10
Mar

32 | Warst du Demo warst du sexy

Nachdem ich “Das schweigende Klassenzimmer” gesehen hatte wurde mir ganz viel ganz schnell ganz klar: Unsere Generation ist mordsmäßig unpolitisch. Weil es uns gut geht. Die Flüchtlinge landen in Italien, der Krieg bleibt in Syrien. Wehrpflicht ist abgeschafft. Das schweigende Klassenzimmer erzählt die (kino)wahre Geschichte einer Abiturklasse aus der DDR. Die sich im Kollektiv entschließt für gefallene, ungarische Revolutionäre zwei Minuten während des Unterrichts zu schweigen. Und damit von ganz oben Ärger bekommt.

Aus Solidarität für ihnen völlig fremde Menschen aus einem anderen Land ihr Abitur, ihre Freiheit und ihre Familie riskiert. Durchgehalten. Zusammengehalten. Aus der gemeinsamen Überzeugung etwas ändern zu müssen. Fest davon ausgehend auch etwas ändern zu können. Hausarrest und Schulverweis riskiert um heimlich Radio zu hören. Um sich politisch zu bilden. Heute riskieren wir Hausarrest für Party und sich politisch Bilden ist zur lästigen Pflicht geworden. Muss es denn erst verboten werden zu denken damit wir denken wollen.

Muss es denn erst verboten werden damit wir auch denken wollen?

Wenn meine Mutter mir erzählt wie es früher Mods und Punks gab. Und die Popper. Wie jeder sich mit einer dieser Gruppen identifiziert hatte. “Das waren immer die Popper. Und die Punks haben die gehasst” und so. Und damit jeder immer auch eine politische Ansicht hatte (ja die Popper waren bewusst unpolitisch und bewusst am überkonsumieren. Aber eben bewusst). Haben musste. Alle zu den Friedensdemonstrationen gegangen sind. Warst du Demo warst du sexy. Ich mein klar, heute gibt es auch noch politische Jugendliche. Aber Deutschland ist schon froh seit einer Weile nicht mehr besetzt, geteilt oder Verursacher eines Weltkriegs zu sein. Wozu noch politisch interessieren? Wenn du in Deutschland lebst hast du das Gefühl es braucht gar keine Politik mehr, es ist doch alles gut so wie es ist. Lebensentwurf Groko.

Wenn du in Deutschland lebst hast du das Gefühl es braucht gar keine Politik

Es gibt da immer diese Veranstaltung an der Schule wo alle Abgeordneten des jeweiligen Stadtteils zu einer gemeinsamen, von Oberstufenschülern des politischen Profils moderierten, Podiumsdiskussion kommen. Und immer zu viel reden und zu wenig antworten. Aber egal. Da war auf jedenfall während der Fragerunde dann ein Typ der sich gemeldet hatte und so sagt: “Ich hab ne Frage an die SPD”. Der SPD-ler dann, steh mal auf und zeig dich. Er steht auf. Hat nen “FCK SPD” Pulli an. Der war für 5 Sekunden mein Held. Bis er seine Frage gestellt hatte: “Ich und meine Jungs sind letztes Wochenende auf der Demo von Polizisten verprügelt worden.” Damit jeder in der Aula auch weiß “Er war Demo, er ist sexy”.

Ich hab da in einem anderen Jahr auch mal eine Frage gestellt. Wie das mit der Digitalisierung aussieht. Und hatte davor noch auf eine andere Frage geantwortet, über Südkorea. Kim Jong Un als: “Dicken, kleinen Jungen mit Rakete” bezeichnet. Und musste mir noch 3 Wochen lang von der Tutorin des politischen Profils anhören wie respektlos denn mein Kim-Kommentar gewesen sei. Anstatt sich zu freuen, dass da jemand sich interessiert, hinterfragt, sich nicht zufrieden gibt. Als sich unser Philosophiekurs mit Johannes Kahrs (SPD Listenkandidat aus Hamburg, Treffen fand im Tagesraum eines Kindergartens statt) traff, stellte ich so viele Fragen und hab soviel mit ihm diskutiert, dass mir sein Wahlhelfer (Azubi, Backup, Support oder wie man das nun nennt) nach dem Abend einen Flyer in die Hand gedrückt hatte mit dem Kommentar: Ich solle mich mal melden, Leute wie mich würde man bei der SPD brauchen. Es reicht also schon nachzuhaken und nicht ruhig zu bleiben um politisch zu sein. Du musst keine Ahnung haben. Nur bloß nicht das Maul halten.

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Politisch ist bei uns maximal noch Modeerscheinung. Es gibt so eine “Untergrundorganisation” die nennt sich selber DEMO-bewegt. Hat ne ganz nette Instagramseite. Ganz hübsche Sticker. Die kleben immer in den einschlägig “politischen” Vierteln. Sternschanze. Grindel. Ist mit Grundfarbe pink wohl auf junge Frauen gebrandet. Und hat auf der Website nur 2 Unterseiten. Home. Und Shop. Da kannste richtig schöne Pullis kaufen, dass alle auch sehen, dass du. Ja was hast du denn. Bei einer pseudopolitischen Organisation den Webshop besucht damit du auf der aktuellen “Warst du Demo warst du sexy” Welle mitreiten kannst. Genauso wie Bandshirts von H&M. (An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Wunsch der DEMO Organisation für mehr politisches Interesse und Wahlbeteiligung bei Jugendlichen zu sorgen sehr ehrenwert ist. Zwar glaube ich nicht, dass der “wir machens hipp” der richtige Weg für politische Themen ist. Aber ich glaube auch nicht es viel besser zu wissen. Vielleicht geht es einfach nicht mehr anders). Wir haben keine Idole mehr.

“Die Bücher in meinem Ikearegal ha’m mich gemacht/Easton Ellis, Palahniuk, Faldbakken und Christian Kracht/Und natürlich Nietzsche, Wittgenstein und Hegel” - Prinz Pi, Morgengrauen

Ehemals politische Bands wie K.I.Z. werden der breiten Maße mit weichen Kitschliedern über die Romantisierung der Apokalypse bekannt. Featuren mit Musikern die genau auf die Zielgruppe passen. Junge Frauen, wo politisch hören auch ein Top der Woche aus der In-Style sein könnte. Sprich Henning May von AnnenMayKantereit. Prinz Pi, einst großer Gesellschaftsritiker der gerne mit all den philosophischen Büchern die er so gelesen hat hausierte. Der macht jetzt Musik für. Na. Junge Frauen. Immer die selbe Geschichte, du bist die Eine, du bist das Original, du bist einzigartig. Der muss so dringend verkaufen, dass sein vollkommen generisches “Für immer und immer” irgendwie in den Soundtrack von “Planet der Affen” gekommen ist. Politik ist in unserer Generation genauso wie das Feuilleton der Zeitung. Das liest du ja auch nur damit die Anderen sehen, dass du das liest.

“Heut Nacht denken wir uns Namen für Sterne aus/Danken dieser Bombe vor 10 Jahren/Und machen Liebe bis die Sonne es sehen kann.” - KIZ, Hurra die Welt geht unter

Und die 2000er Generation. Die dabt. Und spint. Die feiert nur noch Youtuber. Und Minecraft. Und Schminken. Und Wincent Weiss (hieße er Vincent Vice wäre das irgendwie noch ganz ok). Inszeniert sich auf Instagram, Snapchat, Facebook ist längst vorbei. Zu viel Text, zu wenig Bild. Zwar sieht die aktuelle Politik die Existenz dieser Generation gar nicht mehr vor. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen wen die dann wählen. Klar rede ich hier immer von einer, von mir einen Topf geworfenen Masse. Es wird immer Gruppen politisch Interessierter geben. Die was bewegen. Aber diese Regierungsform nennt man Aristokratie. Für den Rest von uns bleibt Politik dann wohl doch nur der coole, pinke Pulli von Demo. Pink ist ja auch wieder Modefarbe.

QITAN

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