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74 | Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Wien)

Das erste, was ich in Wien nach 9 Stunden Zugfahrt bewusst lese, ist: “Guten Morgen, flüstert die Bio-Handsemmel zur Butterflocke”. Und es ist Werbung an einem Bäcker. Das Wort Butterflocke liest sich schon wienerisch. Buudterfloagke. Bäcker neigen dazu, Werbetexte zu haben, die außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes, der Bäckerei, ziemlich deplatziert wirken. Mein Liebling stammt von der Effenberger Vollkornbäckerei. Der Aufbau des Humus ist unsere Zukunft. Werbetext mit Laib und Seele. So wie Bäcker in der Freiburg-Gegend.

Von Johannes Hassenstein

Die Donau ist hier ziemlich eingezwengt in Beton. Das Grafikdesign der Stadt Wien ist auch eingezwengt. Weiß nicht, warum mir das jetzt auffällt, aber das Wort “Weißraum” scheint es in Wien nicht zu geben.

Eine Jahreskarte für die 7 Museen, die alle versammelt im Museumsquartier liegen, kostet 44€. Das sind 7 Kaffees, einen für jedes Museum. Man kann hier Comics für 2 € aus antiquitierten Automaten kaufen. Das könnte Hamburg auch, wenn es wollte.

Die Frage der runden Hotelangestellten: “Wollens noch a Plunder?” wird von der Frau neben uns mit vollem Mund beantwortet, erinnert mich aber trotzdem an einen Witz, der geht so: Sitzt ne Oma im Taxi. Nach so 5 Minuten fragt sie: “Wollens a Nusserl, Herr Taxler” er: “Ja, gerne” und sie streckt die Hand nach vorne und er nimmt die Nuss und steckt sie in den Mund. Nach weiteren 5 Minuten wieder: “Wollens a Nusserl, Herr Taxler?”. Ja, gerne, Hand nach vorne und Nuss in den Mund. Nach 5 Minuten wieder. Und wieder. Und wieder. Irgendwann fragt der Taxifahrer: “Na sagn se mal, wo hams denn die janzen Nusserl her?” Da antwortet die Oma: “Ach wissen sie, Herr Taxler, ab nem jewissen Alder könn` se die Toffifee nur mehr lutsche.”

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Die Fähigkeit, die Ananas meidend, bestimmte Früchte selektiv aus der Obstsalatschüssel am Frühstücksbuffet zu entnehmen, lernt man nur in Jahren des Cluburlaubs. Ich glaube, mein Vater hatte das Gefühl, etwas wieder gut machen zu müssen. Und ich habe es immer schon gehasst. Das ist wie ein Privatzirkus, nur für dich. Da bekommt man doch nichts vom Land mit. Das ist kein Reisen. Das ist Urlaub, ja. Wann wurde eigentlich der Urlaub erfunden?

Als ich ihn Prag war, hatte ich das Gefühl in einer speziellen Version Prags zu sein, die nur für mich hier aufgebaut wurde. Es gab nicht so etwas wie Einwohner, Einkaufsläden oder irgendetwas anderes, was darauf hingedeutet hätte, dass man hier auch leben kann. Das erinnert mich an diese American Dad folge, in der Stan CIA-Technologie ausleiht, um seiner Familie die Projektion eines Familienurlaubs in den Kopf zu setzen, während die eigentlich in so Nährschleimkapseln schläft, um in aller Ruhe Football zu schauen. Und als das auffliegt, verarschen sich die Familienmitglieder alle gegenseitig, jeder um endlich Zeit für sich zu haben. Und am Ende machen sie alle zusammen, ganz bewusst und ganz absichtlich, Urlaub im Schleim. Und die Moral. Jeder braucht mal Zeit für sich im Urlaub. Und Urlaub, heißt nicht, woanders zu sein, sondern zusammen zu sein. Und Reisen heißt, woanders zu sein. Sie sehen (dramatische Pause) - es passt nichts.

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In alten Automaten im Museumsquartier kann man Kurzportfolios unter dem Titel "Betonblumen" für 2 € kaufen

Ich habe ungefähr drei Jahre gebraucht, um mich an den Humor der Südländer zu gewöhnen. Die können das nämlich. Witze machen, ohne selbst zu lachen. Wir Deutschen brauchen das eigene Lachen als Indikator für die Pointe, genauso wie das “Bitte klatschen” Schild. Ich hab das mal eine Weile lang gemacht. Witze gemacht, ohne selbst zu lachen. Und meistens hat man mich nur für relativ zurückgeblieben gehalten. Inzwischen mag ich südländische Kellner am liebsten. Man versteht sich. Und der Aufbau des Hummus, der lief sehr gut im Neni am Naschmarkt.

Der Großteil des Innenraums des Stephansdoms ist kostenpflichtig. Darf man das? Ich warte auf der Bank, die überraschend leer im Vergleich zum Rest des Doms ist. Erst, als mich jemand fragt, ob ich schon Lange auf die Beichte warte, wird mir klar warum. Darf man das? Aber so unterhält man sich wenigstens. Sie kommt aus Russland, eine kleine Insel vor Japan. 20 Stunden Flug. Ich würde gerne mal nach Russland, sage ich. Aber ich hab das Gefühl, das darf man nicht. Einfach so nach Russland. Sie lacht. Und sagt, dass ich recht habe.

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Ich bin Verfechter des italienischen Prinzips und gebe daher ein Drittel meines Geldes nur für Kaffee aus

Was macht man eigentlich bei einer Beichte? Sie erzählt, dass man jemanden zum Reden hat. Manchmal gibt er Ratschläge. Und manchmal sagt er nur, wie oft man beten soll. Ob das nicht die Verantwortung abgibt? Sie lacht. Und sagt, dass ich recht habe. Kurz habe ich mit dem Gedanken gespielt, jetzt einfach da in die Beichte reinzugehen. Ohne Katholik zu sein. Ich warte ja schon auf der Bank. Aber als Sie wieder raus kommt, sich Weihwasser ins Gesicht sprenkelt, sich bekreuzigt, niederkniet und verneigt, während gerade 400 chinesische Touristen das exakt gleiche Foto schießen, verstehe ich mehr. Trotzdem werde ich mal zur Beichte gehen.

Ich mag chinesische Touristen. Wirklich, ich mag sie. Ich mag zwar keine Touristen, aber von allen, sind mir die chinesischen am liebsten. Weil, die haben kein Problem damit, Tourist zu sein. So richtig meine ich. Die laufen in Trekking-Sandalen und Cargo-Shorts rum. Aber mit fünf-Achsen-stabilisierter Go-Pro auf Teleskopstab. Die stehen auch mal 5 Minuten lang in derselben Pose für das perfekte Foto. Die lassen sich für die Stadtrundfahrt anquatschen. Und machen die dann auch. Ich versuch das ja immer möglichst zu verstecken, dass ich Tourist bin. Aber die. Die klatschen. Als einzige. Bei der Übertragung von Aida.

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Und diese Atmosphäre werde ich nicht vergessen. Auf einer 300 Quadratmeter großen Leinwand, direkt vor dem Rathaus, wird die Aida von 2017 gezeigt. Und es regnet in Strömen und hinter uns sind tausende Buden und alle reden. Und es ist eine Atmosphäre, die du nicht einordnen kannst, wenn Anna Netrebko Wokzischen und Sprachfetzen unterlegt. Aber es ist eine Atmosphäre, die Hamburg auch könnte, wenn es wollte.

Die Chinesen machen nicht Urlaub für sich selber. Sondern für alle anderen.

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mumok, das heißt Museum für Moderne Kunst

Und ich bin deutlich zu kommunikativ. Ich hab erst neulich erfahren, dass man sich eigentlich mit den Leuten im Museum (mumok) nicht unterhält. Also weder mit den Besuchern, noch mit den Angestellten. Ich glaube, dass wir uns auch deswegen so schwer mit moderner Kunst tuen. Da muss man drüber reden, sonst funktioniert die nicht. Auf weißen Leinwänden ist halt de facto nichts drauf. Was nicht heißen muss, das weiße Leinwände nichts drauf haben.

Ein weißes Schachbrett. Alle Figuren sind weiß. Keine Pferde, Läufer, Damen oder Könige. Nur mit Türme und Bauern. Wir setzen uns. Es ist alte Tradition, dass - im Spiel der Könige, dass Weiß beginnt. Also du. Nein du. Oder ich. Der ältere und damit weisere? Der mit weniger Urlaub und der damit weißere? Wer weiß das schon. Hauptsache, Weiß beginnt. Bauer E2 nach E4. Bauer D7 nach E5. E4 schlägt nach E5. A7 nach A5. B2 nach B4. A5 schlägt B4. A1 nach A4. F7 F6. A8. Das ist mein Turm. Nein deiner. Oder. Ok, ab jetzt darf jeder mit jedem Turm ziehen. Und Ziel des Spiels. Na der König muss Matt. Und dann ohne König? Halt alle tot. Warte mal, wie viele Bauern hattest du jetzt noch über?

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In den alten Automaten kann man auch Comics für 2 € kaufen. Dieser handelt vom Sonntag

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Im Schach nicht. Bei Yoko Ono`s “White Chess Set” halt eben schon. Regeln und Ziele verändern sich während des Spiels. Schon bald weiß (ha!) keiner mehr, wer angefangen hat, wer was getan hat, was zerstörte, wem was gehörte. Krieg und Liebe. In Weiß. Wie Yoko Ono und John Lennon, nachdem ihre Liebe den Krieg um die Beatles begann und sie in Vollweiß in Hotelzimmern Statements abgegeben hatten. Wozu? Zu Krieg und Frieden. Wobei dieses Werk schon lange, bevor sie John Lennon überhaupt kennenlernte exisitierte - ich halte es trotzdem für sehr Biografieparallel.

Setz dich doch zu mir. Da ist noch Platz unter der Haube. Und die Form der Sitze. Sie eignet sich vorzüglich. Hier, mein Schoß, unterstützt von gelbem Plastik. Nur du und ich. Und alle anderen. Aber die sehen nicht, was wir hier unter dem Plastik tuen. Und wir. Wir sehen sie auch nicht. Denn unsere Sinne sind geflutet. Von Ton. Von Licht. Von Impression. Langsam kommen wir uns näher. Verschmelzen. Wie Plastik im Gas des Feuerzeugs der Marke BIC.

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Wien besteht hauptsächlich aus Bezirken und Ringen um ein Zentrum, den ersten Bezirk. Ein bisschen wie der zweite Teil von Hunger Games

Leider darf man den “Mind Expander II” von Hans-Rucker-Co nicht mehr betreten. Sonst könnte man noch einmal die glorreichen 60er nacherleben. In denen Plastik der Grundbaustein des Lebens wurde. Und LSD das Grundnahrungsmittel. Der “Mind Expander II” sollte das Bewusstseins- und Komfortzonenerweiternde von synthetischen Drogen ins Museum holen, zugänglicher machen und die Nebenwirkungen entfernen. Und dabei ganz schön spacig ausschauen.

Loise Lauder bricht mit ihren Fotos das System Museum in der Mitte auseinander (da wo der Mind Expander vorher das Loch gerissen hatte). Wo der “White Cube” sonst bewusst nach hinten tritt, um den, in ihm hängenden Werken nicht die Schau zu stehlen (die sich manchmal ja kaum von der Wandfarbe unterscheiden - wir erinnern uns). Da scheitert er an den Gesetzen dieser Welt. Gravitation. Brandschutzverordnungen. Diebstahlschutz. Dass der Mensch Sauerstoff zum Atmen braucht. Und eben da setzen Lauders Fotos an. Und zeigen die kleinen Dinge im White Cube, die seine perfekte Illusion zerstören. Hängungen, Sprinkler, Videokameras und Lüftungsgitter.

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Obwohl das Geräusch einer mechanischen Maschine entstammt, folglich System haben muss, wirkt es vollkommen unrythmisch*.

Schließt du die Augen, vergisst du die Maschine (hörst auf, dir ständig erklären zu wollen, wie alles funktioniert, wo es herkommt, wo es hingeht). Dann erfüllt einen das ständige Steigen und Fallen (des Tones) mit Wehmut.

Es klingt wie jemand, der keine Ahnung von Musik hat, und deswegen einfach 12 oder 13 Tasten gleichzeitg auf dem Keyboard drückt.

Die Leute machen den Fehler und gucken, versuchen zu verstehen. Aber das ist doch nicht der Sinn von Musik.

Das einzig rythmische Element bleibt das Schwungrad.

*Wobei die Motoren manipuliert werden und Schleifriemen abfallen können und das ganze ja aus Schrott ist.

Das war für Sie: Meta-Harmonie von Jean Tinguely.

Spotify Single


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Außerhalb des Ruheabteils eines ICEs ist man der ganzen Gewalt zwischenmenschlicher Eindrücke schutzlos ausgesetzt. Seit 9 Stunden spielen die beiden Kinder neben uns Pokemon. Mit Ton. Seit 9 Stunden weiß ich, dass nichts schöner klingt als The Pink Floyd. Und seit 9 Stunden riecht die russische Oma immer häufiger an ihren Zigaretten. Schön etwas zu haben, auf das man sich freut.

QITAN

*Der Titel dieses Artikels, wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt, stammt von einer Aktion des Künstlers Joseph Beuys, der ebenfalls im mumok ausgestellt wird.