sie das erste, offen lesbische Paar der Insel Sylt waren. Das ist schon ne Bank wert finden wir, setzen uns und essen unser Croissant vom Cafe Lund.

Hin hat uns Marie mitgenommen, die erzählt hat, dass sie erst seit einem halben Jahr den Führerschein hat. Sonst eher unaufgeregt. Zurück trampen wir im Surferbus von zwei Herren kurz nach ihren besten Jahren. An die Holzverkleidung des Busses sind Erkenntnisse aus ihren langen Jahren der Reise gekritzelt. Alles beginnt Innen und zeigt sich nach Außen. Worte sind Dinge. Der Mensch erntet, was er sät.

Trampen ist meiner Meinung nach der letzte, noch funktionale Generationenvertrag. Wer als Jugendlicher oder 20-something trampt. Der hat gefälligst, wenn er dann ein Auto hat, auch Leute mitzunehmen.

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Zur Rückfahrt mit dem Regional Express haben wir wieder eine instabile Reisepartnerschaft zwecks Vergünstigung des Schleswig-Holstein-Tickets geschlossen. Ein Geschäftsmann aus Bosnien und eine Rockerbraut aus Hamburg. Nach 2 Stunden Schlaf starre ich nur noch bis ins Delirium gelangweilt aus dem Zugfenster und murmele vor mich hin:

Baum Baum Baum Noch ein Baum Baum Zwei Bäume Ein Baum etwas weiter weg Baum Baum Ein Gleis Noch ein Gleis Baum Ein Schuppen Weiche Baum Baum Baum Baum Baum Baum Baum Baum Baum Busch Baum Baum Baum Busch Busch Feld Windrad Dörfchen Gleis Baum Gleis Baum Gleis Feld Feld Feld Busch (aber nicht die Verona) Feld Busch Wieder ein Gleis Baum Drei Bäume, man sollte fast meinen ein Wald wäre im Begriff, sich zu formen aber nein: Feld Gleis Feld Gleis Windrad Baum Baum Baum Endlich Bahnsteig

QITAN

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