27
Apr

45 | Tage der Freiheit

Wenn man mich gefragt hätte, bis wohin es länger dauert: Bis zur Sonne oder bis zum Abitur. Ich hätte auf die Sonne getippt, die war damals wenigstens in Sichtweite. Und jetzt hat mich unsere Mensafrau auf nen Cappucino eingeladen. Weil es vorbei ist. Letzte Prüfung, letzter Freitag, Englisch. Themen: Die Drei Fragezeichen und Virtuelle Utopie. Hätte auch von mir sein können. Und jetzt. Jetzt ist es erstmal Ruhe. Nicht so Ferienruhe, so mit die Tage bis wieder Schule ist runter zählen müssen. Ne, richtige high-level Ruhe. Irgendwann im Juni noch flott ne Mündliche, aber die snacke ich. Und dann ab. Sie beginnen. Die Tage der Freiheit.

Ab dem 1. September beginnt dann mein FSJ Kultur. Wahrscheinlich im Esche Kunsthaus in Altona. Street-Cred an Kinder weitergeben und so. Also Sprayen, Hip-Hop. Kochkurse. Altonaer Realness halt. Irgendwie das was ich ja sowieso schon mache, also wirds wohl ganz tight. Ich entschuldige mich einmal an dieser Stelle für die (selbst für die Verhältnisse dieses Blogs) massive Verwendung an Jugendsprache, Neologismen und englischen Verben, so falsch gebeugt, dass die es mit der Bandscheibe kriegen. Die neu gewonnene Flyness (Freiheit, richtig drauf sein - war Jugendwort des Jahres 2016) äußert sich bei mir auch artikulativ.

Ich musste schriftlich versichern, dass ich keine Straßengang gründen würde

Als ich in Neuseeland war, hatte ich das schon mal. Endlos lange frei. Andere Jugendliche gehen sprayen, vandalisieren. Gründen Straßengangs. Ich war in der Kirchengruppe (?) und angeln. Und boxen. Musste das ja vorher schriftlich der Organisation versichern, dass ich keine Straßengang gründen würde. Und jetzt war es wieder da. Endlos viel Zeit, endlos viel Raum, der gefüllt werden will. Ich schaff das nicht, vor dem Fernseher zu hocken oder Netflix zu bingen (das ist kein Jugendwort sondern Fachsprache). Und kiffen war auch nie mein Fall. Da ist dann einfach Leere erstmal.

“Nach roten Lippen, nach großen Klippen/Nach Gauloises Kippen schmeckt der Kuss der Freiheit”

Und das geht nicht nur mir so. Ich hab irgendwie alles schonmal gemacht. Theater, Musik, Comics, Graffiti, Brettspiele. Bloggen. Und vor 2 Jahren war ich fest davon überzeugt, Physik zu studieren. Bis mir mein Physiklehrer gesagt hat, dass ich überhaupt keinen Plan habe von Physik. Sondern von Philosophie. Weil ich erst, als es um Quantenmechanik und Relativität ging, richtig am abgehen war. Aber, dass ich sage, ich weiß wer ich sein will. Schwierig. Wer ich bin, ja, aber wer ich sein will. Keine Ahnung. Da haben Till (T-Dog) und ich mal beide zwei Essays zu geschrieben (über Guntram Vespers “Inseln im Landmeer”, Titel: “Warum der Mensch nicht gerne nackt ist”). Liam geht das ähnlich. Der hat sich erstmal ein Flugticket geholt. Spanien. 4 Wochen Jacobsweg. Auch ein Weg.

+

Ich glaube ich habe das Prinzip von Arbeit verstanden (und nicht weil ich gerade “Das Kapital” gelesen habe). Es gibt so etwas wie zu viel Zeit. In der Theorie hat nämlich jeder Mensch die selbe Menge Zeit (außer Veganer, die brauchen immer 1 Stunde am Tag, um anderen zu erzählen, dass sie vegan sind). Und die wird sehr schnell, sehr langweilig. Weil, man kann ja nichts machen. Weil ja alles geile Geld kostet. Paintball zum Beispiel. Oder Autoscooter. Also geht man arbeiten. Und hat dann zwar weniger Freizeit, dafür ist aber die Freizeit, die man hat, um einiges geiler. Ok das ist jetzt sehr utopisch. Eigentlich dient ja Arbeit dazu, das Volk klein und gehörig zu halten (Marx). Aber mir gefällt die Idee.

Aber arbeiten geh ich nicht. So viel freie Zeit im Leben hast du nie wieder, Johannes, sagt meine Mutter. Und sie hat recht. Wozu arbeiten. Ich krieg auch so interessante 24 Stunden auf der Reihe. Sehr gut sogar. Ich bin ein Mensch, der, wenn er erstmal fly (befreit von den alltäglichen Sorgen und Nöten - Jugensprache verkürzt doch den ein oder anderen Ausdruck) ist an den kleinsten Dingen den meisten Gefallen findet. Und es gibt so viele Dinge, die ich immer schon einmal machen wollte. Viele Dinge, die, weil sie keinen realen Nutzen haben, einfach nicht machbar sind, wenn man parallel dazu versucht, sein Abitur zu machen. Aber jetzt, jetzt machen wir endlich den ganzen Kram, der immer zu kurz kam. Und ich schreibe darüber, hier auf dem Blog.

Wenn man Prinz Pi fragt (ebenfalls ein Kandidat auf der: “Liste der Personen, die schon was Tolles machen, die ich aber beim besten Willen nicht abkann” Liste. Auf den Artikel warten ja viele, kommt auch bald, versprochen) wie Freiheit denn schmecken würde. Dann würde er mit viel Pathos antworten: “Nach roten Lippen, nach großen Klippen/Nach Gauloises Kippen schmeckt der Kuss der Freiheit” (Aus Fähnchen im Wind, der passt eigentlich ganz gut zur akuten Lebenssituation). Aber beim Lippenstift steht meine Freundin mehr so auf die Nude-Töne. Wonach schmeckt den Freiheit dann, Johannes?

Nach mit 22 Handtüchern in der U-Bahn hocken und Tee trinken. Nach an der IKEA-Kasse tatsächlich Zeit haben. Nach homoerotischen Lesezeichen in Reiseliteratur. Nach Raketenwerfer bauen. Nach hobbymäßig Rapper werden. Nach Aerosol. Morgen. Morgen gibt es mehr.

QITAN

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