Dieser Blog verteilt (kaum) Cookies. Für weitere Infos zu Verwendung und Opt-Out siehe: DatenschutzNOOK


28 | Wer kauft ein im Kunstsupermarkt?

Weil mein Rucksack seinen Geist aufgegeben hatte und dringend einen Nachfolger benötigte war ich, wie schon in der ersten Kolumne wieder in der Innenstadt. Nach nicht bestandener Inspektion des Markenmodells von Bree (er hatte kein Laptopfach und der mit Laptopfach wäre erst ab Mitte März im Laden gewesen, kein Wunder, dass der Einzelhandel stirbt) fand sich das selbe Modell, halb so teuer und mit doppelt so viel Laptopfach bei Globetrotter. Und dann hatte ich irgendwie doch schneller als wie erwartet einen neuen Rucksack. Zeit tot geschlagen mit Till (Instagram: @lordhimbert) und im Kunstsupermarkt gewesen. Und es stellt sich uns die Frage: Wer kauft da eigentlich ein, in diesem Kunstsupermarkt?

Von Johannes Hassenstein

Bei Betreten des Supermarktes begrüßt uns eine, wahrscheinlich, Kunststudentin staubtrocken. Sie führt eine Inventarliste oder so. Irgendwas zum Abhaken. Direkt nach uns betritt ein älteres Paar den Laden, das wie Stammkunden grüßt aber genauso wie wir zurück gegrüßt wird. Ein schneller Streifzug durch das kleine Geschäft lässt Eines offensichtlich werden: Ja, hier gibt es Kunst! Da sind Leinwände, das da auf den Leinwänden sieht nicht kacke aus. Und es kostet nicht gerade wenig. Natürlich spricht hier die Stimme eines noch nicht Arbeitstätigen. Aber 800€ für ein doch sehr aussagenloses Bild ist happig. Laut Website sind alle Bilder zwar in den Preisklassen 59 €, 110 €, 220 € und 330 € zu haben, aber die gehangenen Einzelstücke kosten dann doch mehr. Das grundlegende Problem ist, dass das Ding zu wenig Kunst und auch noch zu wenig Supermarkt ist. Mehr so Vorwand eine Gallerie zu betreiben ohne Gallerist sein zu müssen. Und ohne 5 Meter Deckenhöhe. Und ohne genügend Platz zwischen den Werken, dass die tiefschürfenden Gedanken auch gut nachhallen können. Für Kunst sind die Bilder zu generisch, für den Supermarkt zu teuer. Aber Irgendjemand muss da ja trotzdem einkaufen, sonst gäb es das Ganze ja gar nicht. Unsere Zielgruppenanalyse ergab: Ferienwohnungseinrichter. In jeder Ferienwohnung hängt dieses klassische Leinwandbild, das laut FeWo-Direkt der Wohung “einen individuellen Touch verleit”, die Immobilie “charmant aufwertet und charakterisiert” (nein das steht da nicht wirklich aber wir einigen uns jetzt einfach mal darauf, dass es da so stehen könnte). Und der hohe Prozentsatz an Hafen- und Küstenbildern unterstütz das. Aber noch eine Zielgruppe tat sich auf. Der Schlagermove 68-er. Reich. Und absolut geschmacksbefreit. Wir waren dann auch ganz schnell wieder raus. Aber eigentlich ist das gar nicht so falsch, ein Kunstsupermarkt. Kunst ohne Gallerie, für den Normalverdiener erschwinglich und den HFBK Absolventen über Wasser haltend bis er seinen “Durchbruch” hat. Das muss doch gehen. In Potsdam war ich mal an einem Kunstautomaten. Da kam für ein paar Euro eine Streichholzschachtel herausgeklonkert, deren Inhalt lokale Künstler frei gestaltet hatten. Ich hatte da n Aquarell auf Plastikpappe von nem wirren Professor. Das war der Hammer. Warum denn nun nicht auch für den Supermarkt. Das Gefühl, dass mir im Kunstsupermarkt begegnete war, war das Gefühl, dass hier nicht wirklich Kunst verkauft wird. Schöne Bilder, ja. Aber es war alles zu brav, zu bieder, zu sehr Dekoartikel. Ich glaube, wenn man stattdessen Künstlern die Möglichkeit gibt ohne, dass es unbedingt dekorativ sein muss und ohne den Kunstsupermarkt als Haupteinnahmequelle zu verwenden, zu arbeiten, dann entsteht da was wirklich Großes. Bestimmt müssen viele Künstler malen um zu verkaufen und sind mehr oder weniger gezwungen das zu malen, was man unter ihrem Namen auch erwarten würde, sonst verkauft es sich nicht (da war neulich ein Bericht in der Welt am Sonntag, die Hamburger Künstlerin Viviane Gernaert gehört zu den bekanntesten Bildhauern Deutschlands und kann von ihrer Arbeit trotzdem nicht leben. Weil Gallerien zu viel Prozente ziehen). Und niemand malt sein Leben lang gerne nur abstrakt oder figürlich. Ein Laden wo man ungewöhnliche Originale von lokalen Künstlern kaufen kann, unter Pseudonym versteht sich, sonst bildet sich noch ein Schwarzmarkt. Ganz so, wie bekannte Marken für Aldi die selben Lebensmittel unter anderem Namen günstiger produzieren. Selbe Qualität, geringerer Preis, fasst schon ein Kunstdiscounter.

QITAN