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75 | Der Versuch, ein Pflaster abzureissen

Dennis ist eigentlich Nazi, geht aber trotzdem gerne tanzen. Am liebsten Club Hamburg. Viele Titten, sagt er. Sein aktueller Dauerbrenner und Aufreißgarant? Bella Ciao im Hugel Remix. Da kann man schön den 48er Bizeps zu flexen, sagt er. Und die Mäuschen mit dem Arsch wackeln. Auch im Benza kommt der ganz gut. Auf seinem Tinder-Profil kann man lesen, dass an Dennis Brustmuskeln die Schrotsalven zerplatzen wie Tontauben. Bitch. Klassischer Kollegah. Dennis Rücken ist stabil. Einen politischen Haltungsschaden kann man ihm trotzdem vorwerfen. Wenn er wählen geht - heimlich - dann die AfD. NPD darf er ja nicht mehr. Die ganzen Schwarzhaarigen Kanacken können schön in ihrem eigenen Land bleiben, meint Dennis. Und ihn nicht im Club stören. Ob die schwarzhaarigen Frauen denn hier bleiben dürften? Na sichi! Wenn er weiter in den nächsten Club zieht, verabschiedet er sich von seiner Eroberung meistens mit einem Zitat aus seinem Lieblingssong. Ciao Bella. Das ist sowas wie sein Signature-Move erzählen seine Jungs lachend.

Von Johannes Hassenstein

Bella Ciao. Die Melodie des Liedes stammt von den Reisfeldern Italiens. Zu den damals beschissenen Arbeitsbedingungen gehörte auch, das Reden während der Arbeit untersagt war. Singen aber nicht. Steigert ja die Produktivität (Zwinker Zwinker an Karl Marx). Und so organisierte sich der Wiederstand durch Gesang.

Eines Morgens erwachte ich/Und fand den Eindringling vor.

Seinen ersten Welterfolg feierte das Lied dann im Resistenza-Remix als antifaschistische Hymne in Italien während des Zweiten Weltkriegs. Die toten Partisanen, die ihrer bellissima ein letztes ciao bella zuriefen, werden als Helden gefeiert.

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Und es wird noch heute gesungen. Ljuba hat erzählt, dass die das eigentlich ganz schön oft bei den Falken singen. Aber der zweite Welterfolg kam dann als Hymne des Bankraubs in der Netflix-Serie “La casa de papel” (“Haus des Geldes”). Ironischerweise in der Interpretation von Berlin (kurz denken, klick machen lassen, dankeschön) landete der Song dann im französischen Hugel-Remix erst im Club, dann im Radio und dann auf musical.ly und in den Spotify-Playlists unserer Generation. Darf man das?

O Partisan, bring mich fort/Denn ich fühle, dass ich bald sterben werde

Eine der Grundthesen des #akzelerationalismus ist, dass es sich nicht lohnt, den Kapitalismus aufhalten zu wollen. Er absorbiert eh alles, was sich gegen ihn wendet und nutzt es für die eigenen Zwecke. Und so wird ein Lied gegen den Kapitalismus zum lukrativsten Song 2018. Darf man das? Und wenn man das darf, darf das auch jeder? Mike Singer auch?

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Und wir sind als Jugend unpolitisch geworden. Ich hab da jetzt nicht gelebt. Aber früher war vieles politisches Statement. Die Zigarettenmarke, die Kleidung, das Auto, die Frisur. Ich habe seit 2 Jahren keine Haare mehr auf dem Kopf und wurde, glaube ich schon öfter für einen Krebspatienten als für einen Nazi gehalten. Und die Tanzmusik war eben auch politisch. Wer im Berlin der 50er zu Rock’n’Roll tanzte, der war vieles, aber nicht unpolitisch. Es mag daran liegen, das es uns gut geht und wir in Frieden leben.

Sich mit Politik beschäftigen ist wie ein Pflaster abzuziehen. Das tut nur kurz weh. Aber sich nicht mit Politik zu beschäftigen, das ist, wie sich beide Arme brechen, wenn man vom Klo aufsteht. Peinlich.

Das alles sagt viel aus, über die aktuelle politische Lage unseres Landes. Zwei Dinge sagt es aus. Zum einen zeigt es uns den Unterschied zwischen liberal und konservativ. Links und Rechts. Obwohl wir immer noch eine Große Koalition in der Regierung haben. Was schade ist, weil Deutschland so weitere 4 Jahre den so dringend benötigten Sprung ins 21. Jahrhundert auf nach dem Kohleausstieg verschiebt. Trotzdem sind wir ein liberales Land. Während der Gründung der CDU hieß es noch, dass es keine Partei rechts der CDU geben darf (außer der CSU natürlich …) . Heute haben wir die AfD. Und auch die FDP ist in Teilen durchaus konservativer als die CDU. In Koalition mit einer Zentrum-Linken Partei ist unsere Regierung damit als liberal einzustufen.

Begrabe mich dort oben auf dem Berge/Und du musst mich begraben

Und in den Clubs des Landes wird auf ein sozialdemokratisches, antifaschistisches, liberales Protestlied getanzt. Es wird damit Geld verdient. Viel Geld. Es wird dazu getrunken und gevögelt. Aber nicht gedacht. Aber niemanden stört das. Und das ist gut so. Stellen wir es uns anders herum vor. Mit Faccetta Nera, einem Kampflied der Faschisten, dem Bella Ciao oft entgegen gesetzt wird. Unter einer konservativen Regierung würde ein Lied, in dem es um das Rächen der gefallenen Brüder geht plötzlich zur Tanzhymne. Nicht im Walzerremix. Im sich-ziemlich-sexuell-eindeutig-bewegen-während-das-Licht-flackert Remix.

“Rächen werden wir Schwarzhemden/Die Helden, die gestorben sind, um dich zu befreien” - Aus “Facetta Nera”

Und das ist nicht gut so. Weil wir in einem so unglaublich weich gespülten Land leben, das seit gut 70 Jahren Dauerfrieden und finanziellen Wohlstand hat. Und damit (fast - es gibt noch ein paar kleine Blogs…) jede Form von politischem Bewusstsein verloren hat. Niemand denkt mehr darüber nach, was das eigentlich heißt, welche Bedeutung dieses Lied hat. Hauptsache der Bass knallt und es gibt Arsch zu sehen. Völker, hört die Signale. Auf “Die Internationale” kann man halt nicht mit dem Arsch wackeln. Also kann man. Macht aber keiner.

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Ich hätte kein Problem mit politischer Popularmusik. Alligatoah und K.I.Z. müssen sich hinter viel Witz und viel Sex verstecken. Die Antilopen-Gang und die 257-ers haben sich leider nur den Witz und den Sex abgeschaut. Irie Revoltes hat eine Fanbase, die mir zu schräg ist. Die Beatles haben gezeigt, dass das geht. Aber das waren andere Zeiten damals. Da hieß, als Hippie auf einem Festival zu sein, 3 Tage auf Acid und nur im Besitz einer Unterhose in der Wüste hocken. Das sind Hippies. Sojamilch und Birkenstocks machen dich maximal hip.

Spotify Single


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Aber tanzen heißt halt eben gerade nicht denken. Wenn Eva Reisinger bei ze.tt also von einer Revolution auf der Tanzfläche spricht, dann muss ich leider sagen: Sorry, ich fänds auch schön, aber da hört leider keiner richtig zu.

Dies ist die Blume des Partisanen/ Der für die Freiheit starb *

Am Ende ist es doch so. Tanzen ist etwas, da darf man nicht denken. Da soll man nicht denken. Es ist zwar leider so, dass wozu du tanzt längst keine politische Aussage mehr ist. Aber das sind Klamotten oder Zigarettenmarken halt auch nicht mehr. Und eins dürfen wir nicht vergessen: wir können froh sein, dass wir noch tanzen können. Und dann ist mir das vollkommen egal, ob einem politischen Lied nicht genug politische Bedeutung zugewiesen wird. Hauptsache die politische Lage lässt es noch zu. Das Tanzen.

QITAN

*Die Übersetzung in Deutsche ist nicht exakt wortgetreu und stammt von Wikipedia