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80 | Wach mit Streichholzkindern

Der Film beginnt mit Masturbation. Weiblicher Masturbation. Wären wir in den 80ern, hätten wir hier einen handfesten Skandal im Sperrbezirk. Wir sind aber in den modernen Zeiten. Die ja eigentlich schon mit Charlie Chaplin anfingen, aber manche Dinge brauchen Zeit - Hefeteig zum Beispiel. Carlotta filmt und masturbiert. Filmt sich beim Masturbieren. Kommt tonlos. Ausdruckslos. Dazwischen schnell geschnittene Videoschnipsel in 4 zu 3. Es wird artsy. C. spürt nichts mehr. Nicht einmal den eigenen Orgasmus. Aber sie will doch fühlen! Angst haben, um zu wissen, dass sie lebt. Wach bleiben, um zu wissen, dass es das noch gibt. Das high. Das pure Gefühl. Davon handelt Wach von Kim Frank. Eine kurze Charakterskizze der Generation Z. Einer Generation, wie zweite Geschwisterkinder. Alles schon gesehen, nichts schockiert noch.

Von Johannes Hassenstein

Ich schreib hier keine Kurzkritik. Das machen die Anderen schon. Kannste da lesen. Gibt 3 Seiten Google Suchergebnisse für “Wach Film Kritik”. 400 bis 600 Wörter. Alle wichtigen Infos. Ja ganz guter Film so eigentlich, also kann sich mal angucken, wenn man denn gerade nichts halbwegs wichtigeres vorhat. Alles halbherzig. Ich setze mich auseinander. Auseinandersetzung heißt, die Dinge voneinander getrennt hinzusetzen. Den Film und die Geschichte. Die Umsetzung und die Message. Eins ist wichtig. Hier schreibt kein Mitte-30-Medienheini. Hier schreibe ich. 19. Und angeblich Mitglied dieser ominösen Bande von halbstarken Heranwachsenden, die dieser Film als die “Kinder, aus denen nichts werden sollte” betitelt. Die Generation Z.

Z wie Zorro.

Das hier wird nicht strukturiert. Kim Frank sagt bei Radio Eins, dass er einen Schneeball-Plot geschrieben hat. Eins führt zum anderen. Und ein Film mit Schneeball-Plot verdient eine Schneeball-Kritk.

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Ich bin 99 geboren. Offiziell also ein 90s-Kid - aber eigentlich in der hässlichen Spalte zwischen Alf nicht mehr kennen und musical.ly schon nicht mehr checken. Ich sitze zwischen den Stühlen, da wo das Popcorn klemmt. Wir sind die Kinder einer Generation, die alles hatte. Die florierende Wirtschaft, den Babyboom, den (relativen) Weltfrieden, den freien Sex und die wilden Jahre, als alles noch erlaubter war. Die Kinder der Plastikerfinder. Wie kann sich eine neue Generation definieren, wo doch ihre Eltern alles schon gemacht haben? Jeder Fehler begangen, jede Grenze überschritten, jedes Skandal überlebt. Haare färben und Piercings sind heute keine Rebellion, sondern Modeerscheinungen, die man bei Budni kaufen kann. CDU wählen und gut in der Schule sein. Das ist heute Rebellion.

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Der Trailer zu Wach auf Youtube

Worum gehts? Beide 17, beide weiblich, eine impulsiv und unüberlegt, die andere rational und analytisch. Die Siegesgöttin. Die Marke, die es uns einfach tuen lässt. Nike. Hinter der Kamera. Kim Frank. Ex-Frontmann von Echt. Ja, der Band, von der Junimond ist. Sein siebtes Drehbuch, sein erster Film. Der Prämisse seines Films, dass aus dieser Jugend nie was hätte werden sollen, steht schon die Existenz desselben entgegen. Franks Lebenslauf wiederlegt die Prämisse seines eigenen Films. Er, der in der Platte groß wurde. Gesagt hat, er wird mal reich und berühmt. Sich als eben dieses Kind fühlte, das Kind aus dem nie etwas werden sollte. Dann mit 18 doch plötzlich reich und berühmt wurde, mit 24 sterben und bis dahin alles mitnehmen wollte. Und jetzt 35 ist, alles mitgenommen hat. Er, aus dem dann doch etwas wurde. Er bringt uns diesen Film. Das Drehbuch. Die Kamera. Den Schnitt. Und Carlotta. C. Sie mag ihren Namen nicht. Aus der Perspektive ihrer Handkamera erzählt dieser Film.

Wach Film Kritik

Kim Frank, der Mann mit den zwei Vornamen - Fotos von Clara Nebeling mit freundlicher Genehmigung des ZDF

Vom Wachbleiben. Ohne Drogen. Um endlich etwas zu spüren. Etwas echtes. Die Kinder vom Bahnhof Zoo habe ich auf dem Boden im Schlafsack geguckt. Und gespürt. 14-Jährige, die sich Heroin spritzen. Die Protagonisten dieses Films sind 3 Jahre älter. Sie sind die Kinder, die mit 13 koksen und mit 14 merken, dass es scheiße ist. Kim schreibt das selber. Nike und C. sind längt über Drogen hinweg. Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert. Sie wohlen etwas ursprünglicheres, nicht synthetisisertes. Etwas Echt(es).

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Als Film ist Wach ein Experiment. Auf Youtube und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zugleich. Ein Spagat, den man nicht für möglich halten sollte. Aber er klappt. Kim sagt, er will, dass jeder diesen Film sehen kann. Er will in die Betten der Jugendlichen. Auf ihre Laptops. Auf ihre Smartphones. Das ist für sie. Was hat das ZDF dann damit zu tuen, das den Film zeitgleich zeigte?

Wer unter 30 guckt bitte ZDF?

Zwischen die subjektive Kamera von C. schneidet Kim unmengen an Referenzen auf altes Filmmaterial. Aufklärungsfilme hauptsächlich. Über Essen, Drogen, Sex. Wach endet mit einem Monolog - den viele als kitschig angesehen haben. Er ist das, worauf sich dieser Film zuspitzt. Der letzte Satz trifft. In die Magengrube. Übelkeit. Wir sind eure Kinder. Eure Kinder. Eure. Frank sagt, dass das sein Nachtritt an die Eltern ist. Wach ist ein Coming-of-Age Film für die Z-Jugend auf Youtube. Und ein Aufklärungsstreifen für besorgte Eltern im ZDF.

Wird der Film sie beruhigt schlafen lassen? Wohl kaum; darum gehts auch nicht. Aufklärung braucht Schock - Propaganda die Beruhigung.

Youtube


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Erste Kritik von Wach in der Wahlheimat Youtube. Fazit: Wack.

Wer dem Film vorwirft, er sei realitätsfern oder aussagenlos. Der hat vielleicht recht. Denn für die, die dieser Film ansprechen soll, für die ist er Realität. Dieser Film soll den ständig vergessenen Kids zeigen, dass sie nicht alleine sind, in ihrer Sinnsuche. Und die, die schon mit 18 wissen, dass sie BWL, Jura oder Medizin studieren werden. Die spricht dieser Film natürlich nicht an. Die haben ihre Sinnkrise nämlich erst mit 35, kaufen sich ne Harley und ficken eine Andere.

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Wach ist ein Film, der damit zu kämpfen hat, dass er kein Skandal provozieren kann. Größtenteils versucht er das auch gar nicht. Nike und C. werden trotzdem stark sexualisiert. Seit Lolita darf man das ja auch. Wenn jeder 14-jährige Game of Thrones gesehen hat und weiß, wie man ein Inkognito-Tab öffnet, dann braucht man keine Leinwandfilme mehr als Wixvorlage. Damit verliert Sex im Jugend-Film seinen Hauptzweck. Er hat längst diese Magie der Unnerreichbarkeit eingebüßt. Sex kriegst du heute überall und umsonst zu sehen. Niemand muss mehr Papas Playboy zocken. Und der Unterwäschekatalog ist tatsächlich nur noch ein Katalog.

Die Protagonisten werden nicht sexualisiert für den Skandal, nicht für die 14-jährigen Jungs. Sie sind sexualisiert, weil wir als Jugend sexualisiert sind. Wer was anderes behauptet, der muss nur einmal in den Club Hamburg gehen. Ja, der Dreier ist übertrieben. Und meiner Meinung nach auch fehl am Platz. Wahrscheinlich projiziert hier ein Regisseur einfach seine persönlichen Fantasien auf sein Werk. Nike sagt, sie will so einen kleinen Mann, so einen Oskar später. Frank auch, sagt er im Spiegel. Nichts Ungewöhnliches also, diese Projektion. Und auch nichts Falsches.

Der Dreier zeigt aber zwei Dinge auf (die man auch anders hätte zeigen können). Erwartet hätte man daraus resultierend das klassische Liebes-Dreieck. Nike, C., Jesko. Tatsächlich passiert ist, dass Nike und C. weiterhin zueinander wie Schwestern halten und Jesko nur als Mittel zum Zweck nutzen. Das zeigt: Sex ist längst nicht mehr mit Liebe verbunden. Sex ist Sex. So simpel, so wichtig.

Wach Film Kritik

Wach Film Kritik

Schaukeln in Nettelnburg, PLZ 21033 - Fotos von Clara Nebeling mit freundlicher Genehmigung des ZDF

Ist ein Dreier im Hotelzimmer realistisch. Kommt man mit 17 in jeden Club und an Kippen. Hat man mit 17 bereits Drogenerfahrungen gemacht? Ist es realistisch, dass man soweit geht, nur für ein Erlebnis? Hat dieser Artikel an dieser Stelle so viele rhetorische Fragen wirklich benötigt?

Ja.

Die Erlebnisgesellschaft von Gerhard Schulze ist eine anerkannte Gesellschaftstheorie, die Rentabilität von Jochen Schweizer und My Days der Beweis. Und Instagram und Snapchat gibt es um zu zeigen, was man erlebt. Du bist, was du isst, du warst, was du hast. Und du wirst sein, was du erlebst. Ist das also realistisch. Ja.

Ich trinke keinen Alkohol. Ich rauche kein Gras. Weil ich meine Erfahrungen gemacht habe. Ich habe den Spiegel und die EC-Karte hingehalten bekommen. Ich wollte nicht. Damals Bauchgefühl, heute froh drüber, weil ich Leute kenne, die damals zu allem ja gesagt haben. Ist das also realistisch. Ja.

Ich hab mit 15 meine ältere Schwester in den Club gebracht. Ist das also realistisch. Ja.

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Aussage. Aussage. Gibts nicht. Braucht es nicht. Welche Aussage hatte Bahnhof Zoo.? Welche Aussage haben Palo Alto, Blau ist eine warme Farbe oder Vielleicht lieber morgen.?Was sagte dir der Fänger im Roggen oder Bret Easton Ellis mit Unter Null? Sie sagen alle gar nichts. Und lassen damit die Stille, die es brauchte, um danach in sich hinein zu hören.

Denn das wollen diese Werke verursachen. Reaktion, Schock, lyrischen Schock. Selbsterkenntnis und Distanz. Da ist keine fixe Message, Ziel ist, dass du aufgerüttelt wirst durch die schiere Meng an Emotion, die diese Werke hinterlassen. Dafür braucht es das Vakuum danach. Sonst entsteht keine Wirkung.

Was diese Werke auszeichnet ist, dass sie als Werk funktionieren. Dass Wach auf Youtube erscheint, raubt dem Film meiner Meinung nach ein wenig Seriösität. Das ist vielleicht ein Problem, auf das Filme, die auf Youtube veröffentlicht werden, treffen könnten. Ich kann den Film impulsiv, beim ersten Anflug von fehlender Illusion, einfach wegklicken. Ich muss nicht aufstehen und die DVD auswerfen. Ich gucke ihn nicht weiter, weil um diese Uhrzeit sonst nichts läuft. Auf Youtube sind eine Milliarde Alternativen einen Klick weit weg. Und diesen ersten Anflug von fehlender Illusion, den hat Wach direkt am Anfang.

Denn ja: Wach hat Plottlücken. Und ja: es fehlt fast jegliche Charakterentwicklungen. Und diese Szene, in der Kim versucht die vierte Wand zu durchbrechen, in dem C. und Nike darüber nachdenken, die Filmaufnahmen aus ihrem Selbstexperiment zusammenzuschneiden und auf Youtube zu stellen. Die Stelle war echt schwach, scheiterte am Kitsch und an der Unauthentizität. Und eben diese Stelle hat mich den Film beim ersten Mal einfach wegklicken lassen.

Nach hinten raus wirds besser.

Wach Film Kritik

Wach Film Kritik

Auf dem Dach vom Seehotel Timmendorf, Geheimtipp von Lindenberg - Fotos von Clara Nebeling mit freundlicher Genehmigung des ZDF

Aber Kim versteht sich darauf, seine Protagonistinnen indirekt zu charakterisieren. Nike, als die impulsive, die Bauchentscheidungen trifft. Das sehen wir direkt am Beginn, wenn sie Hassans Mütze mitnimmt und sagt “Alles oder Nichts”. Wir können es an ihren Antworten, auf das andauernde Element des “Entweder-Oder-Spiels” erkennen. Schon der Name. Nike. Einfach machen. Carlotta. Unsicherer, unzufriedener, daher nur C. Sie hat den Plan. Sie weiß am Strand exakt, wie lange die beiden schon wach sind. Zweieinhalb Tage und zwei Nächte.

Besonders bemerkenswert finde ich zwei Dinge. Wach funktioniert wegen dem unglaublich gut gemachtem Realsound auch als Hörspiel, ohne viel Punch zu verlieren. Läuft die ganze Zeit im Hintergrund, während ich hier schreibe. Und Wach verliert nicht mehr Seriösität durch Youtube als nötig wäre. Gibt keine Werbung. Danke.

Spotify Single


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Dat Adam Song WACH (OST)

Genauso wenig, wie dieser Film wie ein klassischer Film produziert wurde, so ist er auch nicht wie ein klassischer Film zu betrachten. Wach ist Teil des ästhetischen Drive-Bys. Wie auch der Cloud-Rap. Gefühl, Ästhetik der Idee. Und dafür müssen Stimmung und Ästhetik halt rumkommen.

Und das klappt. Dafür sorgt, dass Nike noch nie geschauspielert hat, dass das Wohnviertel aus vier verschiedenen, Hamburger Vierteln zusammengesetzt wurde. Überhaupt ist es klasse, dass der Film in Hamburg spielt. Noch so eine Berliner-Szenejugend-Selbstbefriedigung hätte ich nicht ertragen.

Und es passt, dass Dat Adam den Soundtrack macht (nur den Titelsong, Sounddesign ist von Till Röllinghof). Den ich aber persönlich sehr schwach finde. Der Frontmann von Dat Adam heißt eigentlich Taddl und war hauptberuflich Youtuber, bevor er zu cool wurde und anfing, Rap zu machen. Und die Chrome-Ep, besonders 700 Main St., kann man sich echt geben. Wirklich. Dat Adam hat viel zum Film beigetragen, nicht nur den Soundtrack. Die gesamte Finanzierung, an der zuvor die anderen 6 Drehbücher von Kim gescheitert sind, lief über Funk. Der Tipp dazu Backstage von Dat Adam.

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VON. Der Text verblasst von Grau in Kalk in Weiss. Auf Schwarz. Ein einzelner Anschlag auf dem Piano. Wohltuende Stille - vertrieben von wohltuendem Analogklang nach so viel Techno. Die Ruhe nach dem Sturm. C. . Tastenanschlag. Weiterer Tastenanschlag. Erwartung aufgebaut. Erwartung enttäuscht. Schnitt über Schwarz. FÜR NIKE. Wie aus dem Nebel. Klavier. 24.05.2000 - 25.05.2018. Der Text verblasst langsam. Wie ausatmen. Das das Streichholz aushaucht, das Nikes Leben gewesen sein muss. Its better to burn out, than to fade away.

Q.