17
Jun

61 | Schriftzeichen aus Stahlbeton (VRHAM)

Wir betreten das VRHAM Festival durch einen dumpfen Tunnel. Achtung, Zitat: “Virtual reality is like dreaming with your eyes wide open”. Das “Open” leuchtet uns in geschlungen-orangen Leuchtbuchstaben entgegen. Willkommen in der neuen Realität, es ist offen. Und umsonst. Und noch leer. Denn es ist Eröffnungstag. Wir haben uns extra beeilt, hatten auf Konfetti und Banddurchschneiden, wie sie das mit den neuen IPhones immer machen, gehofft. Oder auf Goodie-Bags. Warum gibt es eigentlich keine Goodie-Bags mehr auf Geburtstagen, so wie das früher immer war? Links die Bar mit hippen Limos und Weißweinchen, Rechts ein blau erleuchtetes Zimmer im Biedermeierstil, in dem schon die Ersten in das hineinstarren, was wohl bald die Welt so stark verändern wird, wie einst das Feuer. Tief hinein starren sie, in die virtuelle Realität. Gott sei Dank starrt noch nichts zurück. Prometheus brachte dem Menschen einst das Feuer. Und ich bringe diesen Bericht vom VRHAM! Virtual Reality & Arts Festival:

Am Networking-Tisch, aus einem einzigen, langen Stück poliertem Holz, mit diesen gemütlichen Kaffeehaus-Glühbirnen darüber, treffen wir auf Ulrike Fischer. Communication/PR. Sie steht extra auf, um Visitenkarten zu holen. Ich habe leider nur Sticker. Es ist Eröffnungstag und es ist Presse da. Journalisten mit Macs. Ich klappe meinen Acer mit Stickern auf der Rückseite auf und hoffe, keiner merkt was. Wir machen Fotos, Till modelt*. Der Satz: “Das ist zu technokratisch” fällt und wir fragen uns, wie auf einem Festival für virtuelle Realität, denn nun etwas zu technokratisch sein kann.

vrham-festival-bericht-6

Als ich später gefragt werde, welchen Film ich bisher am besten fand, bleibe ich stocken. Fünf hab ich bisher gesehen. Und jeder war auf seine Weise besonders. Jeder Film hat einen Aspekt dieser befremdlichen Technologie genutzt und verschärft. War es “Geschichten aus Jerusalem”, in dem du selber schweigsamer, aber wichtiger Teil des Geschehens wirst und in dem du die Pickel der Umstehenden betrachten kannst, einfach so, als wärst du einfach da? Details auf der VRHAM! Website

vrham-festival-bericht-5

War es “Summation of Force”, das artsy Cricket-Spiel. Schwarz, Weiß, Sin-City-Gefühl, freier Fall, Löwen und Angoras hinter zerschossenen Fenstern. Eltern, Kinder, Bälle, Schläge, Schläge, Schläge, Geschwindigkeit, Addition, Addition, Multiplikation, Multiplikation, Multiplikation, Multiplikation, Multiplikation, Multiplikation. Heftige Einstiegsdroge ins VR. Details auf der VRHAM Webseite

vrham-festival-bericht-1

“Blind Vaysha”, der mich die ersten Minuten enttäuscht hatte, weil es ein Film mit fixer Perspektive war. Mich dann aber mit seinem eindringlichen Zeichenstil (ein gezeichneter VR-Film!) und diesem Trick, dass du, je nachdem welches Auge du öffnest, einen anderen Film siehst, gebannt hatte. Der Trick, der der Aufhänger ist. Das Mädchen, das auf dem einen Auge die Zukunft und auf dem Anderen die Vergangenheit sieht. Links isst ihr Zukünftiger noch Sandtörtchen, Rechts liegt er schon im Sarg. Der Film, der am Ende eine Parabel seiner selbst wurde. Details auf der VRHAM Webseite

vrham-festival-bericht-2

“Proxima”. Ganz viel Nacktheit und Geschlechtsorgane. Ein Licht und ein Mann folgt, aus der Badewanne in den Raum im Raum (im virtuellen Raum der im Raum ist, in dem ich sitze und schaue). Matrjoschka. Eine dicke Frau entdeckt er und sie tritt das kleine Licht mit den plumpen, nackten Füßen aus. Was war das. Die Neugier aufs Fremde, zu dessen Teil wir am Ende selber werden. Virtuelle Realität halt. Details auf der VRHAM Webseite

vrham-festival-bericht-3

Oder doch das klaustrophobische Buch der Hundert Geister (“Book of a Hundred Ghosts”). Mir krachen Schriftzeichen aus Stahlbeton auf die Schädeldecke während ich da liege, im Designersessel und in den virtuellen Himmel blicke. Das Tausendjährige Reich Chinas bricht zusammen, fällt mir ins Gesicht, durch ein Gerät, das vielleicht das einzige Reich errichten wird, was niemals zusammenbrechen kann. Details auf der VRHAM Webseite

vrham-festival-bericht-7

Ich weiß es nicht, antworte ich. Geht vielen so, sagt sie. Was nehme ich mit? Da kommt was ganz Großes auf uns zu. Wie bei einer U-Bahn, die aus dem Tunnel kommt und du zuerst nur die Spiegelung der Scheinwerfer auf den Stahlschienen siehst. Diese Reflexion, das ist dieses Festival. Das ist diese Technologie. Bei jedem Film spürt man diesen Schimmer von Größe. Dass Das, was da kommt, dadurch neu ist, dass es eben nicht als etwas Neues zu erkennen ist, sondern alles alt Bekannte von seinen Ketten, Grenzen, Rahmen befreit. Davor kann man Angst haben. Darauf kann man sich aber auch freuen, es ist die vielleicht einzige Chance unserer Generation, Pionier zu sein. Es ist gut, dass dieser Wandel nicht im Geheimen statt findet. Dass auch Rentner sich die VR-Brillen aufsetzen können und etwas erleben können, dass sie für unmöglich gehalten hätten, hätte man ihnen davon als Kinder erzählt. Und es ist fantastisch, dass es ein Festival gibt, dass sich zutiefst mit dem Thema und seinen einzelnden Facetten auseinandersetzt und dabei umsonst - und damit für alle zugänglich bleibt. Props dafür, liebes VRHAM Team!

vrham-festival-bericht-4

Auf meinem Weg zurück, unter der Brücke, wo man, wenn die U-Bahn drüber fährt, das unterschwellige Gefühl hat, es wäre langsam Zeit in den Volksschutzraum zu gehen. Dort besuche ich mein Lieblingsgraffiti (das eigentlich mit Kreide geschrieben ist): “Tanzt ihr Fotzen, die Königin hat Laune”. Gefällt mir. Ist so ein Satz, wo bei mir der Irrlauf im Kopf beginnt. Wie bei: “Völker stört die Signale” (war mal auf einem Thalia-Plakat) oder “Ilsebill salzt nach” (Anfangssatz aus “Der Butt” von Günter Grass). Mittelalte Amateurfotografen mit Angeberstativen stromern um die Deichtorhallen herum und speichern generische Stadtansichten auf ihren SD-Karten. Die Photo Triennale zieht sie an, wie das Licht die Motten, die Amateurfotografen, die auch dann direkt ihren Festivalpass am Schlüsselband um den Hals tragen. Guck her. Ich war da. Scheinen verzweifelt zu schreien: Ich mach das auch, was du da bewundert hast.

vrham-festival-bericht-8

Drei Omis spazieren an mir vorbei, als ich meinen Rucksack absetze um meine Kameratasche einzupacken, die mir jetzt irgendwie unangenehm geworden ist. Eine sagt: “Die sah ja schon auf der Hochzeit hüüüüüper modern aus!”. Ja. Irgendwie sieht die ganze Welt langsam hüüüüüper modern aus. Wär auch ein schöner Name für ein Technokollektiv: Hüpermodern.

QITAN

*Tills Instagram: @lordhimbert falls du ihn mal als Model buchen willst

newsletter?

Deine E-Mail-Adresse wird verschlüsselt übertragen und nicht an Dritte weitergegeben. Durch Angabe deiner E-Mail-Adresse stimmst du zu, E-Mails, diesen Blog betreffend von mir zu erhalten. Weiteres: Datenschutz
Dieser Blog verteilt (kaum) Cookies. Für weitere Infos zu Verwendung und Opt-Out siehe: Datenschutz NO OK