07
May

48 | Rufmord im Regionalexpress (Sylt)

Das Datum auf der grünen LED-Matrix der Fahrzielanzeige erinnert mich daran, dass ich schon in der Zukunft lebe. Abkürzung RE. Linie 6, Hamburg Altona nach Westerland Sylt. Sie fahren heute mit: Wagen 13. 07.05.2018. So ausgeschrieben sieht das beeindruckend aus, die 2018, klingt irgendwie nach #Future. Das sind Zahlen, die man in den Schwarz-Weiß Filmen in die Zeitmaschine eingegeben hat. Das sind Zahlen, da denkt man sich: Mensch, so spät schon! Regional, aber bitte schnell. Da will ja keiner bleiben, in diesen ganzen Vororten von Vororten. Die noch mindestens 3 Buchstaben vom eigenen Kennzeichen entfernt sind. Regional express.

Die Verkäuferin bei Kamps sagt scherzhaft laut: “Mensch, Rene!” als Rene die Kuchenzange auf den Boden fallen lässt. Aber Rene lacht nicht. Er ist ein abgebrühter Kerl, wie in Hühnersuppe gebadet. Man schreibt ihn wahrscheinlich mit ein bis zwei von diesen französischen Schlänkern, auf seinen zwei bis drei “e”s. Rene überzeugt gerade einen älteren Herren vom neuen Vollkornjungen (ein Brötchen voller Körner, das, wie sich später herausstellen sollte, vorallem für Jüngere erdacht wurde, daher auch der Name). Das klingt ungefähr so, nein, eigentlich nicht nur ungefähr, genau so klang es: “Also ich empfehle Ihnen unseren Vollkornjungen, der ist zwar eigentlich für Kinder, aber der wird ihnen gefallen, der ist ganz weich”. Ja, der letzte Teilsatz hat unseren älteren Herren und seine Dritten überzeugt. Er nimmt einen. Wir lassen uns überzeugen. So ein Tag ist das.

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Der Blick der Frau im lilanen Karohemd zeugt von Verachtung. Ihr sanft blauer Liedschatten ebenfalls. Aber ihr Blick gilt nicht mir. Er gilt ihrem Sohn. In seine ausrasierten Seiten sind ungekonnte Zick-Zack Muster rasiert worden. War das der Papa, damit er schneller läuft? Die ältere Frau mir gegenüber hingegen hat Blick, Haltung und Nase eines Falken. Sie richtet von weit oben über diese Jugend. Aber ich glaube, sie kann noch mehr. Ihr Hals sieht aus, als könne er so ungesund verdreht werden, wie der einer Eule. Oder wie eine Lasage in der Mikrowelle.

Kindergangs in der Gründungsphase

Das kleine Mädchen an ihrer Seite mampft bereits ihre zweite Bifi-Roll. Die hat sie sich beim Halt in Niebühl am Automaten geholt. Bifi-Rolls, das ist eine Kinderdroge. Ein rundum geschlossener Hot-Dog, das Brot so nährstoffarm wie Tundraböden, die Bifi, von ihr wohlig warm umhüllt, so runzelig wie meine Stirn wenn ich Kinder Bifi-Roll essen sehe. Sie beobachtet meine Freundin und mich über ihre Bifi-Roll hinweg, schon seitdem ich ihrer Oma meinen Kugelschreiber geliehen habe, damit sie das Schleswig-Holstein-Ticket ausfüllen kann. Sie scheint nach geeigneten Vorbildern zu suchen (tuen wir das nicht alle). Aber wir sind es wohl nicht, wir Formen mit den Lippen tonlos SXTN-Songtexte und wedeln dabei proletisch mit den Händen. Das sind keine Vorbilder. Noch nicht.

Modische Tretroller mit Steuerknüppel-Lenkung

Eine Kindergang in der Gründungsphase kreuzt auf Höhe des Gosch Fischrestaurants unseren Weg. Und Wir haben ein weiteres Mal an diesem Tag die Gelegenheit, 10-Jährige in freier Wildbahn zu beobachten. Nicht nur Wir, auch ein einzelner, ein Solitair, ein dicklicher Junge auf dem Weg in die Geschlechtsreife kreuzt ihren Weg. Blicke werden wie Torpedos verschossen. T minus drei bis zum Kontakt. Der Kapitän des Geschwaders setzt zum Entern an, Schulter trifft auf Schulter. Fette Kinderarme klatschen auf fette Kinderarme. Der Dicke Michi muss vor der Truppe buckeln, er hat keinen modischen Tretroller mit der Steuerknüppel-Lenkung.

Danke. Dass ich heute euer Zeuge sein durfte. Danke, dass ihr alle einfach Ihr ward. Schrullig und fehlerhaft, aber immerhin Ihr, das traut sich heute ja doch keiner mehr. In der U-Bahn sind ja alle statisch. Alle am Handy, wie in der Duplo-Werbung. Hier ist für dich: Die vielleicht zweitlängste Praline der Welt. Ey, mach mal was! Aber ihr. Ihr habt euch heute einfach zuhause gefühlt, einfach euer Leben gelebt. Danke, dass ich da sein durfte. Vielleicht habt ihr euch ja auch über mich gewundert.

Wie eine Lasagne in der Mikrowelle

Mein Regionalexpress der Linie 6 rast zurück über den Bahndamm, der Sylt und das Festland miteinander verbindet. Über dem Schilf und den Dünen jagt ein Helikopter entlang. Sylt hat noch kein Krankenhaus, aber eine Bürgerbewegung (Deutschland deine Petitionen) versucht gerade auch Inselgeburten zu ermöglichen. Das wird dann wohl der neue Sonderstatus Eppendorf. Geburtsort Sylt. Wir legen unsere Füße ganz keck auf den Sitz gegenüber, aber Schuhe aus, wir sind ja nicht bei den Hotten-Totten. Oder in Italien. Meine Fahrkarte wird kontrolliert, der Schaffner weist mich darauf hin, dass ich nur bis 3 Uhr nachts weiter fahren dürfe. Das wird knapp, sage ich. So eine Nacht ist das.

QITAN

*Dieser Artikel ist ein Reisebericht. Von einer eintägigen Reise nach Sylt. So weit so gut. Ich schreibe ja öfter Berichte. Meistens von Ausstellungen. Morgen kommt zum Beispiel einer vom New-Walls Festival. Aber selten schreibe ich Reiseberichte. Ich mag keine chronologisch geschrieben Reiseberichte. Aber ich schreibe selten nicht-chronologische Reiseberichte. Ich möchte non-linear Reisen und auch genau so davon berichten. Bahnstrecken sind nun einmal linear. Aber meine Berichte müssen es nicht sein. Also schreibe ich jetzt wohl öfter mal welche. Stehen auch ein paar Reisen an dieses Jahr. Ich hoffe es gefiehl.

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