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18 | Begegnung mit dem fremden Zwilling

Direkt neben dem dicken Jungen mit dem dicken roten Knopf liegt ein kleines Land, das nicht sonderlich beliebt als Reiseziel ist. Vielleicht liegt es an dieser Nachbarschaft. Dabei ist Südkorea ein unglaublich interessantes Land auf direktem Wege in die Zukunft. Nur weiß das keiner. Im Völkerkundemuseum Hamburg läuft derzeit eine Austellung unter dem Titel Uri Korea - Ruhe in Beschleunigung die ein erster, publiker Annäherungsversuch an das so fremd erscheinende Land sein soll. Und das klappt fantastisch. Interessant auch der hohe Anteil an asiatischen Besuchern.

Von Johannes Hassenstein

Aus der langjährigen Freundschaft zum National Folks Museum Of Korea entstand innerhalb von drei Jahren diese gemeinsam konzipierte Ausstellung. Südkorea stand aus Kolonialzeiten und dem Korea-Krieg wieder auf und gehört heute zu den sich am schnellsten entwickelnden Ländern der Welt. 90% aller Einwohner leben in Städten. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Frage nach der Verknüpfung von Alt und Neu, von Aufschwung und Tradition. Denn Südkorea ist, genauso wie viele asiatische Länder auch, ein Land voller Traditionen mitten im Aufbruch und muss nun die Gratwanderung wagen.

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Ppalli-Ppalli

Ppalli-Ppalli heißt soviel wie “schnell schnell” und ist das inoffizielle (und offizielle?) Lebensmotto in Südkorea. Nach dem Korea-Krieg gab es zwei Möglichkeiten: eiserner Vorhang und totalitäres Regime oder aufrappeln und aufholen. Südkorea entschied sich für letzteres und begann damit den gewaltigen Rückstand auf den Westen aufzuholen. Das führte zu einem unglaublichen Bildungshunger. Ein koreanischer Schüler verbringt in der Abschlussklasse 50 Wochenstunden damit zu lernen. Der europäische Durchschnitt sind 35. Es geht soweit, dass ein Schüler durch das Vorweisen seines Schülerausweises Rabatte und Vorteile erhält. Zum Beispiel beim Saunabesuch um sich vom Prüfungsstress zu entspannen. Und das lohnt sich. 80% aller Schüler besuchen nach abgeschlossener Schullaufbahn eine Universität.

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Aber Ppalli zieht sich quer durch Südkorea. Die Lieferkultur, die bei uns durch Lieferando, Deliveroo und Co erst langsam Einzug nimmt ist in Südkorea längt Standard. Restaurants werben mit schnellen Lieferangeboten, verspätet sich das Essen auch nur um Minuten geht es aufs Haus. Ein Restaurant ohne Lieferservice ist in Südkorea nicht zu betreiben. Denn es wird hart gearbeitet da bleibt keine Zeit zum kochen. Das Geschirr wird zwei Stunden später wieder abgeholt. Ein Großteil aller Smartphones wird heute in Südkorea hergestellt, vorallem LG und Samsung. Und die Südkoreaner sind auch die Early-Adoptesrs. Südkorea hat das schnellste Internet der Welt und die koreanische Schrift, Hangul genannt, eignet sich aufgrund seines Baukastensystems ideal für das Schreiben auf dem Computer und ist außerdem die einzige Schrift der Welt bei der man den Urheber kennt. In Südkorea besteht ein ständiger Drang nach Verbesserung und Neuerung. Das zeigt sich auch im Produktdesign. Nahezu jedes Produkt würde auf irgendeine Art und Weise an den südkoreanischen Markt angepasst. Traditionelle Teetische aus Vinyl und gummibeschichtete Arbeitshandschuhe statt den traditionellen Modellen aus Leder.

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Yeoga

Bei soviel schnell-schnell und Hektik muss man einen Ausgleich finden. Konfuzianismus, Meditation und innere Ruhe sind das Eine. Alkohol das Andere. Die Südkoreaner (sollen) als sehr trinkfreudig bekannt sein. Konsumiert wird gemeinsam mit Kollegen nach Feierabend in lauten, überfüllten Bars. Das gilt als romantischer. Auch hier findet sich ppalli-ppalli. Mithilfe von Tischklingeln kann der Kellner schnell bestellt werden und meistens das gewünschte Getränk direkt mit. Traditionell getrunken wird Soju, ein Reisschnapps, und Bier, dass dieses Jahr zum ersten Mal den Schnaps in der konsumierten Menge überholt hat. Oder ein Gemisch aus beiden, das sich schneller trinken lässt. Und trotzdem knallt. Ein originales, südkoreanisches Trinkspiel; The Titanic:

  1. Schenke ein halbes Glass Bier ein und lasse ein Soju-Shotglas darauf schwimmen
  2. Reicht das Glas herum und jeder füllt nacheinander Soju in das Shotglas
  3. Derjenige der das Glas versenkt darf trinken. Prost!

Gern gesehenes Geschenk: Anti-Kater-Drinks. Die sollen Mitgefühl zeigen. Nebst dem Konsum von Alkohl in Massen und Maßen ist auch das Computerspielen in Südkorea öffentlich akzeptabel. Sogenannte PC-Rooms gibt es in jeder Strasse. Und im Gegensatz zum europäischen Internet-Cafe sind die vorallem für eins gedacht: zocken. Südkorea ist das einzige Land mit einer offiziellen E-Sport Liga, also Wettkampf am Computer. Top Spieler verdienen 6- bis 7-stellig. Als Alternative kommt inzwischen Wandern stark in Mode. Denn Südkorea hat eine ziemlich schöne und sehr bergige Landschaft zu bieten. Image

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Deom und K-Pop

Obwohl Südkorea ein im Aufschwung befindliches Land ist findet man trotzdem oft tief verwurzelte Tradition. Zum Beispiel das Sitzen auf dem Boden. Egal wo, es wird auf dem Boden gesessen. Wozu auch Stühle (ernsthaft wozu haben wir eigentlich Stühle?!). Gegessen wird natürlich mit Stäbchen und es herrschen immer noch alte Riten. Löffel und Stäbchen niemals in die selbe Hand. Gegessen wird erst wenn der Älteste den Löffel hebt. Auch der traditionelle Wochenmarkt existiert weitaus etablierter als bei uns. Obwohl viele junge Leute inzwischen lieber in westlich gestaltete Supermärkte gehen. Diese müssen zweimal monatlich schließen um die traditionellen Märkte zu stärken. Gemessen wird In Doe, die Menge die ein erwachsener Mann in beiden Händen halten kann. Und oben drauf gibt es eine Deom, Zugabe, die zeigt Jeong, Zuneigung. So entsteht ein sehr intimes Verhältnis zwischen Händler und Käufer und es bilden sich schnell Stammkunden.

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Beliebt ist auch das essen in Strassenküchen. Der liebste Snack der Koreaner: Fischkuchen. Kein Fisch drin, ist nur eine karpfenförmige Waffel. Es werden aber auch tonnenweise Fertignudeln in Form von Ramen konsumiert. Nur sind die in Südkorea viel schärfer, die Koreaner lieben es nämlich scharf. Mehr zum Thema Südkoreanisches Streetfood findest du hier. Aber bei All der Tradition bricht doch vielerorts das althergebrachte Rollenverständnis. Der Singleboom macht auch vor Südkorea nicht halt. Und so muss dann auf den Rückenkratzer zurückgegriffen werden, den die Koreaner “Hand des pflichtbewussten Sohnes” nennen. Denn der pflichtbewusste Sohn ist meist nicht mehr im Haus. Kennen tuen wir aus Südkorea vorallem K-Pop (Ja, das ist ein Link zur Bunten aber der Artikel ist tatsächlich interessant), Kawaai und Computerspiele. Und alle anderen Kulturexporte aus Südkorea sind auch verboten. Denn ein Großteil aller südkoreanischen Kulturgüter befinden sich nicht mehr in Südkorea. Sondern zum Beispiel in deutschen Museen. Der erste Teil über das moderne Südkorea wurde nämlich abgerundet durch einen zweiten Teil über die Historie des Landes. Gestützt von der hauseigenen Sammlung. Image Image Image

Wir dürfen nicht versuchen die Natur zu erobern sonder müssen lernen mit ihr in Einklang zu leben - Koreanische Ästhetik

Zu sehen gab es Fächer, Masken, Tuschezeichnungen und Anderes, das zu erwarten war. Interessant waren vorallem die Rückschlüsse die man auf die Entwicklung in der heutigen Zeit ziehen konnte. So zeugen die schlichten aber kunstvollen Geschirre, aber auch die Fächer, die erst im Gegenlicht ihre wahre Schönheit zeigen, das feine Gefühl für Ästhetik der Koreaner. Selbst die Gewänder der Reichen zeugten davon. Lediglich die Farbigkeit hob sie von den weißen Gewändern der Unterklasse ab. Nur Schmuck und versteckte Details ließen den hohen Status beim Näherkommen erkennen. Image Image

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독일

Deutschland und Korea scheint auf den ersten Blick nichts zu verbinden. Bevor ich in der Ausstellung war wusste ich keine drei Dinge über Südkorea, ja hatte das Land nicht einmal als wichtig oder interessant wahrgenommen. Aber am Ende des ersten Teils finden sich einige Gespräche, mit Deutschen über Korea und vice versa. Und da stellte ich fest: doch, Korea und Deutschland haben viel miteinander gemeinsam. Beide Länder hatten nach 45 eine schwierige Rolle und mussten zu einem neuen Selbstverständnis finden. Für beide Länder lag der Weg in Bildung, Neuerung und wirtschaftlichem sowie gesellschaftlichem Aufschwung. Nicht etwa im militärischen. Beide Länder gehören heute zu Vorreitern in Sachen Politik, Wirtschaft und Technologie in ihrer Region. Und beide Länder verbindet der tiefe Glaube, dass für die Zukunft gekämpft werden muss. Sei es in der Digitalisierung oder im Recycling (Südkorea ist auf Platz 1, sowohl wenn es um die Digitalisierung der Städte als auch wenn es um die Trennung und Entsorgung von Müll geht. Weltweit.)

Südkorea könnte als ein Entwurf, eine Parabel des modernen Staates funktionieren. Aufgeklärt, fleißig, organisiert und immer auf der Suche nach Neuerung. Urbanisiert und Gebildet. Weit weg von der steten Isolation Chinas. Aber auch vollüberwacht, und vor den selben Problemen stehend wie jede aufstrebende Nation. Die Ausstellung Uri-Korea hat mir die Augen geöffnet, für ein Land, das ich sonst wohl nie so gesehen hätte. Wenn du noch nicht da warst: die Ausstellung läuft noch bis Ende 2018. Den Artikel gerne teilen.

QITAN