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15 | Wann leben nach Guntram Vesper

Am Montag ist ja bereits mein Essays zum Thema Landmeer von Guntram Vesper erschienen. Aber nicht nur ich sondern auch mein Freund Till hat seine Gedanken zu diesem Gedicht im Rahmen des landesweiten Wettbewerbs für philosophische Essays geäußert. Selbes Thema, völlig anderer Ansatz also dringend lesen. Till hat auch einen eigenen Blog (popculture-is-a-warzone.org) auf dem er über Popkultur und andere Sünden schreibt. Und über seine Kochkünste.

Von Tillman Immisch

„Wir dürfen unser/ Leben / nicht beschreiben, wie wir es / gelebt haben / sondern müssen es / so leben / wie wir es erzählen werden: / Mitleid / Trauer und Empörung.“ - Guntram Vesper

Lebt im jetzt, lebt nicht in der Zukunft. Lebt nicht in der Vergangenheit. Genießt den Moment. Oder lebt lieber doch nicht nur im Jetzt. Denkt auch über Entscheidungen nach. Sonst wird das Wohl anderer gefährdet und Nachhaltigkeit ist nicht gesichert. Aber vergesst, was passiert ist, es ist passiert. Aber lasst euch die Vergangenheit auch ein Lehre sein. Aus Geschichte kann gelernt werden. Aber auch nicht zu viel, sonst genießt man ja nichts mehr, sonst schwelgt man ja nur noch; sonst macht man sich ja nur noch Sorgen. Lebt doch lieber im Jetzt. Wann soll ich leben? Die Frage ist die Frage nach dem „Wie“ soll ich leben. Zukunftsorientiert, im Jetzt, oder schwelgend in der Vergangenheit. Ethisch? Menschlich? Lebe ich in der Vergangenheit, denke ich über Altes nach. Ich lebe die schönsten Teile meines Lebens, ich erhalte meine Gefühle, ich kann abrufen, ich bin unbeeinflusst von dem was um mich herum passiert. Ich bin sorgenfrei, denn alle Sorgen habe ich vergessen. Doch das Leben, die Zeit, geht weiter und ich darf nicht hängenbleiben.

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In der Vergangenheit zu leben, heißt auch, out-of-touch zu sein. Wer in der Vergangenheit lebt, der vergisst die Realität, vergisst sie zu gestalten und hat sich am Ende an eine verlebte Vergangenheit zu erinnern. Das Alte kann mir eine Lehre sein, aber nur, wenn ich es auf die Gegenwart anzuwenden weiß. Lebt im Jetzt, im Jetzt lebt ihr schließlich. Entscheidet nach Gefühl, lebt nach Lust. Vergesst altes, unangenehmes, denkt nicht an zukünftiges, unangenehmes. Lebt so, wie ihr genau gerade, genau jetzt leben wollt. So lebt man glücklich, denn man kann genießen, was man erreicht. Doch so kann es nicht immer weitergehen. Der Rest der Welt lebt zielorientiert. Wer immer lebt, wie er gerade will, läuft Gefahr die Möglichkeit zu verlieren, zu entscheiden, wie er gerade leben will. Dann muss er leben, wie die Welt es ihm auferlegt. Kaufe ich, was ich will, vertreibe ich meine Zeit wie ich will, arbeite ich wann und wie es auf mich zukommt habe ich am Ende kein Geld mehr, zu kaufen, was ich will, keine Zeit mehr, denn ich muss ums Überleben kämpfen und Arbeit hab ich wahrscheinlich gar keine mehr. Lebe ich im Jetzt weiter, vergesse ich was ich getan habe, lerne nicht aus meinen Fehlern, scheitere schnell daran, die Zukunft Teil meines Lebens zu machen, denn ich habe keine Vergangenheit, keine Erfahrungen, um diese einzuschätzen, ich bin wie ein Kind. Oder lebt in der Zukunft. Wohin will ich? Wo werde ich sein? Wo sehe ich mich in drei Jahren? In dieser Firma? Ich plane, ich arbeite hin, ich bin zielorientiert, was geschehen ist, ist geschehen und was ich tue, tue ich, weil es getan werden muss, um getan worden zu sein. So lebe ich nachhaltiger.

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Und am Ende hat es sich ausgezahlt, ich habe mein Ziel erreicht, die Zukunft ist hier. Doch kann ich die Zukunft so erreichen? Sie liegt schließlich immer vor mir. Logisch, chronologisch kann ich sie nicht erreichen. Ich lebe auf sie zu, aber man kann nur auf die Zukunft zu leben. Man lebt parallel zur Zukunft. Die Zukunft lebt weiter, ich lebe weiter, die Zukunft lebt vor mir weg, sie lebt mir hinfort. Habe ich mein Ziel erreicht, bahnt sich das nächste an. Ich bin nicht zufrieden, alles ist Ziel, jedes Ziel ist Zweck, der Weg zum größten Ziel, dem Abschluss, die Kulmination. Der Tod? Der Sinn meines Lebens ist es, auf den Sinn meines Lebens hinzuarbeiten. Ziele zu setzen, um das Ziel zu erreichen, doch ich kann das Ziel so nicht erreichen. Ist das nicht ziellos? Sinnlos? So werde ich nie zufrieden sein, geplagt von den Sorgen, über das, was kommen mag, mir ist es nicht möglich, das zu genießen, was ich erreiche oder erreicht habe. Ich werde nie glücklich. Natürlich sind wir nicht beschränkt auf das Leben in einer dieser Zeiten. Ich habe Zugang auf alle diese Zeiten, ich kann mulitchronologisch leben. Doch wie teile ich mir meinen chronologischen Wohnraum auf? Gleiche Drittel. 16 | 36 | 26 ? Aufteilen ist Quatsch, ich muss verbinden, vereinbaren. Und dafür erzähle ich. Wir Menschen reden nicht davon, wie etwas passiert ist, sondern wie etwas passiert sein sollte, sie erzählen. Die Erzählung ist das, was man erzählen will und was man erwartet, was erzählt werden soll.

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Menschen beschreiben ihr eigenes Leben nicht, denn dies erfordert viel Wahrheit, für viele zu viel Wahrheit. Und wenn wir unsere dunkelsten Vergehen offenlegen, so tun wir dies generell, um sie zu verarbeiten und künftig zu vermeiden. Das Beschreiben des eigenen Lebens hat zum Ziel den Rest dieses Lebens erzählen zu können. Wie lebt man ein Leben, das man erzählen kann und wie erzählt man ein Leben, das gelebt werden kann? Der Besuch des Vergangenen erzeugt nichts Erzählbares. Die Vergangenheit ist schon erzählt. Aber sie bietet uns den Kontrast zwischen dem, was gelebt wurde und dem, was erzählt worden ist. Nur im Blick auf die Vergangenheit lernen wir, wie wir gelebt haben und gerne gelebt hätten und so können wir Schluss ziehen, wie wir leben und gelebt haben wollen werden. Der Blick in die Zukunft benötigt Erfahrungen für eine realistische Einschätzung. Man wird nicht mit Erfahrungen geboren, Erfahrungen müssen gemacht werden, also ist man am Anfang des eigenen Lebens gezwungen, zu leben, wie es kommt. Von diesem Abschnitt unseres Lebens, der Kindheit, können wir nur beschreiben oder über ihn lügen. Aber Kindern wird verziehen, sie dürfen beschreiben.
 Womöglich sind wir deswegen als Kinder so glücklich, wir leben im Jetzt und haben keine Entscheidung zu treffen, ob wir vielleicht anders leben sollten, denn wir haben keine Wahl. Und keine Verantwortung Freiheit in der Einschränkung. Doch der Erwachsene hat eine Vergangenheit und so eröffnet sich ihm die Zukunft, das im voraus Planen, das Konsequenzen berechnen. Er hat die Möglichkeit, nicht nur im Jetzt zu leben, und er muss es auch, denn ihm wird eine Beschreibung seines Lebens oft nicht verziehen und er muss sich selber am Leben erhalten.

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Ein unethisches, verkommenes, ärmliches Leben bringt ihm die Missgunst seiner Mitmenschen und verbaut ihm selber das freie Weitergestalten seines Lebens. Ein reines Drauflosleben ist ihm nicht mehr möglich, es sei denn er lügt darüber oder er hat keine Ansprüche mehr an sein Erzählen. Also, nun hat er die Zukunft. Was tut er mit ihr? Lebt er auf ein großes Ziel zu? Was ist dieses Ziel? Ein perfektes Leben? Das Ideal, die Legende des Perfekten, das Vollkommene? Doch eben das ist nicht möglich, die Vollkommenheit kann niemals erreicht werden, - Was soll ein „vollkommenes Leben“ schon sein - man lebt darauf zu, dieses ultimative Ziel, auf das man zuarbeitet, das sich aber nie nähert. Wird man dann jemals glücklich? Hat man dann ein erzählenswertes Leben? Denn so stirbt man zwangsläufig vor dem ultimativen Erfolg, bevor man auch nur angefangen hat, zu erzählen; unzufrieden. Es muss ein realistisches Ende geben, das Ziel, nach dem man alles erreicht hat, um vor sich selbst und anderen zufriedenstellend seine Geschichte erzählen zu können. Und man erzählt eine Geschichte immer jemand anderem. Jemand anderem die Geschichte eines perfekten Lebens zu erzählen, oder die Geschichte des Weges dorthin ist nicht lehrreich; sie kann als Ideal dienen, auf das wieder zu gelebt werden kann - Die Aura des Promis, das erstrebenswerte Leben - aber schlussendlich lernt man aus Fehlern, auch den Fehlern anderer. Ein perfektes Leben kann nicht erreicht werden und die beste Erzählung vor anderen ist eine im Streben nach dem Guten, doch auch eine voller Fehler und deren Konsequenzen, eine wahre Erzählung. Dann können auch andere ihren Weg zum Guten berichtigen. Eine Erzählung muss so wahr sein, dass sie sich der Beschreibung bis auf die Ununterscheidbarkeit nähert, doch darf sie nicht nur Beschreibung werden. Man muss an die Geschichte, die man erzählen will, gewisse Ansprüche haben.

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Man muss sich Eingeständnisse machen in seiner Erzählung, sich selber erkennen, als wer man ist, Fehler akzeptieren, denn sonst will man erzählen, wie man überhaupt nicht leben könnte, selbst wenn man es versuchte - und gibt dann womöglich sogar auf - doch man sollte jeweils immer die Konsequenzen der eigenen Taten abwägen, um sicherzustellen, dass man leben kann wie man will (z.B. finanziell abgesichert) und um verantwortbar vor anderen und sich selbst gelebt zu haben, denn sonst lebt man unglücklich und so, wie man nicht wöllte, dass andere leben. Man muss seine Menschlichkeit ausleben, sein Mitleid umsetzen, aus der Empörung heraus aktiv werden und Trauer zulassen. Würden alle Menschen negative menschliche Emotionen nur unterdrücken und vergessen, so lebten alle unkooperativ und problemabgewandt, Missstände würden nie beseitig und Fortschritt nie erreicht. Man widersetzte sich dem Grundsatz der Ethik, zu handeln, wie andere handeln sollen und dann lebte man falsch. Man muss mit realistischem Blick auf die Zukunft leben, geboren aus dem abgewogenen Einschätzen der Vergangenheit, man muss konsequent auf seine Gefühle reagieren und das Beste tun, was einem möglich ist und nicht im Streben nach dem Ideal oder dem inkonsequenten Dahinleben nur seine Zeit verschwenden, jedoch ab und zu stehen bleiben und reflektieren und genießen, über das erreichte. So lebt man glücklich, so lebt man ethisch, so lebt man vor sich selbst verantwortbar. Hoffentlich.

Till